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«Eine, die sich was sagen traut»

Luzia Martin-Gabriel ©Carolin Begle/CIPRA International

Dass Zugezogene neue Ideen bringen und den zusammenhalt stärken, zeigt Luzia Martin-Gabriel. Die Bürgermeisterin von Sonntag/A kann dabei auf den Rückhalt der Frauen zählen.

Luzia Martin-Gabriel ist «Ländler». Das sind jene, die «von draussen» kommen, heisst es im Grossen Walsertal/A. Seit 2016 ist Martin-Gabriel Bürgermeisterin der kleinen Talgemeinde Sonntag. Als Zugezogene und Frau nicht immer einfach, wie sie gemerkt hat. Nach wie vor ist die Ehefrau und dreifache Mutter als Lehrerin tätig – «Mittwoch ist Schultag» – und kümmert sich um Familie und Haushalt. Eine zeitliche Herausforderung, ja. Vierteilen muss sie sich trotzdem nicht. So gerne sie Verantwortung übernimmt, so gerne teilt sie diese auch.

In ihrer Rolle als Bürgermeisterin wirkt Martin-Gabriel als Vermittlerin. Sie möchte, dass die Menschen wieder mehr zusammenkommen. Obwohl es den Leuten im Tal und auch ausserhalb an nichts fehle, spüre sie eine grosse Unzufriedenheit unter den Menschen. «Wir brauchen uns zu wenig», so ihr Fazit. Der Vorteil von Gemeinden wie Sonntag sei ihre Grösse, so die Bürgermeisterin. «Sonntag ist klein und es gibt eine grosse Offenheit.» Als eine ihrer ersten Amtshandlungen schaffte sie die Gemeindeausschüsse ab, die nur für GemeindevertreterInnen zugänglich waren, und ersetzte sie durch Arbeitsgruppen. «Es kann nicht sein, dass Fachleute aus Sonntag in den Ausschüssen nicht mitarbeiten dürfen, weil sie keine GemeindevertreterInnen sind», begründet Martin-Gabriel. In den Arbeitsgruppen dürfen alle interessierten BürgerInnen der Gemeinde mitarbeiten. Das funktioniere gut, so die gut Fünfzigjährige, die Menschen treffen sich und wollten ihr Leben im Tal mitgestalten. Das sei wichtig, denn «alleine kann man nicht viel bewirken». Gemeinsam mit den anderen Dörfern im Tal arbeitet Martin-Gabriel nun daran, das Konzept der regionalen Entwicklung gemeindeübergreifend weiterzuentwickeln.

Es war die Heirat mit einem lokalen Sägewerksbesitzer, die Martin-Gabriel zur Jahrtausendwende nach Sonntag ins Grosse Walsertal brachte. Aufgewachsen im nur 25 Kilometer entfernten Schlins, kannte sie das Grosse Walsertal bis zu ihrem Umzug kaum. «Zu weit weg.» Eine gefühlte Distanz, die nicht nur am unwegsamen Gelände lag. Der im Tal produzierte Käse trägt nicht ohne Grund den Namen «Walserstolz». Von sich aus haben die WalserInnen den Kontakt zur «Zugereisten» nicht gesucht. Die Initiative kam von ihr. Um Frauen kennenzulernen, schrieb sie sich im lokalen Kneippverein ein und begann Kochkurse zu geben. Als Lehrerin der Fächer Küchenführung und Servierkunde wurde das Kontakteknüpfen so zum Heimspiel. Bald hatte die lokale Frauenbewegung Martin-Gabriel für sich entdeckt. Nach dem Motto «Du bist eine, die sich was sagen traut und die den Mund aufmacht» unterstützten die Frauen von Sonntag die Zugezogene 2004, die Leitung der Bibliothek zu übernehmen und 2010 als erste Frau in Sonntag an den Gemeinderatswahlen teilzunehmen. Martin-Gabriel weiss: «Ohne die Werbung der Frauen wäre ich nie in die Gemeindevertretung gekommen und somit auch nicht Bürgermeisterin geworden.»

 

Malina Grubhofer, CIPRA International

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