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Landschaft und Landwirtschaft

(c) Michael Gams, CIPRA International

Die Landwirtschaft prägt die alpine Landschaft stark und in sehr unterschiedlicher Art. Einerseits gibt es eine Vielzahl an prägenden Kulturlandschaften wie Terrassen, Weinberge, Kastanienwälder oder Weiden, die durch jahrhundertelange landwirtschaftliche Nutzung entstanden sind. Andererseits prägt auch die intensive Landwirtschaft, die mit ihren Monokulturen in den Alpen Einzug gehalten hat, das Landschaftsbild.

Trends und Herausforderungen

Landwirtschaftlich geprägte Landschaften in den Alpen haben in den letzten Jahrzehnten grosse Veränderungen erfahren. Entlegenere, weniger günstige Lagen verbuschen und verwalden – auch weil die dort erzeugten Produkte im globalen Preis-Wettbewerb kaum mithalten können. Verloren gehen damit nicht nur für die Biodiversität wichtige offene Flächen*, sondern auch die damit verbunden kulturellen Praktiken und Artefakte: Wege, Terrassen, Trockensteinmauern, kleine Ställe oder Scheunen, welche die alpine Landschaft seit Jahrhunderten prägen, zerfallen. Ganz anders sieht es in den Gunstlagen aus: Die Landwirtschaft wird mit einem massiven Einsatz von Maschinen, Antibiotika, Dünger, Pestiziden sowie zusätzlicher Bewässerung intensiviert, mit entsprechend negativen Folgen für die Artenvielfalt und die Bodengesundheit. Nicht zu vergessen ist auch die Tierhaltung: Die Steigerung der Produktivität in diesem Bereich führt zum Verlust der traditionellen Weidehaltung, mit entsprechend negativen Auswirkungen auf das Tierwohl und die Landschaft. Subventionen zur Unterstützung der Landwirtschaft haben in allen Alpenländern teilweise gravierende negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt, Bodengesundheit und Stoffkreisläufe**.

Forderungen 

Eine umwelt- und landschaftsverträglichere Ausgestaltung der intensiven Landwirtschaft in den Alpentälern ist zwingend. Es braucht Anreize zur Förderung der Biodiversität, der Bodengesundheit, des Tierwohls und den Verzicht auf besonders umweltschädigende Pestizide***.

Besonders wertvolle Kulturlandschaften müssen erfasst und geschützt werden und deren Schutz und Erhalt muss staatlich unterstützt werden. Speziell in den Südalpen wird dieser Prozess durch kleinteilige Besitzstrukturen verhindert; diese müssen zeitgemäss überarbeitet werden. 

Durch den steigenden ökonomischen Druck werden landwirtschaftliche Gebäude auch in den Alpen immer grösser – teilweise so gross, dass schon einzelne Bauten den Charakter ganzer Dörfer und Landschaften verändern. Eine landschaftsverträgliche Landwirtschaft darf nicht an den Grenzen der Felder aufhören – auch die Gebäude müssen in die Landschaft eingepasst werden.  

Ein wirksames System von Anreizen muss dafür sorgen, dass landwirtschaftliche Betriebe belohnt werden, die mit ihren Aktivitäten oder Unterlassungen zum Erhalt der Kulturlandschaften sowie deren ökologischen und sozio-ökonomischen Funktionen beitragen. Dienstleistungen von allgemeinem Interesse, insbesondere solche, die der Kulturlandschaft und der Naturvielfalt zugutekommen, sollten bei Direktförderungen Vorrang erhalten. So muss sich zum Beispiel die ökologisch sinnvolle Diversifizierung von Nutzpflanzen auch wirtschaftlich lohnen. Qualitativ hochwertige Produktionen in kleinem Massstab müssen wirksamer unterstützt werden und Vorrang bekommen vor der Massenproduktion. Solche Grundsätze und Anreize müssen in der gemeinsamen Agrarpolitik der EU**** und parallel in der Schweizer Agrarpolitik festgeschrieben werden. In der EU-Agrarpolitik zumindest gibt es eine Tendenz in diese Richtung mit der Strategie «Vom Bauernhof zur Gabel»*****.

Gerade beim Konsum von landwirtschaftlichen Produkten, die oftmals einen direkten Bezug zur alpinen Landschaft haben, gibt es ein unglaubliches Potenzial. Ansätze, die den regionalen und nachhaltigen Konsum und die Identifikation mit der alpinen Landschaft fördern – wie etwa die solidarische Landwirtschaft – sind auch in den Alpen unbedingt zu stärken.

Die Berglandwirtschaft braucht Strategien, um innovativer und widerstandsfähiger zu werden. Eine neue, innovative Generation von Landwirtinnen und Landwirten soll unterstützt und befähigt werden, Qualität kostendeckend zu produzieren, und einen besseren Zugang zum Boden und Markt bekommen.

 

* Die Aufgabe von ökologisch verantwortungsvoll genutzten Alpflächen und deren Verwaldung führt kurz- und mittelfristig zu einem Verlust an Biodiversität. Längerfristige Beobachtungen zeigen jedoch: Die freie Naturentwicklung und die freie Naturdynamik – insbesondere, wenn grosse Flächen zur Verfügung gestellt – kann sich durchaus positiv auf die Artenzusammensetzung auswirken.

** Vgl. Gubler, Ismail & Seidl 2020: Biodiversitätsschädigende Subventionen in der Schweiz. WSL Heft 92, 2020.

***  Vgl. Schiebel, A. (2017): Das Wunder von Mals.

**** Common Agricultural Policy (CAP): ec.europa.eu/info/food-farming-fisheries/key-policies/commonagricultural-policy_en 

***** Vgl. Farm to Fork Strategy: ec.europa.eu/food/farm2fork_en 

Interaktive Alpenkarte

Weiterführende Informationen