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Zentralasiatische Bergdorfallianz: Brücken über Berge hinweg

Antonio Zambon (zweiter von links) mit Kollegen von der Zentralasiatischen Bergdorfallianz

Antonio Zambon (zweiter von links) mit Kollegen von der Zentralasiatischen Bergdorfallianz © CIPRA International / Andreas Götz

Manchmal werden die härtesten Herausforderungen butterweich präsentiert. Auf dem Teller vor Antonio Zambon liegt ein Schafskopf. Stundenlang gegart, damit das Fleisch schön zart ist, einschliesslich der Augen. Die kirgisischen Gastgeber schauen den Besucher aus dem fernen Italien erwartungsvoll an. Eine Zwickmühle.
Die rustikale Delikatesse ist nicht gerade nach seinem Geschmack; andererseits ist die Geste eine Ehre für ihn, den ältesten in der Delegation.
«Respekt gegenüber dem Alter und der soziale Zusammenhalt sind in Zentralasien noch intakt», sagt Zambon, 59, vormals Bürgermeister von Budoia und Vizepräsident des Gemeindenetzwerkes «Allianz in den Alpen». Dagegen sind nach dem Zusammenbruch des Sozialismus Strassen und Schulen, öffentliche Gebäude und Privathäuser in erbarmungswürdigem Zustand. Mit negativen Konsequenzen auch für die Umwelt. Weil die Häuser schlecht isoliert und die Öfen veraltet sind, verpufft in den strengen Wintern ein grosser Teil der Heizenergie. Bis zur Hälfte des Haushaltsgeldes geben die Menschen im Durchschnitt für Brennmaterial aus.
Eine internationale Zusammenarbeit will Abhilfe schaffen. Über persönliche Kontakte kam es ab 2002 zu Besuchen von CIPRA-Geschäftsführer Andreas Götz und des alpinen Gemeindenetzwerks in Kirgistan. Bürgermeister aus Italien und Österreich berichteten dort auf einer Tagung, wie wichtig der Austausch zwischen Gemeinden in den Alpen ist. Und wie gut er funktioniert. Antonio Zambon erzählte den anwesenden Kirgisen, Tadschiken und Kasachen, wie sein Heimatort von Projekten in anderen Kommunen lerne: «Das war neu für sie. Unsere Biomasse-Anlage beispielsweise ist von einem Modell in Vorarlberg inspiriert, die Schulmensa mit Bio-Essen ebenfalls.» Die Grundidee der CIPRA, Orte mit gleicher Problemlage zu vernetzen, um von den Lösungen der anderen zu profitieren, überzeugte. Einstimmig wurde die «Zentralasiatische Bergdorf­allianz» (AGOCA) gegründet.
Seitdem arbeiten die beiden Gemeindenetzwerke zusammen. Ihr zentrales Thema: Wie lässt sich Energie möglichst effizient einsetzen? «Hier können wir vor allem mit technischem Wissen helfen», sagt Zambon. Aber auch mit finanzieller Hilfe. Schon für rund 650 Euro kann in Kirgistan ein ganzes Haus isoliert werden.
Seit der Geburtshilfe durch Geschäftsführer Götz vor sieben Jahren unterstützt die CIPRA ihren zentralasiatischen Partner; auch die «Allianz in den Alpen» hilft mit Rat (zu effizienten Öfen und alternativen Energien) und Tat (Zugang zu Förderern). Die AGOCA hat viel von den europäischen Partnern gelernt. So sind hüben wie drüben Exkursionen zwischen den Kommunen ein wichtiges Mittel, um erfolgreiche Methoden zur Verbesserung der Energieeffizienz weiterzureichen.
Dabei gab es anfänglich auch Missverständnisse. «In Zentralasiensehen die Menschen die Zukunft in möglichst vielen neuen Strassen, Stauseen und Häusern. Die schüttelten zunächst mit dem Kopf, als wir darauf hinwiesen, dass ein Zuviel an Infrastruktur die Landschaft zerstört», berichtet Zambon. Es dauerte, bis seine Gesprächspartner begriffen, dass eine Verbauung wie in den Alpen morgen auch ihr eigenes Problem sein könnte. So leisten die europäischen Partner bei einem schwierigen Spagat Hilfestellung: zwischen Erhaltung und Entwicklung, zwischen alten Werten und Moderne.
Zambon jedenfalls schaffte ihn. Für den Schafskopf auf seinem Teller fand sich beim Festmahl in Kirgistan ein diplomatischer Ausweg: Er kostete ein wenig – und reichte an den Ältesten der Gastgeberfamilie weiter.

Quelle: Jahresbericht 2010 CIPRA International
www.cipra.org/de/CIPRA/cipra-international