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Vom Bodenschatz zum Wissensschatz

26.08.2021
Biologische und kulturelle Vielfalt, Solidarität, innovative Ideen, Ausdauer, Dialogbereitschaft und vieles mehr: Die Alpen bergen einen unglaublichen Schatz an Ressourcen. Viele davon sind nicht auf den ersten Blick als solche erkennbar – hier lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Bild Legende:
Nicht alle Schätze der Alpen sind materieller Natur wie dieser Bergkristall. © Hans Braxmeier, Pixabay

Richtig eingesetzt gibt es in den Alpen alles, was es für ein gutes Leben braucht: Ob es das Mehl zum Brotbacken ist (S. 4), die Wasserquelle beim Wandern (S. 8-9) oder die mit Sonnenenergie versorgte Berghütte (S. 10). Manche dieser Ressourcen sind erneuerbar, andere nicht. Zu den nicht erneuerbaren natürlichen Ressourcen zählen beispielsweise Bodenschätze, deren Abbau in Bergwerken einst eine tragende Rolle in den Alpen spielte. Als erneuerbar gelten nachwachsende Ressourcen wie Wälder oder Fische – doch auch sie erschöpfen sich, sobald mehr verbraucht wird, als sich erneuert (S. 18-19). Mit dem freien Auge nicht sichtbare Ressourcen tragen ebenso ihren Teil zum Leben in den Alpen bei: Von den  Mikroben im Gletschereis (S. 14-16) bis hin zu alpinen Wissensschätzen, die eine Generation der nächsten weitergibt (S. 11). Jede Person trägt auch persönliche Ressourcen in sich: Ihr Wissen, ihre Beziehungen, ihre Fertigkeiten, Haltungen, Begabungen und vieles mehr (S. 12-13).

Materiell oder immateriell?

Ressourcen werden in immaterielle und materielle Güter unterschieden. Materielle Güter können aber auch immaterielle Aspekte enthalten. Schnee beispielsweise bildet die Grundlage für den heutigen Wintertourismus. Aufgrund seiner zerstörerischen Kraft in Form von Lawinen galt er einst nicht als Ressource, sondern als Gefahr. Zur Ressource wurde er erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, weil sich die Sicht darauf dramatisch verändert habe, wie Bernard Debarbieux, Kulturgeograph und Mitglied im CIPRA Sounding Board, erklärt: «Eine Ressource existiert nie von selbst. Sie existiert immer nur dann, wenn es ein soziales Bedürfnis gibt, das mit ihr verbunden ist.»

Nicht immer lässt sich dabei eine scharfe Trennlinie ziehen. Seit Dezember 2019 beispielsweise listet die Unesco «Alpinismus» als immaterielles Weltkulturerbe. Alpenvereine aus Frankreich, der Schweiz und Italien hatten eine gemeinsame Bewerbung eingereicht, andere alpine Länder waren im Vorfeld miteinbezogen worden. Debarbieux war Vorsitzender des wissenschaftlichen Komittees, das den Bewerbungsprozess begleitete. Er wurde Zeuge der wachsenden Bedeutung des Alpinismus. «Nicht nur als Sport oder als körperliche Betätigung, sondern auch aufgrund der symbolischen Bedeutung und der Geschichte des Alpinismus, sowie den damit verbundenen sozialen Werten.» Tourismus und Sportindustrie versuchen zum Teil, Alpinismus für sich zu vereinnahmen, Konkurrenz- und Wettkampfdenken greifen auch unter AlpinistInnen um sich. Die Definition der Unesco grenzt sich davon ab und betont vor allem alpinistische Werte des Miteinanders und des verantwortungsvollen Umgangs mit der Natur. Dabei gehe es nicht um den Schutz, sondern um die Bewahrung, wie Debarbieux meint. «Schutz ist es, die Dinge so zu erhalten, wie sie sind. Bewahrung bedeutet, eine gewisse Veränderung zu ermöglichen.»

Ähnliches gelte für den «Umgang mit Lawinengefahr» in der Schweiz und in Österreich, welchen die Unesco 2018 als immaterielles Weltkulturerbe anerkannte. «Einerseits aufgrund der entwickelten Traditionen und Techniken, die Bergdörfer vor Lawinen schützen, andererseits aufgrund neuer, nationaler Lawinen-Forschungszentren. Heute ist das also auch ein Kulturerbe und wird als eine wichtige Art von Wissen angesehen.»

Die Natur als Dienstleisterin?

Als Ressource oft übersehen werden Ökosystemleistungen. Dazu zählen Dinge wie saubere Luft, Nahrung, Bestäubung von Pflanzen, schöne Landschaften, Photosynthese, Kohlenstoffbindung und -speicherung oder Holz. «Ökosystemleistungen sind im Grunde alle Vorteile, die wir aus der aussergewöhnlichen, aber wenig bekannten Arbeit der Natur ziehen», erklärt Vanda Bonardo, Naturwissenschaftlerin und Präsidentin von CIPRA Italien. Als weitere Beispiele nennt sie Torfmoore und Wälder, die vor Hochwasser schützen und das Wasser reinigen. Wichtige Leistungen erbringt auch der Boden unter unseren Füssen. In dieser verhältnismässig dünnen Schicht der Erdoberfläche wirken Erde, Gestein, Atmosphäre und biologisches Leben zusammen, um die für das Leben auf der Erde unverzichtbaren biologischen Funktionen zu gewährleisten.  «Wir haben nicht viele Daten über die alpinen Böden», stellt Bonardo fest, «aber wir wissen aus Schätzungen der FAO (Welternährungsorganisation), dass ein Drittel aller Böden der Welt derzeit irreparabel geschädigt ist – durch Versiegelung, Versauerung, Versalzung und Verschmutzung sowie durch beschleunigte Erosion und andere Phänomene, die aus dem Klimawandel resultieren.»

Die Wissenschaft gliedert Ökosystemleistungen entsprechend ihrer unterschiedlichen Funktionen in vier Bereiche: bereitstellende, regulierende, kulturelle und unterstützende Leistungen. Doch kann man die Natur tatsächlich auf die Rolle einer Dienstleisterin reduzieren und diese in Geldwerten messen? «In der Tat müssen wir uns vor den Risiken einer Kommerzialisierung der Natur in Acht nehmen. Aber damit haben wir endlich ein starkes Werkzeug, um die Entwicklung aus der Sicht der Ökosysteme zu interpretieren statt ausschliesslich aus der ökonomischen. Wir werden lernen müssen, es optimal zu nutzen.»

Kämpferin für die Umwelt

Vanda Bonardo setzt sich seit ihrer Jugend für den Umweltschutz ein. Sie hat einen Abschluss in Naturwissenschaften und ist langjährig aktiv in der italienischen Natur- und Umweltschutzorganisation Legambiente. Als Präsidentin von Legambiente der Regionen Piemont und Aostatal von 1995 bis 2011 hat sie den Naturschutz in Nordwestitalien über ein Jahrzehnt geprägt. 2010 bis 2012 sass sie im Nationalen Rat für Bildung. Derzeit ist sie bei Legambiente zuständig für die Alpenregionen. 2020 wurde Vanda Bonardo zur Präsidentin von CIPRA Italien gewählt.

Kulturgeograph der Alpen

Bernard Debarbieux ist Professor für Politische und Kulturelle Geographie und für Städtische und Regionale Raumplanung an der Universität Genf/CH. Er beschäftigt sich mit der Produktion von geografischem Wissen, Raumplanung und Umweltpolitik. Seine Forschungen konzentrieren sich auf Gebirgsregionen, die er auf regionaler, nationaler und globaler Ebene untersucht. Er ist Mitglied im Sounding Board von CIPRA International, das die Vernetzung und die Rolle der CIPRA als Vordenkerin nachhaltiger Entwicklung im Alpenraum stärkt und ihre Positionierung schärft.