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Es wäre eigentlich alles da

26.08.2021
Genügend Geldreserven, ein funktionierendes Sozialsystem, Arbeitsplätze und eine intakte Natur: Liechtenstein hat alles Nötige für ein gutes Leben. Eine gänzlich andere Ressource verdient ebenso viel Aufmerksamkeit: Der gesellschaftliche Konsens in einem alpinen Kleinstaat, dessen Raumplanung an die Grenzen stösst.
Bild Legende:
Miteinander über Raumkultur diskutieren: Der Austausch von Ideen und Visionen ist ein wertvolles Gut. © Simon Egger

Steilheit kennzeichnet den gerade einmal 160,5 km2 umfassenden Kleinstaat Liechtenstein in verschiedenerlei Hinsicht. Waren es früher die Berghänge, von denen viele ortsansässige Kleinbauern in mühevoller und gefährlicher Handarbeit Heu für ihr Vieh bezogen, ging es ab den 1960er-Jahren vor allem mit der Wirtschaft im Tal bergauf. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts lebten neun von zehn Menschen von kleinbäuerlicher Landwirtschaft, 2019 waren nur noch 0.6 Prozent in der Landwirtschaft tätig. Neue Erwerbsmöglichkeiten veränderten den Bezug zur Umwelt, zum Boden, zu den Möglichkeiten und Lebensentwürfen der Menschen. Die Aussage eines langjährigen Ortsplaners bringt den Übergang allgemeiner Weideflächen zu Einfamilienhaussiedlungen bildhaft auf den Punkt: «Wo einst Kühe grasten, grasen heute Einfamilienhäuser.» 

Je rasanter die Fahrt, desto entscheidender der Kurs 

Bedrohliche Wildbäche und der Rhein wurden verbaut, sumpfige Talflächen trockengelegt, Strassen und Brücken gebaut. Vieles wurde umgenutzt, gezähmt und wirtschaftlich rentabler gestaltet. «Wirtschaftswunder Liechtenstein – Die rasche Modernisierung einer kleinen Volkswirtschaft im 20. Jahrhundert» betitelt der Historiker Christoph Maria Merki sein Werk über die jüngere Wirtschaftsgeschichte des Landes vielsagend. Noch bis in die Fünfzigerjahre mussten die Menschen als Pendlerinnen und Pendler oder als Saisonniers ihr Auskommen im Ausland suchen, einige wanderten aus. Heute pendeln über die Hälfte der rund 40'000 in Liechtenstein Erwerbstätigen täglich aus den Nachbarländern über die Grenze ins Fürstentum, um in einer der zahlreichen Banken, Fabriken und sonstigen Unternehmen zu arbeiten.

Die im Zuge dieses Aufschwungs angesparten finanziellen Ressourcen sind es auch, die gegenwärtig helfen, finanzielle Folgen der Pandemie abzufedern. Doch wie jede Veränderung forderte auch der Wirtschaftsaufschwung seinen Tribut. Das Strassennetz, ausgedehnte Siedlungen, Industrie-, Dienstleistungs- und Gewerbeflächen wie auch Sportstätten besetzen heute einen substanziellen Anteil der bebaubaren Flächen Liechtensteins – und dehnen sich weiter aus. Die an den Rand gedrängte Landwirtschaft verteidigt die verbleibenden nutzbaren Flächen und kultiviert diese dem herrschenden Credo der Rentabilität entsprechend intensiv – was sich negativ auf die Artenvielfalt auswirkt.

Andererseits wächst die Vielfalt an Werthaltungen in der Gesellschaft. Neue technische Lösungen versprechen neue Spielräume, vermögen immer grössere Unterschiede in den Interessenslagern aber meist nicht zu kompensieren. Viele grundlegenden Fragen verlangen nach klaren Positionen, die eher durch breit mitgetragene Werthaltungen und Grundsätze denn durch reine Fakten entschieden werden können. Das gestaltet sich in einer immer stärker ins Private zurückgezogenen Gesellschaft mit unterschiedlichen Lebensrealitäten oft schwierig.

Wir haben es weit gebracht – doch wie weiter?

Für die Generation unserer Grosseltern war klar, wohin die Reise gehen soll. Viele wollten nicht mehr auswandern oder als Saisonniers fern von der Familie ihre Brötchen verdienen, da kamen Fabriken, Banken und andere Firmen sehr gelegen. Heute leben wir in einem der reichsten Länder der Erde. Es wäre eigentlich alles da: eine schöne alpenländische Umgebung, Wohlstand und finanzielle Reserven, Arbeit, Menschen, mit Österreich und der Schweiz gute Nachbarn – und doch tut sich Liechtenstein in den letzten Jahren schwer, in strittigen Fragen einen Konsens zu finden und klare Schritte in eine Richtung zu setzen. So erteilt das Stimmvolk gross angelegten Projekten wie dem Ausbau der S-Bahn immer wieder Abfuhren. Der ehemalige langjährige Landesplaner Walter Walch meinte dazu: «Wir sind nicht mehr fähig, als Gesellschaft einen Konsens zu finden.»

Mitdenken, Mitgestalten, Verantwortung übernehmen

Wir leben in einer Welt, in der die Gesellschaft in Teilöffentlichkeiten und mehr oder weniger abgeschlossene Blasen zerfällt. Unter diesen Vorzeichen sind gelebter Austausch, gegenseitiges Verständnis und Vertrauen Gold wert. Deshalb habe ich gemeinsam mit einem befreundeten Architekten einen Verein gegründet, der Raum für konstruktiven Austausch bietet. Wir machen jeweils ein Jahr lang in einem der elf Dörfer Liechtensteins halt und schauen uns mit den Bewohnerinnen und Bewohnern an, wo Gestaltungsspielräume für ein lebenswertes Land von morgen liegen. Mit dem Thema «Raumkultur» haben wir den gesellschaftlichen Umgang mit unserem gemeinsamen Lebensraum in den Fokus gesetzt. Durch Ausstellungen, Diskussionsrunden, Workshops und Exkursionen wollen wir dazu animieren, den Umgang mit Raum als einem in Liechtenstein besonders knappen Gut zu reflektieren. Die Dokumentation und Publikation der Wahrnehmungen und Ideen verschiedenster Menschen soll zu einem besseren Verständnis und bewussteren Umgang mit Landschaft und Boden beitragen. Wir begreifen den Umgang mit unserem Lebensraum als gesellschaftliche Verantwortung und als kulturelle Frage. Die Früchte dieses gelebten Austauschs unserer Ideen und Visionen als wertvolles Gut anzuerkennen heisst für mich, tagesaktuelle Herausforderungen einmal aussen vor zu lassen und stattdessen gemeinsam lustvoll und unbefangen in die Zukunft zu blicken und zu fragen, wie wir hier morgen zusammenleben wollen.

Toni Büchel ist Historiker und Journalist. Er beschäftigt sich mit historischen und aktuellen Fragestellungen in Bezug auf Kultur, Raum und Gesellschaft in Liechtenstein. Gemeinsam mit Luis Hilti gründete Büchel 2019 den Verein ELF, der zwischen 2019 und 2030 in den elf Gemeinden Liechtensteins einen Raum für Diskussionen schaffen soll.

 > https://vereinelf.li/