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Eine Gemeinde sagt sich vom Atomstrom los

Zengerle

Erholung am Rand des Abwassers: Bürgermeister Arno Zengerle liebt ungewöhnliche Projekte und hat eine gute Nase für Fordertöpfe. © Heinz Heiss / Zeitenspiegel

Arno Zengerle, Bürgermeister von Wildpoldsried im Allgäu und Gastreferent an der CIPRA-Jahresfachtagung von Saint Vincent, weiss als Energie-Spezialist auch um die Kraft starker Visionen. Unter dem Motto «WIR», Wildpoldsried, innovativ, richtungsweisend, setzt sich seine Gemeinde mit viel Her(t)z für erneuerbare Energien und fürs Energiesparen ein – und verbraucht nur die Hälfte des umweltfreundlich erzeugten Stroms. Der 3. Alpenreport, «Wir Alpen», widmet Dorf und Bürgermeister eine Reportage. Hier einige Auszüge.
Es ist der Stillstand, den Wendelin Einsiedler mehr als alles andere fürchtet. «Sie müssen wieder laufen», ruft der Windbauer und springt in seinem Büro von einem Bein aufs andere. Draußen brechen Äste, alles ist in Bewegung an diesem stürmischen Vormittag, nur seine weißen Giganten nicht. Die Windräder haben sich bei den starken Böen abgeschaltet, damit sie nicht knicken wie Bäume.
Am Computer herrscht Einsiedler über zehn Windkraftanlagen. Er bringt mit einem Tastendruck die Rotorblätter, lang wie zwei Lastzüge, wieder zum Kreisen. Klick, Haarberg Nord auf dem Nachbarhügel dreht sich wieder. Klick, Langenberg nimmt Fahrt auf. Der Sturm hat die Tagesplanung des Allgäuers durcheinander gewirbelt. Lastwagen und Bagger warten auf ihn, der 51-Jährige mit dem zerzausten Haar muss los zu den Baustellen für seine zwei neuen Windkraftanlagen. «Franz», drängt er seinen Bruder und hat schon ein Bein im Gummistiefel, «jetzt steht Haarberg Süd wieder. Mach du das!»
Der Windpapst, wie ihn seine Freunde nennen, hat Wildpoldsried den ökologischen Aufschwung gebracht. Im Klimaschutz spielt das 2500-Seelen-Dorf in der Spitzenklasse mit, hat längst umgesetzt, worüber andere Jahre lang nur reden. Die Gemeinde erzeugt das Zweifache ihres Strombedarfs selbst. Die Wildpoldsrieder nutzen für die Energiegewinnung Rohstoffe­, die die Natur in dieser Gegend Bayerns bietet. Den Wind, der kräftig bläst im Voralpenland. Das Holz der Fichtenwälder. Die Sonne, die hier 1755 Stunden im Jahr scheint. Das Grünzeug, aus dem die Landwirte Biogas gewinnen. Selbst die Kraft des Dorfbachs geht nicht verloren.
Eine ganze Gemeinde sagt sich vom Atomstrom los. Doch gegen das Etikett «alternativ» wehren sich viele mit Vehemenz. Im Gemeinderat sitzt kein einziger Grüner. Der einstige Bioladen hat schon vor Jahren das «Bio» aus seinem Sortiment gestrichen. Die gesunde Kost war den sparsamen Allgäuern zu teuer. Es ist nicht in erster Linie ihr Ökobewusstsein, das sie motiviert. Sonst hätten sie das oberste Gebot einer zukunftsfähigen Energiepolitik stärker im Blick: Erst einmal Energie sparen, wo es möglich ist, dann schauen, wie man die noch benötigte Energie bereitstellt. Den Wildpoldsriedern geht es beim Ausbau regenerativer Energiequellen in erster Linie ums Geld. «Es zahlt sich aus», ist der wichtigste Grundsatz der Energiepolitik der Gemeinde. «Allein die Fotovoltaikanlagen auf den öffentlichen Gebäuden haben im vergangenen Jahr 50.000 Euro gebracht», sagt Bürgermeister Arno Zengerle. Gäbe es nicht den Denkmalschutz, hätten die Wildpoldsrieder sogar ihrer historischen Dorfkirche Sonnenkollektoren verpasst.

Eine Heizung spricht Bayrisch
«Wir haben viel Holz in Bayern», sagte Zengerle und warb so für den Bau einer eigenen mit Pellets befeuerten Dorfheizung. Es brauchte nicht viele Worte, sondern einen guten Geschäftsplan. Das war das beste Argument. Die Anlage kostete eine halbe Million Euro und spart fast 150 000 Liter Heizöl und 470 Tonnen Kohlendioxid im Jahr ein. Das erzählt Sigmund Hartmann jedem, der ihn im Heizkeller unterm Dorfsaal besucht.
Die Anlage ist sein ganzer Stolz, das sieht man ihm an. Der 66-jährige pensionierte Stahlgießer hat sie sogar selbst mitfinanziert. Die Heizung pumpt Wärme in die unterirdischen Rohre, die im Rathaus und in der Sporthalle enden. Schön warm haben es die Kirchgängerinnen und Kirchgänger und schön warm hat es auch die Familie Hartmann in ihrem Haus. 19 öffentliche und private Gebäude sind an das kleine Nahwärmenetz angeschlossen. «Als Gemeinschaftsprojekt rechnet sich das», weiß der Hüter der Heizung, der sowieso in eine neue Anlage hätte investieren müssen und nun jährlich rund 300 Euro spart. Wie viele im Ort hat auch er eine thermische Solaranlage auf dem Dach – für das Heißwasser. Der Abschied vom Öl war den Hartmanns wichtig. Erstens, weil es dann nicht mehr so stinkt im Keller, zweitens weil es billiger ist und drittens: «Weil Straubing näher ist als Saudi-Arabien», sagt Sigmund Hartmann.

Ein Ballon enttarnt Energiesünder
Wildpoldsried ist inzwischen weit über die Region hinaus bekannt, die Einträge im Goldenen Buch der Gemeinde beweisen es: Aus Japan und vom Bodensee, von den Grünen und aus den Reihen der CSU-Parteifreunde kommen diejenigen, die sich vom Energiedorf etwas abschauen wollen. Gerne erzählt der Bürgermeister den Gästen die Geschichte, wie er auf ungewöhnliche Weise für Altbausanierung warb. Vom Heißluftballon aus wurde mitten im Winter ein Film gedreht. Hauptdarsteller waren die Dächer. Lag noch Schnee drauf, stimmte die Dämmung, war das Weiß schon geschmolzen, hieß das für den Hausbesitzer: Hier wird zum Dach hinaus geheizt. Die Altbauten als Energieschleuder sind nicht nur in Wildpoldsried ein großes Problem. Ihr Heizölverbrauch liegt bei 20 und 25 Litern pro Quadratmeter Wohnfläche im Jahr. Das lässt sich durch moderne Technik bei Dämmung, Lüftung und Heizung drosseln – auf drei Liter oder noch weniger. Eine Investition, die sich bei steigenden Heizölpreisen langfristig auszahlt.

Viele Wege führen nach Rom
«Es gibt nicht den einen Weg beim Klimaschutz», sagt Zengerle und blättert in seinem Rathausbüro in einem dicken Stapel Papier, einem Katalog mit Einzelbeispielen aus vielen Ländern. «Wir lernen von den anderen.» Soll man nachts die Straßenlampen abschalten? Lässt sich aus dem Abwasser von Industrieanlagen Wärme gewinnen? Den Katalog hat Zengerle vom Energie- und Umweltzentrum Allgäu (eza!) mit Sitz in Kempten, das die Gemeinde seit Jahren begleitet. Die Berater geben Tipps, decken Schwachstellen auf. Und sie spornen die Wildpoldsrieder an, ihr kommunales Energiemanagement zu verbessern.
Das klingt kompliziert, ist aber denkbar einfach. Mitarbeiter der Gemeinde haben monatlich den Verbrauch von Heizöl, Strom und Wasser in Kindergarten, Schule, Rathaus und Feuerwehr kontrolliert. Stromfresser fielen beim Ablesen der Messgeräte schnell auf: Im Kindergarten standen die Boiler auf Maximum, eine vermeidbare Energieverschwendung. Bei der Feuerwehr lief die Heizung wegen eines undichten Ventils auch im Sommer. Das hatte keiner bemerkt. Nicht nur die Datenerfassung, auch die Schulung der Hausmeisterin und eine optimale Einstellung der Anlagen sind Teil des Energiemanagements, das sich für Wildpoldsried ausgezahlt hat. Das Dorf sparte während der zweieinhalb Jahre Projektlaufzeit 6.300 Euro. Zengerle beweist es gern mit dem Solarrechner aus der Schreibtischschublade.
Am Abend zuvor hat er sich mit dem neuen Energieteam der Gemeinde getroffen. Da sitzen nach Feierabend der Windpapst, Landwirte, eine Baubiologin, ein Fachinformatiker und eine Verwaltungsangestellte zusammen im Rathaus. Sie schreiben mit Hilfe einer Checkliste auf, was ihr Dorf bisher erreicht hat. Wie viel Strom, Heizöl, Kraftstoff wird im Ort verbraucht? Wie viel wird erzeugt? Wie sieht es mit dem öffentlichen Nahverkehr aus, wie mit dem Radwegenetz? Ist der Klimaschutz in der Bauleitplanung verankert?
Mit Vorschriften und erhobenem Zeigefinger arbeitet der Bürgermeister ungern. Er wolle aber mit den privaten Energiedaten seines Fünf-Personen-Haushaltes aufzeigen, dass ein ehemals hoher Verbrauch durch gezielte Einsparmaßnahmen ohne Verlust von Wohn- und Lebensqualität deutlich gesenkt werden kann und sucht hierzu auch weitere Musterfamilien, so seine neueste Idee. Vom Wäschetrockner bis zur Glühbirne wird alles notiert. Mit der Hilfe eines Beraters wird dann nach Einsparpotenzialen gesucht.
Ein solches ist beim Bürgermeister schnell zu finden: Sein dicker BMW oder eines seiner Motorräder. Ein Fahrrad dagegen besitzt er nicht. Darauf angesprochen weicht der Fan schneller Gefährte aus. Nein, ein kleines Drei-Liter-Auto komme für ihn nicht in Frage, wenigstens fahre er einen «sparsamen Diesel», wie er sagt: «Der braucht nur acht Liter auf hundert Kilometer – das ist doch gut für so einen großen Wagen.»
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