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Heute handeln, morgen profitieren

(c) Frank Schultze, Zeitenspiegel

Der Klimawandel ist eine der grössten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. In den Alpen sind die Temperaturen in den vergangenen 150 Jahren mit rund zwei Grad fast doppelt so stark gestiegen wie im globalen Durchschnitt. Um die Konsequenzen für Mensch und Natur abzuschwächen, muss jetzt gehandelt werden.

Der Himmel ist grau und wolkenverhangen, Niederschläge prasseln wie aus einem Duschkopf hernieder. Die kahlen Berghänge, können kein Wasser mehr aufnehmen. Die kleinen Abflüsse sind ausgeschwemmt und werden zu Sturzbächen. Ein Teil des Hangs rutscht ab und verschüttet Häuser und Strassen. Der Sachschaden und die Reparaturmassnahmen betragen Hunderttausende Euro.

Szenenwechsel, der gleiche Ort ein paar Jahre zuvor: Eine Gruppe junger Menschen steht im Hang. Schweiss rinnt ihnen von der Stirn, ihre Hände sind voller Erdkrumen. Unter Anleitung von Forst- und Klimaexperten pflanzen sie oberhalb ihres Dorfes Jungbäume. Durch den heranwachsenden Mischwald wird der Hang stabilisiert. Gemeindearbeiter verbreitern zudem die Wasserabflüsse. So kann der Wald Rutschungen auch bei Starkniederschlägen verhindern. Die Kosten liegen bei ein paar Zehntausend Euro.

Diese zwei Szenarien zeigen, wie wichtig es ist vorzubeugen, und wie gravierend die Konsequenzen sein können, wenn man es nicht tut. Knapp ein Vierteljahrhundert ist her, dass der Weltklimarat (IPCC) den ersten Bericht zum Klimawandel veröffentlichte. Die Wissenschaftler vermuten darin einen Zusammenhang zwischen menschlichem Handeln und der Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre. Seither ist viel passiert: Die Forschung wurde intensiviert, neue Methoden wurden entwickelt. Spätestens der letzte veröffentlichte IPCC-Bericht 2014 lässt keinen Zweifel daran, dass der menschliche Einfluss «mit extremer Wahrscheinlichkeit» die Ursache für die Erwärmung ist. Dies hat mittlerweile auch die Politik erkannt.

Folgen schon jetzt sichtbar

Die internationale Klimapolitik hat sich zum Ziel gesetzt, die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad gegenüber dem Niveau vor der Industrialisierung begrenzen. Nur mit diesem «Zwei-Grad Ziel» sind gemäss IPCC die ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgen des Klimawandels zu bewältigen. Dazu müssten aber alle Schadstoffemissionen bis 2050 um mindestens 50 Prozent reduziert werden. Ein verbindliches Ziel ist bei den Klimakonferenzen, sei es in Kopenhagen (2009), Durban (2011) oder Warschau (2013), aus wirtschaftlichen und politischen Interessen immer wieder verhindert worden.

Doch selbst bei grössten Klimaschutzbemühungen, wie dem sofortigen Stopp des Ausstosses aller Treibhausgase, liessen sich die Folgen des Klimawandels nur abschwächen und nicht mehr gänzlich verhindern. Manche, wie Ernteausfälle durch lange Dürreperioden oder Hochwasser durch Starkniederschläge, sind bereits heute sichtbar – auch im Alpenraum. Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb von der Universität für Bodenkultur in Wien dazu: «Der Klimawandel schreitet in den Alpen, wie in anderen Gebirgen, schneller voran als im Rest Europas. Dies hängt teilweise damit zusammen, dass die Schneebedeckung zurück geht, und der dunkle Boden mehr Wärme aufnehmen kann. Wir gehören somit mit zu den ersten, die gewaltige Veränderungen zu spüren bekommen – vor allem was die Sicherheit in alpinen Tälern betrifft.»

Reaktiv oder proaktiv?

Um die Folgen des Klimawandels für Mensch und Natur so gering wie möglich zu halten, sind Anpassungsmassnahmen jetzt entscheidend. Gerade kleine und kostengünstige Aktionen wie Schutzwaldpflege oder die Renaturierung von Mooren zu Überschwemmungszonen können auf lokaler und regionaler Ebene sofort und unkompliziert in Angriff genommen werden. Da die Auswirkungen des Klimawandels von Region zu Region, ja selbst von Tal zu Tal unterschiedlich sein können, sollten Anpassungsinitiativen von regionalen Entscheidern wie Gemeinderäten initiiert werden.

Es gilt,die Auswirkungen für den gesamten Lebens- Wirtschafts- und Naturraum zu betrachten. Ein Hangrutsch kann sich auf alle Sektoren auswirken: Forstwirte verlieren ihren Rohstoff, Gemeinden und Privatpersonen Infrastruktur, Tourismus attraktive Landschaften. Um Synergien zu erkennen und Kosten zu sparen ist es wichtig, dass alle Betroffenen einer Region wie Bürgermeister, Gemeinderäte, Wirtschaftstreibende und die lokale Bevölkerung gemeinsam Massnahmen ausarbeiten. Wie dies funktionieren kann, zeigt die Schweizer Region Surselva. Basis bildet eine Umfeldanalyse: Was funktioniert, welche Ressourcen sind vorhanden, welche Leistungen werden erbracht? Berücksichtigt werden auch klimabedingte Chancen und Risiken. Workshops und der regelmässige Austausch befähigen die regionalen Akteure, unter Anleitung von Experten sektorübergreifende Anpassungsstrategien und geeignete Werkzeuge zu entwickeln. Urs Giezendanner, Leiter der Regionalentwicklung Regiun Surselva: «Durch die Mitarbeit aller Betroffenen können von Gemeinden und Wirtschaftstreibenden schnell Anpassungsmassnahmen umgesetzt werden. So wird die Surselva schon jetzt fit für den Klimawandel gemacht.»

Jakob Dietachmair
CIPRA International

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Hilfestellungen für Anpassung

C3-Alps

Das Interreg-Alpine-Space-Projekt C3-Alps übersetzt wissenschaftliche Erkenntnisse zur Anpassung an den Klimawandel in die Praxis. Ziel ist es, Entscheider auf regionaler und nationaler Ebene wie Bürgermeister oder Beamte zum Handeln zu befähigen. Beispielsammlungen in Film, Bild und Text zeigen mit Good-Practice-Beispielen Lösungen auf.

Klima-Toolbox Surselva

Mit Hilfe eines «Werkzeugkoffers» erprobt die Region Surselva/CH Methoden und Massnahmen für die Anpassung an den Klimawandel. Entscheider, Wirtschaftstreibende und die Bevölkerung gestalten ihren Anpassungsprozess gemeinsam und sektorübergreifend. Das Projekt wird im Rahmen des Pilotprogramms zur Anpassung an den Klimawandel durch das schweizerische Bundesamt für Umwelt BAFU gefördert.

www.cipra.org/de/klima-energie

 

Quelle und weitere Informationen: www.cipra.org/szenealpen

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