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Tourismus ist Zukunft

Therme Vals

Ein «hoher Wohlfühlwert» ist ein zentrales Kriterium bei der Wahl des Urlaubsortes. © Therme Vals

Trotz Kriegen und Ängsten vor Terror bleibt der Tourismus einer der wichtigsten Zukunftsmärkte, der sich unbeirrt mit einem konsequenten Wachstum an die Spitze der Wirtschaftsbranchen gesetzt hat. Allerdings ist der Tourismus von Morgen nicht mehr gleichzusetzen mit dem Tourismus, den wir aus der Vergangenheit kannten.
Der Tourismus der "Sommerfrische" oder des "Fremdenverkehrs", der sich noch in überschaubaren und unangefochtenen Nischen befunden hat, ist nicht der Tourismus der Zukunft. Die radikale Veränderung hat bereits eingesetzt und erfasst alle Regionen und Bereiche. Da ist der individuell gestrickte Pauschalurlaub genauso gefragt wie die Kurz-Kur am Wochenende oder eine längerfristige schöpferische Aus-Zeit (Sabbatical).

Neue Sehnsuchtsmärkte
Erst jüngst hat Matthias Horx vom Zukunftsinstitut Kelkheim auf die neuen Sehnsuchtsmärkte des "Tourismus 2020" aufmerksam gemacht. Diese neuen, weltweit greifenden Herausforderungen müssen erkannt und die Veränderungen in der Bedürfnisökonomie der Kunden wahrgenommen werden.
Die Touristinnen und Touristen der Zukunft werden weiter reisen, unabhängig davon, wie sich die Wirtschaftslage global entwickelt. Dies haben die Entwicklungen der letzten Jahre eindeutig gezeigt. Dabei wird das Motto der Tourismusbranche in Richtung individueller Gestaltung einerseits, aber auch höchstem Komfort und Service andererseits gehen. Die individuell gestaltete Pauschalreise beinhaltet dann Komfort, Genuss und Delegation aller unnötigen Alltagstätigkeiten an touristische Dienstleister. Das eindeutige Ziel im Urlaub ist daher der Zeitgewinn, um denjenigen Beschäftigungen nachgehen zu können, die sich die Gäste für den Urlaub vorgenommen haben.
Gleichzeitig erwarten zunehmend mehr Urlauber, die ihre Ferien im Hotel verbringen, ebenfalls ein Höchstmass an Individualität, Authentizität und persönlichem Service. Wenn hoher Komfort erwartet wird, dann aber bitte mit liebevollen Details: in der Ausstattung der Zimmer, in der zuvorkommenden Art des Personals oder in der persönlichen Handschrift des Kochs mit einer authentischen Note.

Wohlfühlwert und Kurztrips
Standen früher als Statussymbole beim Reiseverhalten die möglichst weite Entfernung, das exotische Reiseziel oder die technisch exklusive Ausstattung der Häuser im zentralen Bereich der Reiseentscheidung, wandelt sich dies zunehmend und stark in Richtung hoher Wohlfühlwert und häufigere Kurztrips. Alleine diese beiden Faktoren machen deutlich - was sich auch bereits an statistischen Zahlen ablesen lässt - dass die Fernreisen nicht mehr im absoluten Megatrend liegen.
Die stärkere Individualisierung wird auch zu einer qualifizierteren Beratung führen müssen. Der Druck auf die Reisebüros wird wegen zunehmender Online-Buchungen wachsen, gleichzeitig werden umfassende Freizeit- und Tourismusberatungen gefragt sein. Vor allem der Trend zu häufigeren Kurztrips macht auch Ausflüge in die nähere Umgebung attraktiv, wenn damit der gewünschte hohe Wohlfühlwert in gleicher Weise erreicht wird. Damit könnten die bisherigen Reisebüros zu Freizeit- und Urlaubsberatungszentren weiterentwickelt werden.
So wie sich die bisherigen Automobilclubs zunehmend zu Mobilitätsberatungs - Dienstleistern entwickeln, wird sich auch im Bereich der Reisebüros ein Wandel bemerkbar machen und zu einem tief greifenden Dienstleistungs- und Angebotswandel führen.

Megatrends: Globalisierung und Regionalisierung
Die Megatrends innerhalb der Trendkategorien sind die zentral bedeutsamen Triebkräfte gesellschaftlichen und ökonomischen Wandels. Wenn man nicht auf kurzfristige Modeerscheinungen, Hypes oder andere mediale Zugpferde hereinfallen möchte, muss man umfassende Kenntnisse der Megatrends besitzen. Denn sie verharren nicht auf kurzen Veränderungszyklen wie Konsum- oder Branchentrends, sondern sind langfristig angelegt: Megatrends umfassen in der Regel Zeitabläufe von bis zu 30 Jahren. Dabei sind sie auch von globaler Relevanz und damit nicht nur in der eigenen Region oder auf dem eigenen Kontinent spürbar. Und sie lassen sich auch nicht von kurzfristigen Backslashs beeinflussen.
Zu diesen zentral bedeutsamen Trends zählen neben der Globalisierung auf der einen Seite aber auch die Glokalisierung auf der anderen Seite, also die neben der zunehmenden Globalisierung die parallel immer wichtiger werdenden Ansätze einer Regionalisierung und der damit verbundenen Werte in Gesellschaft und Wirtschaft. Dabei sind dies keine Widersprüche, sondern sich durchaus ergänzende Pole, die aber beide bereits heute erkennbar auch auf die touristische Nachfrage Auswirkungen zeigen. Wir können zwar überall in der Welt unseren Urlaub buchen, kehren allerdings stärker immer wieder zu Destinationen mit dem erwähnten hohen Wohlfühlwert zurück, der nicht immer mit weiten Reiseentfernungen in Verbindung stehen muss.

Cocooning und Down Aging
Zu den Megatrends zählen aber auch die Individualisierung und das so genannte Cocooning, das sich Zurückziehen in die Privatsphäre, die Wiederentdeckung der Freundeskreise, das in der Gastronomie ausbleibende Publikum, das lieber zur Party in den eigenen vier Wänden einlädt oder die Abkehr von der klassischen Pauschalreise. Gleichzeitig erleben wir eine zwar immer älter werdende Gesellschaft, deren Älterwerden aber mit einem Gefühl und Verhalten des jünger Seins einher geht.
Dieses "Down Aging" hat natürlich starke Auswirkungen auf den Tourismus und seine Angebote. Die Nachfrage nach touristischen Angeboten wird gerade aus dieser immer stärker werdenden gesellschaftlichen Gruppe von Personen ausgelöst, die in einem hohen Masse reiseerfahren sind und den Trend der Zeit nach kürzeren Reisen und spirituelleren Inhalten suchen. Selfness löst Wellness ab, hat der oben erwähnte Zukunftsforscher Horx prophezeit. Damit meint er nicht nur die Nachfrage nach klösterlicher Ruhe, sondern insgesamt die Zunahme der touristischen Nachfrage nach Ruhe, Einkehr und Besinnung, nach Natursehnsucht oder Bildung. Hier hat sich ein völlig neuer Markt aufgetan, der enorme Perspektiven für anspruchsvolle Urlaubsinhalte bereithält.
Und zu den Megatrends zählen natürlich auch - unmittelbar mit Down Aging zusammenhängend - die gesamten Fragen der Gesundheit, des Sport-Tourismus und der Natursehnsüchte.

Gegenalltag als Reiseziel
Ergänzt werden die Megatrends schliesslich auch noch von den all umfassenden Themen wie "Neues Lernen" oder "Wissensökonomie" und der zunehmenden Bedeutung weiblicher Elemente in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. All dies hat bereits heute Auswirkungen auf Angebote im Tourismus und die dadurch ausgelöste Nachfrage. Diese Megatrends werden sich noch deutlich verstärken.
Zukünftig werden sich die Urlauberinnen und Urlauber mit viel grösserer Selbstverständlichkeit auf fremden Kontinenten, in anderen Kulturen oder Sprachkreisen bewegen. Solche Fernreisen sind aber zunehmend keine Statussymbole mehr. Denn der im beruflichen Alltag immer höher werdende Qualitätsaufwand weckt im Urlaub eher das Bedürfnis für einen Gegenalltag, also zur kürzeren Reise und zu einer Wohlfühlregion, welche diese Erwartungen auch mit dem geringeren Anreiseaufwand verbinden kann.
Als eine Konstante in den Grundbedürfnissen der Menschen gegenüber dem Urlaub erweist sich gerade diese Sehnsucht nach Kontrasterlebnissen gegenüber dem Alltagsleben. Und da darf es nicht verwundern, dass körperliche Herausforderungen, Action in allen nur denkbaren Formen und Wohlfühlangebote genau diesen Vorstellungen entsprechen, weil sie sich so fundamental von der aktuell erlebbaren oder wahrgenommenen Arbeitswelt unterscheiden. An diesen Bedürfnissen hat sich vielleicht gegenüber früher wenig geändert, allerdings steht den Menschen heute zur Erfüllung ihrer Sehnsüchte ein ganz anderer Zeitrahmen zur Verfügung und der bewusst gesuchte Gegenalltag hat sich durch veränderte Lebensstilformen grundlegend verändert.

Umfassende Qualitätserwartungen auf allen Ebenen
In einem sehr starken Masse werden im Tourismus der Zukunft wieder die verloren geglaubten immateriellen Werte an Bedeutung gewinnen. Diese sind die heute schon als Trend spürbare Authentizität, die Regionalität und umfassende Qualitätserwartungen auf allen Ebenen (Slow Life). Während dieser Mentalitätswandel im Lebensstil der Vereinigten Staaten bereits heute ein Drittel der Gesamtbevölkerung erfasst hat, werden für Europa in Zukunft noch deutlich höhere Bevölkerungsteile auf diesen Weg setzen. Diese Entwicklung verändert derzeit den touristischen Markt sehr nachhaltig.

Das Zukunftsinstitut Kelkheim hat vor diesem Hintergrund fünf zentrale Trends für den Tourismus skizziert:
o Gesundheits- und Wohlfühlreisen
o Exklusiv zugeschnittene Abenteuerreisen
o Hochwertige aber preisgünstige Grundangebote
o Individuelle Pauschalangebote (Bausteinelemente)
o Sozial- und Kreativ-Angebote für neue Kontakte und Inspirationen.

Alpen: Vom Winter- zum Sommerurlaub
Die Erkenntnisse aus der aktuellen Forschung für die Zukunft des Tourismus in den Alpen machen deutlich, dass der Sommerurlaub - "dank" des Klimawandels - eher gewinnen und der Winterurlaub auch deshalb verlieren wird, bzw. die Gästestruktur sich verändert, weil die klassischen Wintersportler extrem auf Schneesicherheit fixiert sind und ein Gesamterlebnis "Winterlandschaft" angestrebt wird.
Bei allen nachteiligen Auswirkungen des globalen Klimawandels, für die Alpen werden die beschriebenen Zukunftstrends durchaus interessante Perspektiven bieten. Dabei kommt dem Alpenraum ganz erheblich zugute, dass hier gerade für viele dieser Trends bereits seit Jahren Angebote erprobt und gelebt worden sind. Dazu zählen im gesamten Alpenraum die schon Ende der 1980er Jahre begonnenen LandGastWirt-Aktionen, die dem jetzt erstarkten Trend von Authentizität und Regionalität voll umfassend entsprechen.
Alpin lassen sich diese ja bereits vielfach vorhandenen Produkte in Richtung kulinarische Genuss-Themen wie z.B. Mostviertel bzw. Moststrasse, Genuss-Bildungsangebote wie z.B. Koch- und Käsedegustationskurse in Almregionen oder stark frequentierte Koch- und Sprachreisen bzw. Fitness-Reisen, z.B. mit Spitzenkoch der Region sowie mit Sprach- oder Fitness-Studios attraktiv und nachfrageorientiert weiterentwickeln.

Spirituelle Urlaubsformen auch in den Alpen
Aber auch das wachsende Interesse an spirituellen Urlaubsformen, bei denen Besinnung, innere Einkehr und Ruhe tragende Elemente sind, werden im Alpenraum grosse Zukunftsperspektiven haben. "Selfness statt Wellness" gilt auch für die Alpen, eine hochwertige regionale Kulinarik, Wohlbefinden, Gesundheit, aktive Prävention, Fitness oder Selbsterfahrung bieten Chancen für neue touristische Produkte.
Und schliesslich zählen kombinierte Reiseangebote mit Fort- oder Weiterbildungsinhalten zu den perspektivischen Zukunftsangeboten im Alpenraum. Eltern-Kind-Sprachreisen oder Architektur-Safaris gehören beispielsweise zu diesem wachsenden Segment, für die es bereits interessante Angebote gerade auch im Alpenraum gibt.
Die Beispiele machen deutlich, dass es neben den schneeabhängigen Wintersportangeboten oder dem klassischen Sommerurlaub in den Bergen bereits jetzt eine Reihe attraktiver Alternativen gibt, die noch ausbaufähig sind und keineswegs zu den wenig umsatzstarken Nischenprodukten zählen. Der Tourismus hat in den Alpen eine glänzende Zukunft vor sich, wenn er seine Angebote weiter konsequent an eindeutigen Trends einer kreativen Lebenskultur ausrichtet, wie dies die ökologische Bewegung einschliesslich der CIPRA seit über 20 Jahren prognostiziert hat.

Dieter Popp, Futour, München/D