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Ist Landschaft verhandelbar?

(c) Jason Blackeye_unsplash

Weshalb kreieren Windparks neue Landschaften? Warum ist gerade das Unbestimmte schön? Was ist schützenswert? Ein Plädoyer für die Ästhetik von Rudi Erlacher.

Der Landschaftsschutz hat eine eigene Geschichte im Naturschutz: Die «schöne» Landschaft hat es schwer in Konfliktsituationen – das Argument, das zieht, war und ist die Artenvielfalt. Klassisch: Die Fledermaus Kleine Hufeisennase gegen den Bau der Waldschlösschenbrücke über die Elbe in Dresden, Deutschland. Man vermeidet das Thematisieren des «Ästhetischen», da es nicht quantifizierbar und nicht justiziabel, mit einem Wort: nicht satisfaktionsfähig ist. Die Brücke wurde gebaut. Hufeisennasen und Landschaften sind verhandelbar.
Sehr viel tiefer geht die Frage, ob die «Ästhetik» einer Landschaft verhandelbar ist – es geht um die Flexibilisierung des Ästhetischen.

DAS DILEMMA DER ENERGIEWENDE

Die Diskussion um die Ästhetik von Landschaft ist aufgekommen mit den erneuerbaren Energien. In Deutschland machen die meist hügeligen Naturparke rund 25 Prozent der Landesfläche aus. Die Hügelketten sind die idealen Standorte für Windräder – da geht der Wind! Wenn man einen wirklich erklecklichen Teil der deutschen Stromversorgung mit Windkraft erzeugen will, dann müssten unweigerlich die Rücken, landschaftsplanerisch «Splines» genannt, schier aller deutschen Naturparks mit weithin sichtbaren Windrädern überzogen werden.

Dieser Eingriff ist absehbar so gross, dass man in argumentative Not kommt. Naturparks sind ja weniger naturschutzfachlich ausgezeichnet als dass sie als attraktive «Fluchtlandschaften» der urbanen Räume unersetzlich sind. Wo will, wo soll der Städter aus dem Ruhrgebiet in seiner Freizeit hin und nicht fliegen, wenn nicht in einen der zwölf näheren Naturparks?
Angesichts des Dilemmas zwischen Energie und Landschaft hat man kurzerhand den Spiess umgedreht: Was eine schöne Landschaft ist, das ist kulturell bedingt. Eine neue Kultur der Raumnutzung (Windenergie) kreiert neue Landschaften, neue Ästhetiken, neue Heimaten – man muss sich nur darauf einlassen, sich mit ihnen bekannt machen –, denn das einmal Bekannte neu zu entdecken, das ist das Schöne! Die Ästhetik einer Landschaft wird damit transitorisch und verhandelbar: neue Nutzungen, neue Ästhetiken.

Das ist z. B. auch das Credo der Spaziergangswissenschaft des Lucius Burckhardt – nicht auf die Landschaft kommt es an, sondern auf das «Narrativ», das sich zu einer Landschaft ausspinnen lässt: «[…] schliesslich müssen wir darauf vertrauen, dass neue Generationen in neuen Konstellationen natürlicher Reste und wirtschaftlicher Eingriffe neue Landschaftsbilder zu entdecken vermögen.»

Das Gegenteil aber ist der Fall. «Das Schöne ist das Unbestimmte», schreibt der Philosoph Christoph Menke. Dort, wo die Sprache im Staunen versagt, da zeigt sich das Schöne. Sprache scheitert bei der Beschreibung von Gesichtern – deshalb sind Gesichter, auch die hässlichsten, ästhetisch. Und Landschaften sind die Gesichter der Erde. Eindeutigkeit ist langweilig und banal. Diesen Räumen flieht der moderne Mensch in seiner Freiheit, dort gern zu sein, wo es ihm gefällt. Und wenn das Fluchtmobil der Flieger ist. Keine guten Aussichten für das Klima, wenn sich die letzten natürlichen bzw. naturnahen Landschaften wegen der erneuerbaren Energien zu industrialisierten Nicht-Landschaften verwandeln.
Was gilt es also zu schützen? Die Nichtverhandelbarkeit des Begriffs des Ästhetischen! Nur so lassen sich Landschaften auch in Zeiten der Energiewende verteidigen.


LANDSCHAFTSSCHÜTZER UND BERGSTEIGER
Rudolf Erlacher, geboren 1949 in Kreuth am Tegernsee (Oberbayern), ist Diplom-Physiker und Bergsteiger. Seit 2003 setzt er sich im Vorstand des «Verein zum Schutz der Bergwelt» für die alpine Natur und Landschaft ein. Seit 2015 sitzt er im Präsidium des Deutschen Alpenvereins.

www.vzsb.de

 

Quelle und weitere Informationen: www.cipra.org/szenealpen