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«Unser Dorf hat Zukunft»

© Johannes Gautier

Viele ländliche Gemeinden in den Alpen sind vom Niedergang gezeichnet. Jobs werden rarer, Junge wandern ab, die Bausubstanz verfällt. BürgerInnen der Schweizer Ortschaft Valendas gründeten einen Verein, um ihrem Dorf neue Impulse zu geben.

Eine junge Frau verlässt mit Einkäufen unter dem Arm den kleinen  Dorfladen mit Tankstelle. Eine Familie sitzt auf den Holzplanken  des Dorfbrunnens und studiert eine Touristenbroschüre. Das weiss  getünchte «Gasthaus am Brunnen» füllt sich mittags mit hungrigen  Handwerkern und Gästen. Ein ganz normaler Sommertag im  300-Seelen-Dorf Valendas in Graubünden, Schweiz. Doch in vielen  Gemeinden in den Alpen sind solche Alltagsszenen nicht mehr  selbstverständlich. Auch in Valendas nicht, wie ein Blick zurück zeigt.  Verlassener Dorfplatz, leere Strassen, geschlossene Fensterläden:  Vor 40 Jahren porträtierte das Schweizer Fernsehen Valendas als  untergehendes Dorf. 2006 doppelte der Kanton Graubünden nach,  indem er den Ort zusammen mit vierzehn weiteren Gebieten als  «potenzialarm» bezeichnete. Rückläufige Beschäftigung, Abwanderung,  Abbau der Grundversorgung und ungünstige Finanzzahlen  zeichneten mittel- bis langfristig ein düsteres Bild. Die negative  Berichterstattung weckte den Widerstand von Einheimischen, darunter  Walter Marchion. Statt zu resignieren wollten sich die Valendaser  das Überleben ihres Heimatorts nicht absprechen lassen.  «Unser Dorf hat Zukunft», verkündete Marchion damals wie heute. Gemeinsam mit Regula Ragettli lud der Agronom zur Bürgerversammlung  in die Mehrzweckhalle ein, um die Zukunft von Valendas  anzupacken. Die Resonanz war enorm. 

Impulse entstehen Lokal 
Mit einer Umfrage ermittelten sie das Potenzial und die Entwicklungsmöglichkeiten.  Die Lage an der Rheinschlucht, das intakte  Dorfbild – eine Mischung aus alten Bauernhöfen und Herrschaftshäusern  – stellten sich als besondere Merkmale heraus. Um die  Kräfte zu bündeln, gründete Walter Marchion 2004 zusammen mit dreizehn weiteren Betroffenen den Verein «Valendas Impuls». Sie  setzen sich zum Ziel, dem Dorf wieder Leben einzuhauchen und  es als Arbeits- und Wohnort attraktiv zu machen. Der Plan war das  Ortsbild zu erhalten, historische Bauten nutzbar zu machen und Infrastruktur  wie Dorfladen, Restaurant oder Schulzentrum zu sichern.  Eine grosse Herausforderung des Projekts war die Anfangsfinanzierung.  Zum Beispiel erwies sich ein breit angelegter Spendenaufruf  als wenig erfolgreich. Eine Eigenleistung zu stellen sei besonders  wichtig, um weitere Geldgeber zu finden, betont Walter Marchion.  Die Vereinsmitglieder steckten viel freiwillige Arbeit in das Projekt,  umgerechnet mehr als sechs Personenjahre Arbeit; dieser Einsatz  überzeugte. Der Verein konnte die Gemeinde für ihr Vorhaben gewinnen.  Spenden von Privatpersonen kamen hinzu, die durch das  persönliche Netzwerk der Vereinsmitglieder erreicht wurden. Um  die alten Gebäude kaufen und renovieren zu können, riefen sie als  Trägerschaft die Stiftung Valendas Impuls ins Leben. 

Nachhaltige Dorfentwicklung 
«Am Anfang muss man möglichst bald Ergebnisse zeigen können,  das ist wichtig für Glaubwürdigkeit und die Motivation.» Eines  der ersten Projekte des Vereins war die Restauration des über  600 Jahre alten Backhauses, «Pfisteri» genannt. Der Aufwand war  überschaubar und erste Fortschritte konnten schnell begutachtet  werden. Im Beisein der Bevölkerung wurde die Backstube 2006  feierlich eingeweiht. So entstand ein Bezug auch für Anwohnerinnen  und Anwohner, die nicht Mitglied im Verein sind. Rund um die  «Pfisteri» duftet es seither einmal im Monat nach frisch gebackenem Holzofenbrot. Das Ziel sei, so Marchion, Impulse zu geben und  andere zu animieren, selbst Projekte auf die Beine zu stellen.  Das Herz- und Meisterstück war die Instandsetzung des geschichtsträchtigen  «Engihuus». Es steht direkt am Dorfplatz mit Nixen-  Brunnen, dem grössten historischen Holzbrunnen Europas. Das  Gebäude mit angebautem Stall diente als Wohnhaus, Gaststätte,  Ladenlokal, Bäckerei und zuletzt als Posthalterstation des letzten  Pferdepöstlers der Schweiz. Der älteste Teil des Gebäudes ist über  500 Jahre alt. Nach der Renovation befindet sich heute ein Restaurant  mit Hotel und Saal darin. Das Lokal trägt wesentlich dazu  bei, dass der Dorfplatz wieder ein Ort der Begegnung in Valendas  ist. Auf Initiative des Vereins finden dort zahlreiche kulturelle Veranstaltungen  statt. Das Gasthaus wurde 2015 zusammen mit dem  benachbarten «Türalihus» im alpenweiten Architekturpreis für nachhaltiges  Sanieren und Bauen «Constructive Alps» ausgezeichnet.
Über viele Jahrzehnte waren Wohn- und Arbeitsorte untrennbar  miteinander verknüpft. Durch die Segmentierung der Wirtschaft,  die Digitalisierung und die zunehmende Mobilität hat sich diese  Verbindung gelockert. Valendas besitzt einen Bahnhof und die  nächste grössere Stadt Chur ist relativ gut erreichbar. Damit bietet  sich Valendas die Chance, sich als attraktiven Wohnort im Einzugsgebiet  von Chur zu etablieren. Wie die Arbeitsmöglichkeiten  gestärkt werden können, ist eine nächste Herausforderung, die der  Verein anpacken möchte. «Wir wollen ein möglichst organisches  Wachstum, um ein lebendiges und authentisches Dorf zu sein.» 

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