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Die Alpen – eine Modellregion für den Klimaschutz?

Bergwald

Trotz Wäldern als CO2-Speicher und erneuerbaren Energiequellen kommen auch die Alpen nicht ums Stromsparen herum. © Rainer Kwiotek/Zeitenspiegel

Die Alpen sind besonders vom Klimawandel betroffen. Die Hauptverursacher hingegen finden sich ausserhalb dieses Lebensraums. Heisst das, dass die Alpen nichts zum Klimaschutz beitragen können? Oder lassen sich hier sogar Modelllösungen entwickeln? Francesco Pastorelli, CIPRA Italien, führte mit einem Überblick über die CO2-Bilanz für den Alpenraum in die zentrale Fragestellung der Tagung ein.
Die internationale Alpenschutzkommission CIPRA hat sich schon in der Vergangenheit mit Energiefragen befasst, so wie jüngst mit dem Klimawandel und
dessen Auswirkungen auf den besonders sensiblen Alpenraum. Es steht längst fest, dass die Menschen die Klimaveränderungen mit verursachen. So sind vor allem die Treibhausgas-Emissionen eine Folge der Verbrennung fossiler (und anderer) Brennstoffe. Es ist andererseits auch eine Tatsache, dass es Prozesse ausserhalb der Alpen sind, die den Klimawandel in den Alpen sichtund spürbar machen. Eine drastische Reduzierung der Emissionen im Alpenraum allein wird daher nicht ausreichen, um ein Problem von globaler Tragweite in den Griff zu bekommen. Allerdings können auch die Alpen nicht von jeder Schuld reigesprochen werden. Folgende Daten sollen jedoch aufzeigen, dass der Alpenraum eine positive Rolle beim Klimaschutz spielen kann dank der grossen Waldfläche und der erneuerbaren Energiequellen, über die er verfügt, sowie beim Energiesparen.

Thesen stützen Annäherungen, Mittelwerte und Schätzungen
Daten zum Energieverbrauch und zur Energieerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen in den Alpen sind schwer zu erheben und aufzuschlüsseln. Daher
waren Schätzungen und Annäherungen erforderlich, um ausschliesslich auf den
Alpenraum bezogene Werte zu erhalten. Oft waren die Daten nicht homogen und
manchmal, je nach Quelle, sogar divergierend. CIPRA Italien wollte sich nicht
darauf beschränken und erstellte eigens für die Einführung in die Jahreskonferenz
eine CO2-Bilanz für den Alpenraum. Diese Untersuchung hat den Zweck, Schwächen und Stärken bezüglich erneuerbarer Energie, Energieverbrauch
und Energieeffizienz aufzuzeigen; den Referenzpunkt bilden dabei die Reduktionsziele, die das Kyoto-Protokoll und jüngst auch die Europäische Union für klimaschädliche Emissionen festlegen. Die Hauptschwierigkeit dieser inführenden Studie hängt damit zusammen, dass der Alpenraum auf mehrere Staaten verteilt ist: Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien, Slowenien und die
Schweiz (Liechtenstein und Monaco wurden wegen ihrer geringen Grösse sowie nur mangelhaft vorliegenden Daten und Annäherungen nicht berücksichtigt). In diesen Staaten gibt es Regionen, Kantone und Länder, die nur teilweise im Alpenraum liegen, und die verfügbaren Angaben zu Energieverbrauch und -erzeugung sind nur auf regionaler oder manchmal nur auf nationaler Basis verfügbar. Aus diesen Gründen war es notwendig, Annäherungen, Mittelwerte
und Schätzungen heranzuziehen. In jedem Fall wurden die erzielten Ergebnisse durch möglichst realitätsnahe Thesen gestützt.

Energieverbrauch in den Alpenländern und in den Alpen
Unter Berücksichtigung der offiziellen Angaben zu Bevölkerung und Energieverbrauch in den sechs betroffenen Ländern schwankt gemäss Berechnung der jährliche Durchschnittsverbrauch pro Kopf zwischen 3 TRÖE (Tonnen Rohöleinheiten) in Slowenien und 4,3 TRÖE in Frankreich. Um den Energieverbrauch im Alpenraum zu ermitteln, wurde die These aufgestellt, dass in einem Alpenland der Pro-Kopf-Verbrauch der ganzen Bevölkerung - also sowohl jener in als auch jener ausserhalb der Alpen - gleich ist. Die Berechnung auf der Grundlage der Wohnbevölkerung in den Alpen, entsprechend der in der Alpenkonvention definierten Vermessung, ergibt somit einen Energieverbrauch von 53 Millionen TRÖE im gesamten Alpenraum. Am Beispiel des italienischen Alpenraums lässt sich aufzeigen, welchen Anteil die verschiedenen Energieträger am Gesamtverbrauch haben und vor allem wie gering der Anteil der erneuerbaren Energien nach wie vor ist.

Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen
Wie viel Energie wird aus erneuerbaren Energiequellen im Alpenraum erzeugt? Sonne, Holzbiomasse, Wind, aber vor allem Wasser bilden erneuerbare Energieträger für die Stromerzeugung in den Alpen. Für die einzelnen Länder gibt es zuverlässige und homogene Angaben. Die Schätzung der in den Alpen erzeugten erneuerbaren Energie hat sich hingegen als ziemlich komplex erwiesen. Dabei wurde nur die Stromerzeugung berücksichtigt; die Wärmeerzeugung wurde vernachlässigt, da eine Quantifizierung schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist, man denke z.B. an die Holzöfen in Privathaushalten. Zwei Aspekte charakterisieren die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen in den Alpenländern: Wasserkraft stellt den mit Abstand bedeutendsten Anteil dar, was dem reichlich vorhandenen Wasser und dem Gefälle zuzuschreiben ist. Stromerzeugung aus Wind und Erdwärme kommt praktisch nicht vor, findet sich hingegen im Flachland Deutschlands bzw. in der Toskana in Italien. Auf verschiedenen Daten (regionale Angaben für Italien und Frankreich, Landesdaten für Bayern in Deutschland, nationale Angaben für Österreich, die Schweiz und Slowenien) beruhende Thesen ermöglichen eine Schätzung, wonach im Alpenraum pro Jahr knapp 100.000 GWh erneuerbare Energien erzeugt werden.

Eine CO2-bilanz für die Alpen
Ziel einer CO2-Bilanz für die Alpen ist es zu zeigen, welche Elemente CO2 erzeugen und inwieweit diese die Bilanz beeinflussen. Wenn wir die Alpen als ein "geschlossenes System" ansehen, sind folgende Faktoren in Betracht zu ziehen: erstens die CO2-Emissionen in Folge von Energieverbrauch (Verbrauch von Strom, Wärme, für den Transport, für die Industrie, usw.), dann auch jene CO2-Emissionen, die vermieden werden durch die Nutzung von emissionsfreier Energie aus nicht fossilen, erneuerbaren Energieträgern und schliesslich das durch den Waldwuchs absorbierte und damit "neutralisierte" CO2. Die Wälder weisen zwar generell eine positive Bilanz auf wegen der stärkeren CO2-Absorption (Photosynthese) im Verhältnis zur Emission (Atmung) und auch dank der gesamten Aktivitäten dieses komplexen Ökosystems. In Wirklichkeit aber neutralisieren sie das CO2 nicht, sondern "speichern" es. Von diesem CO2 kehrt ein Teil durch Zersetzung der organischen Stoffe in die Atmosphäre zurück, ein anderer Teil hingegen wird in den Boden abgegeben. Ausserdem tragen nicht nur die Wälder zur CO2-Speicherung bei, sondern zum Beispiel auch die Dauerwiesen, die in dieser Studie nicht berücksichtigt wurden. Allerdings wurde zum Zweck einer Bilanz in einem Zeitraum von einem Jahr für das Alpensystem angenommen, dass dieses CO2 der Atmosphäre vollkommen entzogen wird. Die Berechnung dieser "neutralisierten" CO2-Menge geht davon aus, dass die Wälder 43 % der Alpenfläche bedecken, was rund 8,2 Millionen Hektar entspricht. Aus diesem Wert liess sich mit Hilfe eines vom IPLA (Institut für Holzpflanzen und Umwelt) im Rahmen einer Studie über die Wälder im Piemont erarbeiteten Koeffizienten berechnen, welche CO2-Menge die berücksichtigten Alpenwälder in einem Jahr absorbieren und speichern: 59,4 Millionen Tonnen. Das in die Atmosphäre abgegebene CO2 steht in direktem Verhältnis zum Energieverbrauch und beträgt 117 Millionen Tonnen, während sich das durch die Nutzung erneuerbarer Energiequellen "vermiedene" CO2 auf 18,9 Millionen Tonnen beläuft. Letztere Überlegung basiert auf der Annahme, dass die gesamte im untersuchten "geschlossenen System" erzeugte erneuerbare Energie auch in den Alpen verbraucht wird. Das geschieht in Wirklichkeit kaum, da die meiste erzeugte Energie (Wasserkraft) auf den Export entfällt, während riesige Mengen an fossiler Energie importiert werden. Allerdings steht zum Zweck einer Emissionsbilanz der Beitrag der Alpen im Verhältnis zur erneuerbaren Energie, die sie produzieren. Insgesamt sind also die Alpen trotz des Beitrags der Wälder und der Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien noch weit vom "Null-Emissions-Ziel" entfernt.

Energiespar-Potenzial jetzt nutzen!
Das Einführungsreferat der CIPRA-Jahresfachtagung zeigte einerseits Ergebnisse in Zahlen einschliesslich der dafür verwendeten Verfahren auf. Darüber hinaus hob es die vier Parameter hervor, von denen die Gesamtbilanz abhängt: Gesamtenergieverbrauch, Energieerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen, Erdoberfläche, die zur CO2-Speicherung beiträgt und das Verhältnis zwischen diesen Werten. Es ist offensichtlich, dass sich die Waldfläche kurzfristig nicht signifikant ändern wird, auch wenn beispielsweise die Waldfläche im Piemont in den letzten 20 Jahren um 12 % gewachsen ist. Daher kann ihr Beitrag als konstant betrachtet werden. Es ist genauso offensichtlich, dass die zwei anderen Parameter, d.h. Energieverbrauch und erneuerbare Energie, vollkommen unterschiedliche Werte annehmen. Die Produktion aus erneuerbaren Energieträgern lässt sich unmöglich so steigern, dass der Verbrauch ausgeglichen werden kann. Um das Problem des Klimawandels über eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen in Angriff zu nehmen, muss an diesen beiden Parametern gleichzeitig angesetzt werden, auch wenn ein geringerer Verbrauch verständlicherweise das Hauptziel sein sollte. Daraus stellen sich für die an der Konferenz teilnehmenden Experten folgende Fragen: - Welche Entwicklungsspielräume gibt es bei der Energieerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen in den Alpen und welche wirtschaftlichen, ökologischen und technologischen Grenzen verhindern eine weitere Entwicklung der erneuerbaren Energiequellen?- Welche Massnahmen sollten zur Reduzierung des Energieverbrauchs und zur Verbesserung der Energieeffizienz im Alpenraum ergriffen werden? Nach Ansicht der CIPRA müssen Energiesparmöglichkeiten umgesetzt und der Energieverbrauch reduziert werden. Der verbleibende Energiebedarf aber kann nur durch erneuerbare Energiequellen gedeckt werden. So lassen sich Emissionen verringern - und ebenso die klimabedingten Veränderungen in Natur und Landschaft der Alpen.
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