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Kultur, Handwerk und Kooperation

Nicole Hohmann studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main/D und Innsbruck/A. (c) Nicole Hohmann

Wirtschaften als ästhetisches Programm erfordert neue Felder kooperativen Handelns. Ein Plädoyer für die Kooperation von Nicole Hohmann.

Der Kampf gegen die Corona-Pandemie hat die Empfindlichkeit unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems offengelegt. Was bedeutet das für die Gestaltung einer Zukunft, von der wir längst wissen, dass es darin kein «weiter wie bisher» geben kann? Viele kehren nach den ersten Lockerungen wieder in alte Muster zurück oder schauen auf die Metropolen, wo das Leben langsam wieder zu pulsieren beginnt. Doch es würde sich stattdessen lohnen, einen Blick in die Landschaft und die peripheren Lebensräume der Alpen zu richten. Denn sie stellen wegen ihrer topografischen, klimatischen und kleinstrukturierten Gegebenheiten oft Orte guten Lebens dar, in denen das gemeinschaftliche Wirtschaften eine lebendige Tradition hat und zukunftsweisend ist – von Landwirtschaft über Handwerk bis hin zu Dienstleistungen.

So war es kein Zufall, dass 2019 das Symposium «Felder kooperativen Handelns. Wirtschaften als ästhetisches Programm» im österreichischen Bregenzerwald stattfand. Im Mittelpunkt stand die wechselseitige Beziehung zwischen den sozialreformerischen Ideen des Autors und Bauers Franz Michael Felder (1839-69) und dem heutigen «Werkraum Bregenzerwald». Felder gründete die erste landwirtschaftliche Genossenschaft der Region. Im Werkraum Bregenzerwald – einer Kooperative von rund 100 Handwerksbetrieben – leben seine Ideen weiter. Beide verbindet das Bewusstsein der Einheit von gutem Gebrauch und schöner Gestaltung von Produkten des täglichen Lebens, bei deren Entstehung der bewusste Umgang mit regionalen Ressourcen im Fokus steht. Zudem stehen beide für gemeinschaftliche Formen des beruflichen und sozialen Miteinanders, beruhend auf Fairness, gegenseitiger Wertschätzung, der Bereitschaft, Wissen zu teilen, und Respekt gegenüber der Natur. Ökologie, Ökonomie und Soziales greifen ineinander. Kultur verbindet diese Bereiche und wird durch Handwerksprodukte sinnlich erfahrbar, vom Käse bis zur modernen Holzbadewanne. Sie ist somit im doppelten Sinn als ästhetisches Wirtschaften zu verstehen.

Felder war in der Literaturszene weit über die Region hinaus vernetzt. Wie er bringt der Werkraum Erkenntnisse aus dem Drinnen und Draussen miteinander in Resonanz. Beispielsweise entwickeln Handwerker in Kooperation mit externen Gestaltern Produkte. Wirtschaften erhält dadurch ästhetischen Mehrwert. Während Felder sein Wissen literarisch festhielt, setzt der Werkraum auf kreative Vermittlung und Kooperationen. 2017 wurde er in das «UNESCO-Register guter Praxisbeispiele für die Erhaltung des immateriellen Kulturgutes» aufgenommen. Eine Werkraumschule stattet die nächste Generation von HandwerkerInnen mit jenem Wissen aus, das dem eigenen Anspruch gerecht wird. So ermöglicht Wirtschaften als ästhetisches Programm Praxen für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft, die sich an den natürlichen Grenzen orientiert. Bedingung ist, dass wir ihren ganzheitlichen Ansatz verstehen und leben und dass unsere Wiese nicht am Zaun des Nachbarbauern endet.

 

Nicole Hohmann studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main/D und Innsbruck/A. Die freie Kulturgestalterin ist zudem als Käserin tätig. Seit 2010 beschäftigt sie sich mit dem Thema Ästhetik und Zukunftsfähigkeit in den Bereichen Bildung, Kultur und Politik und hat das Symposium «Felder kooperativen Handelns» mitkuratiert.


Quelle und weitere Informationen: www.cipra.org/szenealpen

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