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Alpenkonvention: Sinn und Sinnlichkeit

Felix Näscher (Liechtenstein), CIPRA-Geschäftsführer Andreas Götz, Architekt Johannes Kaufmann (von links)

Felix Näscher (Liechtenstein), CIPRA-Geschäftsführer Andreas Götz, Architekt Johannes Kaufmann (von links) © Zeitenspiegel Reportagen / Heinz Heiss

Klimaschutz beim Bauen und Sanieren ist Zukunftsvorsorge und zahlt sich auch wirtschaftlich aus. Mehr noch: Der Architekturpreis «Konstruktiv» zeigt, wie nachhaltiges Bauen zur Augenweide werden kann. Die CIPRA hat den Preis mitinitiiert, um vorbildliche Lösungen bekannt zu machen. Nachahmen ausdrücklich erlaubt!
Manchmal, wenn er ein kommunales Gebäude plant, fragen ihn die Bürgermeister, welches Holz er zu verwenden gedenke. Dann antwortet Johannes Kaufmann gerne mit einer Gegenfrage: «Welche Bäume stehen denn bei euch im Gemeindewald?»
Man könnte den österreichischen Architekten Johannes Kaufmann konservativ nennen, trotz der hochmodernen Gebäude, die er entwirft. «Ich bin ein Freund des Gedankens: Wie haben es unsere Vorfahren gemacht?», sagt Kaufmann. «Sie sind in den Wald gegangen, um zu sehen: Welches Holz haben wir? Wie schneiden wir die Stämme, damit wir möglichst wenige Bäume fällen müssen?»
Heute dagegen liessen viele Bauherren «irgendeinen Querschnitt aus dem Stamm sägen». Das viele Abfallholz werde dann «über Hunderte von Kilometern über die Strassen gekarrt, um irgendwo Kisten daraus zu machen». Eine Art von Verschwendung, die Kaufmann widerstrebt. Der 43-Jährige stammt aus einer alten Zimmermannsfamilie im Bregenzerwald/A. Eine Universität hat er nie besucht. Nach der Zimmermannslehre arbeitete er in renommierten Architekturbüros als Zeichner, bevor er seine Zimmermeister- und Baumeisterprüfung ablegte und sich selbständig machte. Heute ist Johannes Kaufmann ein wichtiger Vertreter der innovativen Vorarlberger Holzbau-Bewegung. Und ein preisgekrönter: Die Jury von «Konstruktiv», dem von der CIPRA mitinitiierten «Liechtenstein-Preis für nachhaltiges Bauen und Sanieren in den Alpen», zeichnete eines seiner Häuser aus. Der Architekt und die Gemeinde erhalten den mit 25’000 Euro dotierten ersten Preis für Planung und Realisierung des Gemeindehauses Raggal in Vorarlberg. Ausschlaggebend war für die Juroren, wie der Holzbau strenge, fast puristische Schönheit mit einer hohen Energieeffizienz verbindet.
Nun schmückt der kubische Akzent eine Vorarlberger Landschaft, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat. Weit verstreut liegen Höfe und Weiler an den steilen Hängen des Grossen Walsertals. Als die Vorfahren der heutigen Bewohner vor rund 700 Jahren dem Hunger und der Armut im Schweizer Wallis entflohen, waren die fruchtbaren Flecken unten im Tal bereits besetzt. Die Siedler mussten in die Höhe ausweichen und den Wald dort roden, wo karge Krume und steile Hänge nur ein bescheidenes Auskommen versprachen. Die Wände der alten Höfe fügen sich aus wuchtigen Balken. Die weit vorstehenden Satteldächer vermögen schwere Schneelasten zu schultern. Häufig schirmen Panzer aus Schindeln die Fassaden gegen schlagenden Sturm: Jeder Hof eine Trutzburg gegen die Zeit. Umso mehr überrascht das neue Gemeindehaus. Kein hoher Giebel bietet den Wettergewalten die Stirn. Stattdessen fügt sich der Holzkubus bescheiden in den Hang, als wolle er kein Aufheben um sich machen.
Doch das störte die internationale Jury renommierter Architekten und Architekturkritiker nicht, im Gegenteil. Der Preis «Konstruktiv» versteht unter Nachhaltigkeit auch den Respekt vor Landschaft und Kultur, wie er sich im Gemeindehaus ausdrückt. Oberhalb gruppieren sich Pfarrhaus, Kirche und die Grundschule vonRaggal um die alte Dorflinde. Von dem Platz, seit jeher Treffpunkt der Bergbauern, sieht man weit ins Tal. Hinüber zum Walserkamm, der Bergkette über dem Tal, auf den Schutzwald über den verstreuten Häusern, auf die steilen Tobel, die sich in die Hangwiesen schneiden. Als Johannes Kaufmann zum ersten Mal unter der Linde stand, wurde ihm klar: «Diesen wunderschönen Blick darf man nicht verstellen.» Entgegen den Vorgaben der Gemeinde, die ein konventionelles Satteldach verlangten, präsentierte Kaufmann seinen modernen Entwurf mit einem nur leicht geneigten Pultdach – und gewann die Ausschreibung.
«Zunächst tendierten bei uns alle zu den eher herkömmlichen Entwürfen», erinnert sich Werner Asam, der Leiter des Gemeindeamtes, an die Diskussionen über die eingereichten Wettbewerbsbeiträge. Die Gemeinderäte gingen von Modell zu Modell. Kaufmann gruppierte in seinem Entwurf die meisten Räume auf nur einer Ebene. Gleich links neben dem Eingang das Tourismus­amt, rechts das Gemeindeamt, getrennt nur durch Glas: Transparenz als wichtiges Element, im Raum, in der Verwaltung. Hinter den Ämtern schliesst sich das «Walserstüble» an, ein Treffpunkt für Gruppen und Vereine. Lediglich der Sitzungssaal des Gemeinderates liegt im zweiten Stock, Weitblick inklusive. Bei den konkurrierenden Entwürfen waren die Amtsräume auf drei und vier Stockwerke verteilt. «Wir waren zwar architektonische Laien», sagt Werner Asam. «Aber dennoch kristallisierte sich für uns die besondere Qualität des modernen Entwurfs heraus.»
Ein weiteres Argument trat hinzu, dem sich kein Lokalpolitiker verschliesst: die Förderung der regionalen Wirtschaft. Weisstannen und Fichten lieferte der eigene Gemeindewald. Der Einschlag und die Verarbeitung beschäftigten Holzhauer, Säger, Schreiner und Zimmerleute im Tal. Hackschnitzel, ebenfalls aus heimischen Forsten, heizen nicht nur die Ämter, sondern per Fernwärme­leitung gleich auch Pfarrhaus, Kirche, Schule und einige Privathäuser mit. Für eine gute Energiebilanz sorgt ein Dämmkonzept, das sich an der Passivhaustechnologie orientiert.
An einem Novembertag 2010 führt Johannes Kaufmann zwei Männer durch die Räume, die seinen gestalterischen und ökologischen Ideen besonders verbunden sind. Andreas Götz, Geschäftsführer von CIPRA International, setzt sich mit seinerOrganisation seit langem dafür ein, Bauen und Sanieren in den Alpen nachhaltiger zu machen. Der zweite ist Felix Näscher, Leiter des Amtes für Wald, Natur und Landschaft in Liechtenstein, der gemeinsam mit der CIPRA Impulse für innovative Baukonzepte setzen möchte. Auf dem Weg durch die Flure erinnern sich die beiden daran, wie alles mit einer grossen Enttäuschung begann. Im März 2009 präsentierten die Umweltminister der Alpenanrainer-Staaten ihren von der CIPRA angestossenen «Aktionsplan zum Klimawandel in den Alpen». Ein herber Rückschlag. «Dieses Papier wird den Herausforderungen, die der Klimawandel stellt, in keiner Weise gerecht», urteilt Andreas Götz. Die CIPRA hatte den Ministern ein weit umfassenderes Konzept vorgeschlagen, mit konkreten Zielen und Massnahmen, wie der Klimawandel zu vermindern und seine Folgen zu bewältigen wären. Die Alpen sollten eine «Modellregion für den Klimaschutz» werden. So sollten bei Neubauten Ölheizungen verboten und der Passivhaus-Standard flächendeckend eingeführt werden. All diese Vorschläge fehlten im Aktionsplan. «Er ist ein nichts sagendes Papier mit ein paar zufälligen Massnahmen», sagt der CIPRA-Geschäftsführer. «Das ist in weiten Teilen ein abstraktes Konzept, das nicht auf die Alpen zugeschnitten ist», pflichtet Felix Näscher bei.
Die CIPRA-Kritik am Ministerplan regte Amtsleiter Näscher zu einem Projekt an. Gemeinsam mit der CIPRA entwickelte er den Architekturpreis «Konstruktiv». Das Liechtensteiner Amt stellte das Preisgeld zur Verfügung, die CIPRA half mit ihrem Wissen und ihrem Netzwerk, den Wettbewerb zu organisieren und bekannt zu machen. Aus dem gesamten Alpenraum kamen die Bewerbungen, rund 200 insgesamt.
«Nur wenige Bauherren wissen, welches Haus sie ganz genau wollen», erklärt Felix Näscher. «Im Wesentlichen bestimmt der Architekt, was letztlich herauskommt.» Der Wettbewerb solle deshalb Bauherren und PlanerInnen gleichzeitig aufzeigen, dass «spannende Architektur und Energieeffizienz zusammenpassen». Auch beim Bau selbst könne Energie eingespart werden, betont Andreas Götz. «Es macht einen riesigen Unterschied, ob ich viel Energie aufwende, um industrielle Baustoffe wie Beton und Stahl herstellen und transportieren zu lassen, oder ob ich auf die natürlichen Rohstoffe vor Ort zurückgreife», sagt er und weist durch das Panoramafenster auf den Wald am gegenüberliegenden Talhang. Zumal der Werkstoff Holz, wenn er aus einer kleinräumigen, nachhaltigen Waldnutzung stamme, «auch unsere Identität widerspiegelt», ergänzt Felix Näscher und meint die alten Walserhöfe. «Das hatten wir aus den Augen verloren.» Der Baustoff Holz galt als Symbol für Rückständigkeit. «Aber jetzt sitzen wir hier und sehen, wie modern man das Bauen mit Holz interpretieren kann!»
Die ökologischen Vorgaben waren ehrgeizig. Ein echtes Passivhaus konnte dennoch an diesem Standort nicht entstehen: Während der Wintermonate kommt kein Sonnenstrahl durch. «Für mich geht es jedoch nicht ums Dogma», sagt Johannes Kaufmann und listet seine Standards auf: Dreifachverglasung, ökologische Materialien, eine luftdichte Gebäudehülle. «Das Wichtigste ist für mich, intelligente Gebäude zu bauen, in denen die Menschen sich wohl fühlen.» Das kann man im Gemeindehaus mit den Händen greifen. Etwa an der fast weissen Wandverkleidung. Die Platten aus Weisstanne wurden ohne Holzschutzmittel hergestellt, lediglich gebürstet. Die Arbeitsplätze in den Büros sind von Licht durchflutet, die eingesetzten Materialien sind gesund und riechen angenehm. Am Ende des Rundgangs sagt Andreas Götz: «Dieses Haus bestätigt mir, dass Klimaschutz und nachhaltige Lösungen keinen Verzicht bedeuten, sondern Lust und Sinnlichkeit.»

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Orchestrierter Holz-Umbau: Als Zweiter beim «Liechtensteinpreis für nachhaltiges Bauen und Sanieren in den Alpen» wurde ein 170-jähriger Holzbau im österreichischen Vorarlberg ausgezeichnet. Der Gasthof «Krone» in Hittisau zeigt auf vorblidliche Weise, wie ein Altbau energetisch saniert und gleichzeitig dessen Charakter aufgewertet werden kann. 29 Handwerksbetriebe aus dem Werkraum Bregenzerwald brachten ihre regionale Handwerkskunst ein. Das Holz stammt aus der Umgebung, die Wärme aus dem nahen Biomasse-Heizkraftwerk. Weitere Informationen unter: www.krone-hittisau.at
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Bekenntnis zu Nachhaltigkeit:
Die Alpenkonvention ist ein internationaler Staatsvertrag, in dem sich die acht Alpenstaaten Deutschland, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Monaco, die Schweiz und Slowenien sowie die EU zu einer nachhaltigen Entwicklung verpflichten. Das Vertragswerk entstand auf Druck der CIPRA, die sich auch für einen Klima-Aktionsplan stark macht. Auch der «Liechtenstein-Preis für nachhaltiges Bauen und Sanieren in den Alpen» weist in Richtung Klimaschutz. Er wird vom Land Liechtenstein finanziert und gemeinsam von der CIPRA und der Hochschule Liechtenstein organisiert. Weitere Informationen unter: www.cipra.org/de/alpenkonvention und www.constructive.li
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Quelle: Jahresbericht 2010 CIPRA International
www.cipra.org/de/CIPRA/cipra-international
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