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Jenseits von Masse

(c) Ruedi Hunziker

Sonia Kälin, Schwingerkönigin 2012, übers Frau sein im wohl archaischsten Männersport der Schweiz.

Aimées Wangen glühen. Sie drückt mit voller Kraft. Ivan stemmt dagegen. Mädchen gegen Junge, Schulter gegen Schulter. ­Aimée, versucht Ivan ein Bein wegzuschlagen. Er kontert, lupft sie an den Überhosen, reisst sie ins Sägemehl. Sie versucht, gegen das Gewicht des auf ihr liegenden, siebenjährigen Jungen zu drücken, nicht auf den Rücken zu fallen. Die Wangen werden röter, die Spannung im Körper der Neunjährigen bricht, sie lässt los. Sackt mit beiden Schultern ins Sägemehl.
Gemischte Kämpfe sind im Schwingen, dem Schweizer Nationalstolz, bis zum Einsetzen der Pubertät nur im Verband der Frauen möglich. Gegen frühreife Jungen wie Ivan haben Mädchen zwar Chancen, aber wenige. Während Ivan sich als Sieger seiner Kategorie am Schwingfest in Hergiswil feiern lässt, bleibt Aimée im Holzmehl liegen und weint. Tränen der Erschöpfung, des Verlusts. Eine junge Frau nähert sich und trägt sie aus dem Kampfkreis: Sonia Kälin, Schwingerkönigin aus dem Jahr 2012 und Aimées Betreuerin.
Sonia Kälin selber wird an diesem Samstag am Vierwaldstättersee Zweitplatzierte der Kategorie Aktive. Die Dreissigjährige vergiesst deshalb keine Tränen. Aber der Frust ist ihr anzumerken, hat doch die ­1,71 Meter grosse und 67 Kilogramm leichte Sekundarschullehrerin hervorragend gekämpft. Insbesondere wenn man Grösse und Gewicht mancher Gegnerin berücksichtigt. «Masse ist natürlich immer ein Vorteil.» Kälin kämpft mit Technik, Schnelligkeit, immer auf Angriff. «Das muss ich. Manchmal scheitere ich, weil mir die Geduld fehlt.»
Kälins blaue Augen werden von einem dünnen Lidstrich umrandet. Sommersprossen schimmern unter dem dezenten Make-Up hervor. Der kurze Haarschnitt betont die hohen Wangenknochen. Auch die anderen Schwingerinnen verwandeln sich für die Siegerehrung am Abend von kampferprobten Sportlerinnen zu schicken Tänzerinnen – Trachten zeigen straffe Waden und betonen volle Dekolletés. ­
Kälin kennt die Klischees. «Unter einer Schwingerin stellen sich die meisten eine dicke, unathletische Frau vor.» Kälin, die aus einer Familie von männlichen Schwingern stammt, hat «sehr spät» – mit 16 Jahren – angefangen, sich für den Schwingsport zu begeistern, als sie ihren jüngeren Bruder ins Training begleitete. «Damals habe ich nicht darüber nachgedacht, ob man das als Mädchen darf oder nicht.»
Widerstand begegnet den Athletinnen manchmal auch in den eigenen Reihen. Bei Anlässen wie dem Nationalen Schwingfest müssen die Frauen separat beworben werden, damit jene, die glauben, Schwingen sei ein Männersport, nicht brüskiert werden. «Manchmal opponieren die konservativen Kreise sogar bei gemeinsamen Sponsoren.» Als Trainerin ist es ihr ein Anliegen, ihre Schülerinnen in ihrer Leidenschaft zu bestärken. «Traditionen sind mir wichtig, aber man muss offen bleiben für Neues.»

Anja Conzett
Journalistin, Malans/CH

 

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Bauerstochter mit kräftigen Ambitionen

Sonia Kälin wurde 1985 als zweite Tochter von fünf Geschwistern geboren. Die Sekundarlehrerin für Deutsch, Französisch und Englisch unterrichtet im Kanton Schwyz, Schweiz, ist ledig und in festen Händen. Die passionierte Schweizerörgeli-Spielerin wohnt auf dem Bauernhof ihrer Eltern in Egg bei Einsiedeln – «dort wo die Strasse aufhört». Nebst ihrer Schwingkarriere kämpft Sonja Kälin auch im Team der Ringerinnen und bestreitet internationale Einzelturniere.

www.soniakaelin.ch
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