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Standpunkt: Das Dilemma des Tourismus

Barbara Wülser, stellvertretende Geschäftsführerin CIPRA International © Martin Walser

Die Reisetätigkeit bedroht die Werte, auf die der Tourismus in den Alpen angewiesen ist. Ein Dilemma. Nachhaltige Mobilität im Tourismus ist nicht nur ein Wettbewerbsvorteil, sondern ein «Muss», fordert Barbara Wülser, Stellvertretende Geschäftsführerin von CIPRA International.

Wie reisen wir? Diese Frage wird je länger je dringender. Ihr und der Kommunikation rundherum ging der Tourismus-Mobilitätstag des österreichischen Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus Mitte Mai 2018 in Graz nach. Für Tourismus-Destinationen in den Alpen gibt es zahlreiche Gründe, auf nachhaltige Mobilitätsangebote zu setzen.

60 Prozent der zurückgelegten Personenkilometer in den Alpen entfallen auf den Urlaubs- und Freizeitverkehr. Im Vergleich zu den 1960er Jahren ist das eine Verdoppelung. Bis 2030 wird ein weiterer Anstieg des Freizeitverkehrs um 30 Prozent vorausgesagt. Der Alpentourismus zerstört so seine eigenen Grundlagen: die alpine Landschaft, die natürliche Vielfalt, die Ruhe, die Abgeschiedenheit. Ist ein Ort besser erreichbar, reisen die Gäste schneller an – aber auch wieder schneller ab; Wertschöpfung geht verloren.

Drei Viertel der touristischen CO2-Emissionen gehen auf das Konto des Verkehrs. Der öffentliche Verkehr hat nur einen geringen Anteil: 84 Prozent der Urlaubsreisen in den Alpen werden mit dem eigenen Auto unternommen. Allerdings gibt es grosse Unterschiede zwischen den Alpenländern. Doch alpenweit nimmt das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln insbesondere in ländlichen Regionen eher ab. Die Alpenstaaten setzen beim Bahnverkehr mehrheitlich auf das Hochgeschwindigkeitsnetz.

Doch das Bahnsystem stösst an seine Grenzen, wie das Beispiel Schweiz auch zeigt. Alle Bedürfnisse zufrieden zu stellen, ist ein logistischer und kommunikativer Hochseilakt. Die Hochgeschwindigkeitszüge konkurrieren mit dem Regionalverkehr und dem Güterverkehr – und dem Flugverkehr. Statt in den Nachtzug in die Alpen steigt der heutige Tourist ins Billigflugzeug in die Malediven. In diesem Lichte betrachtet ist es unverständlich, weshalb die Alpenstaaten – mit Ausnahme von Österreich – ihre Nachtzüge absterben lassen.

Tendenziell ist die westeuropäische Gesellschaft sensibilisiert für Umweltanliegen, also auch für nachhaltige Mobilitätsangebote. Allerdings halten wir Westeuropäer auch unsere Flexibilität hoch. Diesbezüglich kann kein noch so ausgeklügeltes öffentliches Verkehrssystem mit dem eigenen Auto mithalten. Es geht also darum, die fehlende Flexibilität mit anderen Vorteilen wettzumachen. Phantasie und Innovationsgeist sind gefragt. E-Mobilität eröffnet zwar interessante neue Möglichkeiten, trägt aber alles in allem zu einer weiteren Zunahme des Verkehrsaufkommens und des Energieverbrauchs bei.

Für nachhaltige Mobilitätslösungen im Tourismus brauchen wir die Menschen vor Ort – als Gastgeber, als Multiplikatorinnen, als Nutzer. Ergebnisoffene Prozesse und partizipative Denk-Räume ermöglichen es, unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven von Gästen und Einheimischen einzubeziehen. Kooperationen von touristischer Mobilität mit Alltagsmobilität ermöglichen ein vielfältigeres Angebot.

Doch neue Verhaltensmuster muss man üben. Es braucht niederschwellige Angebote. Der «Youth Alpine Interrail Pass»,  ist ein solches. Entwickelt vom CIPRA-Jugendbeirat, motiviert es junge Menschen zwischen 16 und 27 Jahren, per Bahn durch die Alpen zu reisen und online über ihre Erlebnisse zu berichten.

Letztlich aber kommen wir nicht umhin, nach den Grenzen des Wachstums im Tourismus zu fragen. Am nachhaltigsten wäre es, wir würden zu Hause bleiben – aber dann gäbe es keinen Tourismus. Immerhin: Reisen wir in die Alpen, ist die Wahrscheinlichkeit kleiner, dass wir in weit entfernte Destinationen fliegen.

 

Quellen und weiterführende Informationen:

www.bmnt.gv.at/tourismus/tourismuspolitische-themen/tourismus-mobilitaetstag2018.html
www.alpconv.org/de/AlpineKnowledge/RSA/tourism/Documents/RSA4%20de%20WEB.pdf
www.cipra.org/de/alpmonitor/trends#zunehmende-mobilitaetwww.cipra.org/de/positionen/wintertourismus
www.yoalin.org (en)