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Werner Bätzing für sein Lebenswerk geehrt

Der 4. Deutsche Alpenpreis wird 2015 an Werner Bätzing für seinen Einsatz in den Alpen verliehen. © Uli Ertle

Der 4. Deutsche Alpenpreis geht an den Kulturgeografen Werner Bätzing. CIPRA Deutschland würdigt damit, zusammen mit ihren Mitgliedsorganisationen, besondere Verdienste bei der zukunftsfähigen Entwicklung des Alpenraums.

Der 66-jährige Alpenforscher Werner Bätzing habe es wie kaum ein anderer verstanden, seine Erkenntnisse über die Alpen in verständlicher Form der Allgemeinheit zugänglich zu machen, betonte Dominik Siegrist in seiner Laudatio an der Preisverleihung am 4. Februar 2015. Viele Menschen seien erst durch seine Publikationen für die Probleme des Alpenraums sensibilisiert worden. Gewürdigt wurde der Preisträger des 4. Alpenpreises für seine Forschung im Alpenraum und für sein Lebenswerk insgesamt. Der emeritierte Professor für Kulturgeografie der Universität Erlangen-Nürnberg/D pflegt eine ganzheitliche Sichtweise auf die Alpen und plädiert für eine wechselseitige Vernetzung von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt.

Mit dem Deutschen Alpenpreis ehrt CIPRA Deutschland zusammen mit ihren Mitgliedsorganisationen herausragende Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung, Verbänden, Wissenschaft oder der Zivilgesellschaft für ihren Einsatz für eine nachhaltige Entwicklung des (deutschen) Alpenraumes. Preisträger waren 2006 der ehemalige deutsche Umweltminister Klaus Töpfer, 2008 Helmut Karl, Initiator des bayerischen Alpenplanes, und 2011 Wolfgang Burhenne, Mitbegründer und erster Generalsekretär der CIPRA.

Werner Bätzing hat im Rahmen der Preisverleihung 11 programmatische Thesen "Die Alpen im Zeitalter der Globalisierung" vorgestellt.    

1. Während die Alpen mit ihren Attraktionen und Problemen lange Zeit im Fokus der europäischen Öffentlichkeit standen, werden sie derzeit immer unwichtiger: Mit der stark wachsenden Bedeutung globaler Verflechtungen und Konkurrenzen und dem neuen neoliberalen Denken, das sich ab Anfang der 2000er Jahre durchzusetzen beginnt, liegt den Fokus auf den Metropolen, die jetzt allein noch als konkurrenzfähig gelten, und alle anderen Räume werden entwertet, weil sie keine Bedeutung mehr besitzen.. Dies ist der stärkste Wandel in Bezug auf die Alpen in den letzten 15 Jahren.

2. Im Rahmen der Globalisierung spielen die Alpen nur noch eine randliche Rolle als Ergänzungsraum der Metropolen, in den hinein all diejenigen Funktionen verlagert werden (Wohnen, Freizeit, Sport, Umweltschutz), für die im Kernraum der Metropolen kein Platz mehr ist. Damit verlieren die Alpen ihren Stellenwert als eigenständiger Lebens- und Wirtschaftsraum.

3.Als Ergänzungsraum zerfallen die Alpen in die Einzugsgebiete der zehn alpennahen Metropolen. Diese Gebiete werden stärker mit „ihren“ Metropolen verflochten als mit den anderen Alpenräumen, so dass die Alpen in diese zehn Einzugsgebiete zerfallen, zwischen denen sich größere Gebiete erstrecken, die menschenleer werden, und in denen es bestenfalls einige isolierte Tourismuszentren gibt, die hier ein „Heidi-Idyll“ inszenieren.

4. Die alpenspezifischen Lebens- und Wirtschaftsformen, die die Alpen seit 8.000 Jahren geprägt haben und die die artenreichen und vielfältig-kleinräumigen Kulturlandschaften der Alpen geschaffen haben, verschwinden derzeit immer mehr: Zum einen durch die Verstädterung der Alpen in den tiefen Tal- und Beckenlagen (in enger Verflechtung mit den Metropolen) und in den Tourismuszentren, zum anderen durch die Entsiedlung des eigentlichen Gebirgsraumes. Dadurch verändert sich das Bild der Alpen tiefgreifend – chaotische, gesichtslose Siedlungsbänder in den Tälern und flächenhafte Verbuschung und Verwaldung in der Höhe.

5. Mit den aktuellen Entwicklungen, die die Alpen stärker verändern als alle anderen Ereignisse der letzten 8.000 Jahre, gehen sehr wichtige Umwelterfahrungen verloren, nämlich wie man in einer solch schwierigen Landschaft die Natur zum Zweck der menschlichen Nutzung verändern kann, ohne sie dabei zu zerstören. Dieses Wissen ist aber angesichts der weltweit wachsenden Umweltprobleme extrem wichtig.

6. Der Tourismus ist nicht die wirtschaftliche Schlüsselbranche (er stellt nur 15-18% der Arbeitsplätze), und er ist in den Alpen auch nicht flächenhaft ausgeprägt, sondern er konzentriert sich immer stärker auf nur 300 Tourismuszentren (hier finden sich mehr als 50% aller touristischen Betten der Alpen), während gleichzeitig immer mehr kleine Tourismusorte/-anbieter vom Markt verschwinden.

7. Im Winter herrscht in den Alpen ein sehr heftiger Verdrängungswettbewerb, weil die Skigebiete stets weiter ausgebaut werden, obwohl die Zahl der Skifahrer seit etwa 30 Jahren stagniert. Aktuelle Entwicklung: Zusammenschluss von Skigebieten, um ein noch größeres Angebot bereitzustellen, z.B. Verbindung der Skigebiete von Matterhorn und Monte Rosa (Italien), von Andermatt und Sedrun (Schweiz), von Saalbach-Hinterglemm mit denen von Zell am See und Fieberbrunn (Österreich) oder von Flachau und Zauchensee über das Ennstal und die Tauernautobahn hinweg (Österreich). Zur Dämpfung dieses ruinösen Konkurrenzkampfes und zum Erhalt dezentraler Tourismusangebote sollte es untersagt werden, neue Gipfel mit Bergbahnen und neue Skigebiete zu erschließen.

8. Der Sommertourismus im Alpenraum hat seit seinem Höhepunkt am Ende der 1970er Jahre zahlreiche Gäste verloren. Seit knapp zehn Jahren versucht man, ihn durch technische Aufrüstung der Berggipfel mit spektakulären Aussichtsplattformen und Hängebrücken, mit zahlreichen Megaevents und mit städtischen Freizeitparks gezielt aufzuwerten. Das Problem ist dabei, dass sich die neuen Effekte schnell abnutzen und durch noch spektakulärere Angebote ersetzt werden müssen – dies führt zu einer Spirale, die nur in einem riesigen Erlebnis-Burnout enden kann. Stattdessen sollte der Sommertourismus das ins Zentrum stellen, was die Alpen ausmacht: Die Natur und die Kultur der Berge.

9. Angesichts der Energiewende gibt es zahlreiche Pläne, die regenerativen Energiequellen der Alpen noch sehr viel stärker als bisher zu nutzen. Die Wasserkraft, deren wirtschaftlicher Ertrag aus den Alpen fast vollständig abfließt, ist jedoch bereits sehr stark ausgebaut (über 300 Stauseen), und ein weiterer Ausbau ist aus Gründen der Regionalwirtschaft und des Umweltschutzes kaum noch sinnvoll. Gleiches gilt für die Solar- und Windenergie.

10. In den letzten hundert Jahren haben sich die landwirtschaftlichen Nutzflächen in den Alpen halbiert und der (Busch-)Wald hat seine Fläche verdoppelt. In dieser Situation besteht die wichtigste Aufgabe im Zeitalter der Globalisierung darin, die dezentrale Nutzung der Alpenressourcen in umwelt- und sozialverträglichen Formen zu stärken, u.zw. mittels regionaler Qualitätsprodukte, um die artenreichen Kulturlandschaften und die alpenspezifischen Lebens- und Wirtschaftsformen dauerhaft zu erhalten.

11. Die Alpen können nur dann eine positive Zukunft erhalten, wenn sie sich den scheinbaren Sachzwängen der Globalisierung verweigern und sich nicht zum Ergänzungsraum machen lassen: Die dezentralen Nutzungen der Alpenressourcen durch die Bewohner der Alpen (endogene Nutzungen) müssen aufgewertet werden, dürfen aber nicht als Alternative absolut gesetzt werden (keine Autarkie der Alpen). Und gleichzeitig dürfen die starken Nutzungsinteressen außeralpiner Akteure (exogene Nutzungen) nicht die dezentralen Nutzungen der Alpenbewohner dominieren oder gar verdrängen, sondern beide, also endogene und exogene Nutzungen müssen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Deshalb muss die Leitidee für die Zukunft der Alpen lauten: Ausgewogene Doppelnutzung statt Ergänzungsraum.

Quelle und weitere Informationen:

http://www.cipra.org/de/cipra/deutschland/projekte/aktuelle-projekte/alpenpreis

http://www.alpenverein.de/presse/cipra-deutscher-alpenpreis_aid_15225.html