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«Auch der Bauer hat gelernt, spazieren zu gehen.»

Gion A. Caminada fordert, Architektur als Teil eines Ganzen zu sehen. (c) Yannick Andrea

Im Schweizer Bergdorf Vrin aufgewachsen, hat Gion A. Caminada im Laufe seines Lebens verschiedene Zugänge zur Landschaft erfahren. Mit seiner Architektur möchte er Gemeinschaften und Beziehungen schaffen — zwischen Menschen, Objekten und Landschaften.

Herr Caminada, die Alpen sind gebaut und verbaut. Was kann ein Architekt noch beitragen?

Wir müssen das Bauen anders denken. Die Architektur der Zukunft muss stärker eine Architektur der Beziehung sein. Wenn ich auf mein Heimatdorf Vrin zurückschaue, frage ich mich: Hat sich der Aufwand in den letzten 30 Jahren gelohnt? Ist es ge­scheitert oder gelungen? Ich habe immer versucht, Architektur als Teil eines Ganzen zu betrachten. So gesehen ist die Architek­tur in Vrin dank dieser versuchten Integrität weder gescheitert noch gelungen, sondern Teil des Lebensprozesses. Diese Prozes­se sind nicht von einer bestimmten Dauer. Was zählt ist die Nähe, die Aufmerksamkeit zu den Dingen. Von aussen herangetrage­ne Strategien und Konzepte genügen nicht – die sind in der Regel weder nah noch zeitübergreifend. Qualität entsteht durch Intensität und Auseinandersetzung mit der Gegenwart, mit der Vergangenheit, mit der Zukunft – entscheidend ist die Vergegen­wärtigung. Die Alpen werden nie fertig ge­baut sein. Bauen ist Leben.

Es gibt Architektur, die die Landschaft inszeniert, wie der temporäre Turm auf dem Julierpass. Gibt es eine Grenze der Inszenierung?

Alles, was Menschen machen, ist ein Stück weit eine Inszenierung. Wir können das tun, aber es darf nicht aus reiner Willkür gesche­hen. Es muss aus einer Idee entstehen, wel­che die Situation an einem Ort stärkt, die Gemeinschaften und Beziehungen schafft. Wenn ich beispielsweise ein Panoramafens­ter setze, dann inszeniere ich die Landschaft als Bild. Als alleiniges Ziel interessiert mich das nicht. Ich setze gerne etwas davor, ei­nen Resonanzkörper, damit das, was ich sehe, zurückwirkt. Das schafft Spannung. So entstehen Wechselbeziehungen und nicht stumme Wirkungen – Resonanzen.

Menschen prägen Landschaften heute anders als früher. Hat sich damit auch die Beziehung der Menschen zur Landschaft verändert?

Wir – auch wir Bergler – bewegen uns heute anders im Raum. Der Tourist geht auf den Berg, weil er will, der Bauer, weil er muss – früher. Niemand tat sich freiwillig eine solche Tortur an. Das Leben hat sich ver­ändert. Die Existenzformen sind weniger anstrengend. Wir haben Zeit für andere Vorstellungen. Auch der Bauer hat unter­dessen gelernt, spazieren zu gehen, fremd zu sein. Von daher hat er zu Landschaft eine andere Beziehung als früher – nicht allein eine lebens-existenzielle.

Zur Frage der Zukunft der Landschaft und in der Auseinandersetzung mit den nicht mehr gebrauchten Ställen sind wir der Überzeugung, dass die Spannung in der Kulturlandschaft aufrecht zu erhalten sei. Wenn in jedem Stall ein Ferienhaus ist, fühlt es sich an, als ob die Landschaft vollstän­dig vom Menschen besetzt sei, kontrolliert sei. Und was berechenbar und kontrollier­bar ist, hat weniger Spannung. Der Frei­raum fehlt. Diese absolute Nutzung haben wir in den Dörfern, in den Städten. Aber in der offenen Landschaft darf das nicht ge­schehen. Die Landschaft ist ein öffentliches Gut, gehört allen. Die Hauptfrage bezüglich dieser zukünftigen Landschaft kann nicht sein, was ist möglich, sondern, was wollen wir? Der Umgang mit Ställen ist weit mehr als nur eine Frage der Gestaltung – er ist eine Herausforderung an unsere Kultur.

Wie haben Sie die Landschaft als Kind empfunden, früher im Bergdorf Vrin?

Der Bauer hat früher kaum von Landschaft oder von Natur geredet, sondern von Wie­sen, von Lawinenhängen… immer im Zu­sammenhang mit einer Absicht, er hat in Funktionen gedacht. Die Dinge standen in einer Wechselbeziehung. Diese Direktheit gefällt mir. Ich versuche bei meinen Projek­ten, etwas von dieser Direktheit im Umgang mit der Landschaft zurückzugewinnen. Eine Art von radikaler Normalität.

Sie setzten sich in den Achtzigerjahren für die Verhinderung des Stausees auf der Greina-Ebene ein. Heute erhalten die Vriner Ausgleich­zahlungen für diese geschützte Landschaft. Hat das etwas verändert?

Nur, dass die Mehrheit nun sagt: Die Grei­na ist schön. Damals war das nicht so. Die Greina war einfach die Greina. Seit sie Geld gibt, ist sie schön. Das ist die neue Wirk­lichkeit. Für die meisten wäre es heute un­vorstellbar, diese Landschaft unter Wasser zu stellen. Diese veränderte Wirklichkeit ist ein interessantes Potenzial für die Zukunft.

Der Nationalpark Adula mit der Greina als Kernzone wurde abgelehnt, ebenso wie kürzlich der Nationalpark Locarnese. Waren das Utopien oder sind die Menschen einfach noch nicht reif?

Der Park war wohl etwas unreif und es war schwierig, die Idee zu kommunizieren. Viele Bergler hatten Angst davor, dass ihre Frei­heit beschnitten werde, dass sie nicht mehr auf die Jagd gehen, nicht mehr strahlen, sich nicht mehr im Raum bewegen dürfen. Das war völlig unbegründet. Den Bauern ging es nicht um die Kernzone, sondern um die Umgebungszone. Es wurde zwar immer gesagt, dass der Park auf die zukünftige Nutzung keinen Einfluss habe. Aber nie­mand glaubte es.

Ist ein Park das richtige Instrument, um zu vermitteln, dass etwas schutzwürdig ist?

Wir sollten die Parkidee noch ein Stück weiterdenken, indem wir die Direktheit der Beziehungen neu aufleben lassen. Durch neue Produkte aus der Landwirtschaft, die heute sehr gefragt und geschätzt sind, ist beispielsweise eine höhere Sensibilität für die natürlichen Phänomene entstanden. Die Bauern müssten eigentlich angesprochen sein. Ich verstehe sie nicht immer: Sie be­kommen heute hohe Subventionen, um ein 

Bild zu erhalten. Ihr Einkommen kommt nur zum kleineren Teil aus einer Produktion, der grössere aus dem Bedürfnis der staatlichen Gemeinschaft, die Idealvorstellung eines Bildes aufrechtzuerhalten. Aber diese Bil­derhaltung allein steht auf tönernen Füssen.

Entfernt die Idee des Naturschutzes die Menschen von der Natur?

Wenn ich die Abhängigkeiten spüre und in einer Beziehung stehe, dann schütze ich das Gegenüber. Beziehungen müssen ge­pflegt werden, sie sind ständig zu erneuern, oft unter veränderten Gesichtspunkten. So ist es auch mit der Landschaft. Wenn der Mensch die Beziehungen zur Natur ange­sichts seiner Abhängigkeiten stärkt, dann ist sie selbstverständlich auch geschützt. Trotzdem, ohne klare Schutzverordnungen werden wir nicht auskommen, gerade in der heutigen Zeit, wo die zerstörerischen Mechanismen fast jedem zugänglich sind.

Wir müssen also zurückfinden zu dieser Beziehung.

Wir können nur vorwärts gehen. Aber es ist sinnvoll, zurückzuschauen, um zu erfahren, was eigentlich wesentlich ist. Auf diesem Weg müssen wir zu etwas Neuem kom­men. Die gemachten Errungenschaften können und wollen wir nicht wegdenken, den Umgang mit Technik im Haus und so weiter. Selbstverständlich sollen auch die Häuser, die wir planen, heutige Erleich­terungen bieten und dabei wenig Energie brauchen – aber unter dem Einsatz von we­nig Technik. Nicht Verzicht, sondern Werte erkennen im Andersartigen. Zum Beispiel 16die Spannung, die in einem Haus mit kühleren und wärmeren Zonen herrscht. Wir sagen: «Ich möchte ein Haus, das mit mir wohnt.» Auch hier geht es um Wechselwirkungen. Wenn ich ein Fenster öffne, stehe ich in Beziehung mit dem Element Fenster und mit draussen – es kommt frische Luft herein. Mache ich es zu, passiert etwas anderes mit mir. Die kontrollierte Lüftung verhindert diese Beziehung. Die leibliche Erfahrung schwindet.

Darf man einem Objekt, einem Haus, einer Landschaft ansehen, dass sie eine neue Funktion hat?

Natürlich! Aber wir müssen mit diesen Bil­dern arbeiten. Neue Bilder sollen entste­hen. Ich plädiere daher für die Kontinuität. Es braucht Mut und Direktheit im Umgang mit bestehenden Bildern. Sie müssen dialo­gisch sein mit der neuen Nutzung. Sonst ist die Gefahr gross, dass uns die Bilder plötz­lich ausgehen. Wir haben keine tragfähigen Bilder mehr aus der Gegenwart. Im Umgang mit der Neunutzung von Ställen haben wir etwas Wichtiges erfahren: Die Frage, die sich stellt, ist die nach der Entwicklung des Ortes. Allein die gestalterische Frage bei der Transformation von Ställen zu Wohnzwe­cken degeneriert den Ort zu einem Schau­platz für kulturellen Voyeurismus.

Alpenweit, weltweit sind Landschaften unter Druck. Was ist zu tun?

Die Beziehungen zwischen Stadt und Land müssen besser funktionieren. Der Alpen­raum ist auch ein Erholungsraum für Städ­ter. Aus den Städten kommt eine grosse Solidarität für das Berggebiet. Die Emp­fänger müssen etwas zurückgeben, dann werden Beziehungen gelebt. Das Anders­artige wird zum Wert für mich – das muss gelingen. Andererseits darf der Bergler nicht das Gefühl haben, er befinde sich nur in Abhängigkeit zum Städter. Die Entwick­lung der Berge muss mit der Stadt ein­hergehen. Nach der heute herrschenden ökonomischen Denkart hat das Bergebiet kaum eine Existenzberechtigung. Aber diesem Raum kommen wir sicher nicht bei, wenn Rationalität und berechnendes Denken die einzigen Mittel sind. Der Berg braucht die Stadt und die Stadt braucht den Berg. Gefragt sind wahrhafte Wech­selbeziehungen. Nicht alles soll gleichge­schaltet sein. Die Qualität der Alpen sind die Unterschiede auf engstem Raum, ihre Differenzen. Das ist Kultur!

 

Quelle und weitere Informationen: www.cipra.org/szenealpen

DER DENK-RAUM-SCHAFFER
Der Architekt Gion A. Caminada hat sich erstmals einen Namen gemacht mit seinem Engagement für die nachhaltige Dorfentwicklung seines Heimatdorfs Vrin in Graubünden, Schweiz. Seither hat er viele ähnliche Projekte in den Alpen und darüber hinaus verwirklicht. Nach einer Bauschreiner-Lehre besuchte er
die Kunstgewerbeschule. Anschliessend folgte ein Nachdiplomstudium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH), wo er heute eine Professur für Architektur und Entwurf innehat. In Vrin betreibt er ein Architekturbüro.


www.caminada.arch.ethz.ch