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Von Rollen und Beziehungen

(c) Jenni Kuck

Frauen prägen die alpine Gesellschaft seit je. Damit sie ihre Kompetenzen für eine nachhaltige Zukunft einbringen können, müssen Rollenbilder hinterfragt und Verantwortlichkeiten neu verteilt werden – von Frauen und Männern.

Rund um das Dorf Mals im Obervinschgau, Italien, werden auf Hunderten von Hektar Äpfel angebaut, die nach ganz Europa geliefert werden. Eine moderne, hochmechanisierte Monokultur, die intensiv mit chemischen Pflanzenschutzmitteln behandelt wird. Im September 2014 sprachen sich 75 Prozent der Malserinnen und Malser für eine pestizidfreie Gemeinde aus, und damit für eine vielfältige Landwirtschaft und Landschaft und für ein gesünderes Leben. Die Frauen der Bewegung «Hollawint» warben auf der Strasse für das Pestizidverbot und hängten Transparente an die Hauswände. «Wir Frauen haben das Thema in der Gemeinde sichtbar gemacht, um die gesamte Bevölkerung zu mobilisieren», sagt die Malserin Martina Hellrigl.

Familienoberhaupt oder Ersatz?


Wenn Frauen Haus und Herd verlassen, können sie viel in gesellschaftlichen Belangen und zur nachhaltigen Entwicklung beitragen. Die Geschichte der Frauen in den Alpen bietet einen anregenden Einblick.
Viele Männer emigrierten zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert aus den Alpentälern in die Städte, wo sie als Bauarbeiter, Kaminfeger, Hausierer, Weber oder Konditor Geld verdienten. Die Frauen blieben während der langen Abwesenheit der Männer allein in den Bergen zurück und mussten zusätzlich zur Hausarbeit eine Vielzahl schwerer Arbeiten auf Hof und Feld übernehmen, wie die französische Zeitschrift «L‘Alpe 12» darlegt. Diese zentrale Rolle in den alpinen Gesellschaften verschaffte den Frauen eine gewisse Selbständigkeit und eine Gleichberechtigung, wie sie in anderen Regionen Europas zu jener Zeit selten waren. Mancherorts, zum Beispiel in der Region Como, erhielten Frauen Verfügungsvollmachten über den Grundbesitz oder erwarben, wie in der Region Queyras, Erbrechte und ausschliesslichen Anspruch auf ihre Mitgift. In den Berggebieten der Lombardei und dem Piemont wurden die Frauen bei Abwesenheit ihrer Männer als Familienoberhaupt in die Pfarrregister eingetragen.
All das lässt jedoch nicht den Schluss zu, dass es sich um eine matriarchalische Gesellschaft handelte. In vielen Regionen blieb das Erbrecht den Männern vorbehalten, die Frauen hatten nicht mehr politische Rechte als anderswo und nahmen häufig eine untergeordnete Rolle in der Familie ein.

Frauenarbeit – schlecht bezahlte Arbeit


Frauen arbeiten nach wie vor in «ihren» traditionellen Berufen. Sie üben vorwiegend ausführende Tätigkeiten aus. Sie sind grösstenteils in einem Bereich tätig, den man als «residentielle Ökonomie» bezeichnet, also Tätigkeiten, die für Gäste oder Personen vor Ort erbracht werden. Diese Tätigkeiten spielen eine wichtige Rolle für den sozialen Zusammenhalt und für eine nachhaltige lokale Entwicklung. Trotzdem geniessen sie weniger Wertschätzung im Vergleich zur produktiven Ökonomie, die exportiert und neues Kapital in die Region bringt. Dementsprechend sind diese lokalen Wirtschafts­tätigkeiten häufig geprägt durch prekäre Arbeitsplätze, Teilzeitarbeit und geringe Bezahlung. Ausserdem ist die – unbezahlte und gering geschätzte – Rolle der Hausfrau immer noch weitaus stärker ver­breitet als die des Hausmannes.
Im Grundsatz 20 der Erklärung von Rio zu Umwelt und Entwicklung von 1992 heisst es: «Frauen kommt bei der Bewirtschaftung der Umwelt und der Entwicklung eine grundlegende Rolle zu. Ihre volle Einbeziehung ist daher eine wesentliche Voraussetzung für die ­Herbeiführung nachhaltiger Entwicklung.» Die stärkere Gleichstellung von Frauen und Männern ist auch ein erklärtes Ziel der Europäischen Union. Dieses Ziel wird bestätigt unter anderem in der Frauen-Charta der Europäischen Kommission von 2010 und in der «Europäischen Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene», 2006 verabschiedet vom Rat der Gemeinden und Regionen Europas.
Dennoch gibt es im Alpenraum nur wenige konkrete Massnahmen zur Förderung der Gleichstellung. Mathilde Schmitt von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beschreibt zum Beispiel, dass es im Bereich der lokalen Entwicklung oder in den Konzepten der Schutzgebiete so gut wie keine Massnahme gibt, bei der die besonderen Fähigkeiten und Kompetenzen der Frauen berücksichtigt und herausgestellt werden. Im EU-Alpenraum-Programm 2007-2013 sind die Bedeutung der Chancengleichheit sowie die Stärkung der Gleichstellung und der nachhaltigen Entwicklung als Grundsatz verankert. Die Website des Programms lässt Aktivitäten und einschlägige Ergebnisse in Richtung einer stärkeren Gleichstellung von Frauen und Männern vermissen: Alle, Frauen und Männer, werden in gleicher Weise angesprochen und zur Teilnahme aufgefordert – was in der Praxis häufig einer überwiegend männlichen Beteiligung gleichkommt.

Eine gesellschaftliche Frage


Nachhaltige Entwicklung braucht Sichtweisen und Lösungen von Frauen, und Frauen brauchen Gleichberechtigung und Wertschätzung. Um das zu erreichen, müssen die Frauen weiter dafür kämpfen, dass ihr Beitrag und ihre Rolle in der Gesellschaft grössere Anerkennung finden. Frauen und Männer müssen gemeinsam neue Spielregeln aufstellen und dabei zahlreiche gesellschaftliche Vorurteile und Stereotypen über Bord werfen. Es gibt keine rein männlichen oder rein weiblichen Rollen oder Kompetenzen. Die Verteilung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten kann nach den Fähigkeiten und Talenten jedes Einzelnen erfolgen. Gleichzeitig müssen die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in Sachen Besitz – zum Beispiel von Grund und Boden –, Macht und Entscheidungsgewalt neu geregelt werden. Die Frauen einzubeziehen reicht nicht aus. Es braucht entsprechende Governance-Formen und die Gesellschaft muss so gestaltet werden, dass die Frauen wirklich daran
teilhaben können.
Die Erfahrung der Hollawint-Frauen in Mals kann als Anregung für andere dienen. Sie haben sich für eine nachhaltige Zukunft ihres Dorfes stark gemacht. Sie haben ihr Engagement mit ihren familiären Verpflichtungen in Einklang gebracht und wurden dabei von ihren Familien unterstützt. Sie haben ihren Sorgen als Mütter Ausdruck verliehen, weil sie eine gesunde Umwelt für ihre Kinder wollen. Ihr Kampf hat sich für das ganze Dorf gelohnt. Nach der Volksabstimmung im Jahr 2014 schrieben die Hollawint-Frauen an die Süd­tiroler Volksvertreter: «Wir wollen all das, was die Touristenprospekte seit langem versprechen: hochwertige, gesunde und vielfältige Lebensmittel, gewachsen auf gesunden Böden und eingebettet in einen Lebensraum, der Menschen, Tieren und Pflanzen ein gesundes ­Leben ermöglicht.»

Claire Simon
CIPRA International

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