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Alarm in St. Moritz

Hanspeter Danuser

Ein schwelender Konflikt «top of the world»: Hanspeter Danuser will in St. Moritz Zweitwohnungen zwangsvermieten. © Frank Schultze/Zeitenspiegel

Der Kurdirektor von St. Moritz, Hanspeter Danuser, fordert die touristische Vermietung leer stehender Zweitwohnungen. Damit will er verhindern, dass der Nobelferienort herunterkommt.
Widerstände und Kopfschütteln ist Hanspeter Danuser seit Langem gewohnt. Als der Kurdirektor von St. Moritz in den achtziger Jahren den Glacier Express neu lancierte, wurde er von vielen Kommunalpolitikern und Tourismusexpertinnen beinahe für verrückt erklärt. Was sollte die «alte Lotterbahn» im Schweizer Nobelferienort? «Zehn Jahre später hatten wir verzehnfachte Fahrgastzahlen, mehr als 200.000 Passagiere», lacht der distinguierte Kurdirektor so verschmitzt, dass seine wachen Augen kaum noch zu sehen sind. Der die Schweizer Alpen durchquerende Glacier Express ist heute eine der grossen Touristen-Attraktionen.

Eine mutige Forderung
Jetzt sorgt Danuser wieder für Trubel in der 1.856 Meter hoch gelegenen Ferienwelt der Schönen, Reichen und ganz schön Reichen. Und weit darüber hinaus. Der Tourismuschef, seit 29 Jahren im Amt, schlägt Alarm: Die Immobilienpreise im Oberengadin seien inzwischen völlig überhitzt, der Anteil der Hotelbetten dagegen gesunken. Und vor allem: Die Zweitwohnungen würden miserabel genutzt. Danuser weiss zu gut, dass Eigentum «in der Schweiz eine heilige Kuh ist». Und in St. Moritz, neben Zürich und Genf traditionell ein Immobilien-Dorado für die sehr gut Betuchten, allemal.
Dennoch wagt der 60-jährige Kurdirektor die brisante Offensive: Einige der KäuferInnen von neuen Ferien-Zweitwohnungen in der Region St. Moritz, hat Hanspeter Danuser Anfang 2007 erstmals öffentlich gefordert, sollen künftig die Immobilie in der Zeit, in der sie diese nicht selbst nutzen, zur touristischen Vermietung freigeben. Das bedeutet im Klartext: ein Vermietungszwang.

Die Zahlen sprechen für sich selbst
Gemeindepräsidenten im Oberengadin, denen das Problem der leer stehenden Zweitwohnungen bewusst sei, hätten ihn zu diesem Vorstoss ermuntert, sagt Danuser. Um die Dringlichkeit zu verdeutlichen, lässt er konkrete Zahlen sprechen: Inzwischen seien im Oberengadin 58 Prozent aller Wohnungen Zweitwohnungen. Ihre Besitzer sind Schweizer und Schweizerinnen oder kommen aus dem Ausland. Von insgesamt 100.000 Betten würden rund 18.000 von Einheimischen genutzt und etwa 5.000 von SaisonarbeiterInnen. Die restlichen gut 75.000 seien Gästebetten. Von denen aber, betont Danuser, würden nur etwa 40.000 an Touristen vermietet. Der Kurdirektor hebt seine sonore Stimme: «Die Betten in Zweitwohnungen werden im Schnitt gerade mal vier bis fünf Wochen im Jahr belegt.»
Und das ist vor allem in der kurzen Phase um Weihnachten und Neujahr oder im Februar der Fall, in der touristischen Hochsaison. Dann fallen neben den Hotelgästen die Zweitwohnungsnutzer mit mehreren zehntausend Autos in St. Moritz und das Oberengadin ein. Danuser räumt ein: «Alles muss auf diese Spitze ausgelegt sein.» Das bedeutet: Die immense Verkehrsinfrastruktur in diesem Dorf mit 5.000 EinwohnerInnen ist für die wenigen Wochen im Jahr geschaffen worden, in denen die Zweitwohnungen belegt sind. Ein ökologischer Wahnsinn. Dass die ansonsten leer stehenden Wohnungen, wie der Kurdirektor kritisiert, den Winter durchgeheizt werden, kommt noch dazu.

Hohe Kosten – niedrige Produktivität
Die örtliche Bauwirtschaft verdient am Bau der Zweitwohnungen. Und Danuser gibt zu bedenken, dass zumindest in der Investitionsphase auch die Gemeinde Geld einnehme. Doch der Kurdirektor bestätigt auch: Die Wertschöpfung bei Betten in Zweitwohnungen liegt gerade bei einem Zehntel derjenigen von Hotelbetten: «Die Produktivität ist miserabel.» Dennoch muss St. Moritz den selten anwesenden WohnungsnutzerInnen alles bieten – die gesamte Infrastruktur. Was hohe Kosten bedeutet. Und wenig Rentabilität.
Die im Juni 2005 vom Oberengadiner Stimm-Volk beschlossenen Beschränkungen für den Zweitwohnungsbau haben derweil im Oberengadin die Überhitzung der Immobilienpreise weiter angefacht, sagt Danuser. «Statt 400 Wohnungen pro Jahr können im Tal jetzt nur noch 100 gebaut werden.» Doch die Nachfrage steigt weiter. Entsprechend explodieren die Preise. «Der Quadratmeter kostet in schöner Lage jetzt rund 35.000 Franken. Das sind extreme Werte.» Für superreiche St. Moritz-Fans aus der Schweiz und dem Ausland sind solche Mondpreise bezahlbar. Für die Einheimischen jedoch schon lange nicht mehr. «Sie können sich kaum noch Wohnungen leisten», sagt Danuser. «Die Vermögensunterschiede zwischen ihnen und den reichen Touristen sind zuweilen extrem. Die Schere klafft immer weiter auseinander.» Auch eine Entwicklung, die unbedingt aufgehalten werden müsse: Schwelende Konflikte zwischen Alteingesessenen und NeubürgerInnen, die den exklusiven Ruf von St. Moritz ankratzen, könne man sich «top of the world» nicht leisten.

Die Suche nach einer Lösung
Das garstige Wort «Zwangsvermietung» will Danuser nicht verwenden, wenn er seinen Aufsehen erregenden Vorschlag darstellt. Und schon gar nicht «Enteignung». Er spricht lieber von einer «Sowohl-als-auch-Lösung» für die nahe Zukunft. Und die sieht so aus: Die sehr teuren «Filetstücke» werden wie bisher an die Superreichen verkauft. Parallel sollen aber so genannte «Zweitwohnungen b» definiert werden, «b» wie bewirtschaftet. Die hätten, so Danuser, nicht die allerbesten Lagen, aber man bekomme sie günstiger – weil die EigentümerInnen sie nur beschränkt nutzen und für den grossen Rest der Zeit einer Vermietungszentrale zur Verfügung stellen. Danusers Hintergedanke: Die Beschränkungen beim Erwerb solch bewirtschafteter Zweitwohnungen können gelockert, womöglich sogar aufgehoben werden.
Der Kurdirektor ist Realist genug um zu wissen, dass die Topreichen eine Auflage zur Weitervermietung nicht mitmachen würden. «Bei dieser Schicht ist es schlecht vorstellbar. Wenn die hierher in die Ferien kommt, fahren erst einmal gesicherte Laster mit den Original-Picassos vor.» Doch es gebe auch einen oberen Mittelstand von vermögenden Menschen, die in St. Moritz etwas Eigenes haben wollten. «Ich bin überzeugt, dass mindestens ein Drittel der heutigen Kaufinteressierten bereit wäre, diese Einschränkung auf sich zu nehmen, um die Immobilie überhaupt erwerben zu können.»
Was bringt einen Tourismus-Manager auf solche Gedanken? Danusers ganz grosse Sorge ist, dass es sich die Einheimischen künftig nur noch leisten könnten, an den Ortsrändern zu leben und so manche Residenz im Zentrum leer stehen könnte. «Ich habe Angst, dass der Ortskern verödet», sagt der Tourismuschef.
Einen «altersradikalen Bergmarxisten» hätten viele ihn geschimpft, als er Anfang 2007 in einem Zeitungsinterview erstmals seinen Vorschlag formuliert hatte, erzählt er. Inzwischen aber hätten auch «intelligente Bürgerliche» kapiert, dass man diesen Weg gehen müsse. Im kanadischen Whistler Mountain funktioniere es ja auch, und das schon seit vielen Jahren. «Dort ist es so, dass man die Zweitwohnung im Sommer und Winter jeweils einen Monat selbst benutzt und sie den Rest der Zeit vermieten muss.»
Im Frühsommer 2007 registriert Danuser erste politische Reaktionen auf Kantonsebene: Der Graubündner Regierungsrat Hansjörg Trachsel, zuständig für Wirtschaftssachen, habe bei ihm angefragt, ob er in einer neuen Arbeitsgruppe «Zweitwohnungen» mitwirken würde. Hanspeter Danuser ist optimistisch, dass sein Vorstoss Erfolg haben wird. Widerstand und Kopfschütteln sei er ja gewöhnt, sagt er. Dabei lächelt er wieder so verschmitzt.