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Gelebtes Wissen in den Alpen

Wald

Das Erscheinungsbild der Almen ist durch die traditionelle landwirtschaftliche Nutzung entstanden. © Susanne Grasser

Seit Jahrhunderten unterliegt der Naturraum der Alpen einer intensiven, sich laufend wandelnden Nutzung durch den Menschen. Die Vielfalt der Ökosysteme mit unterschiedlichem Pflanzen- und Tierbestand erlaubt den hier lebenden Menschen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse auf vielfältige Weise.
Bäuerinnen und Bauern haben früh begonnen an günstigen Standorten die Wälder zu roden, die Rodungsflächen in ein Mosaik unterschiedlicher Agrar- und Forstökosysteme umzuwandeln und damit die Biodiversität deutlich zu steigern. Hier wurden Lebensmittel, Brennund Baumaterial, sowie Gegenstände für Handwerk, Kultur und Brauchtum gewonnen. Die biologische Vielfalt der Alpen dient seit Jahrhunderten auch Gewerbe und Industrie innerhalb sowie ausserhalb des Alpenraumes als Rohstoffquelle. Nicht zuletzt ist der Tourismus wesentlich von der Biodiversität abhängig. Viel von dem, was heute für Laien die Alpen charakterisiert - Wald, Almen, alpenländische Landwirtschaft und blühende Wiesen - ist in seinem aktuellen Erscheinungsbild weitestgehend auf menschlichen Einfluss und traditionelle landwirtschaftliche Nutzung zurückzuführen.

Agrarbiodiversität im Wandel
Ein wichtiger Bestandteil der Biodiversität ist die Agrar-Biodiversität. In vielen Regionen der Alpen waren noch bis vor kurzer Zeit jene Flächen, die heute mit Grünland bewachsen sind, intensiv genutzte Flächen für den Anbau von Getreide, Feldgemüse (Bohnen, Erbsen, Kraut, Kartoffeln), Ölfrüchten (Mohn) und Faserpflanzen (Hanf, Flachs). Hier wurden jene Kulturarten und -sorten angebaut, die einerseits im Berggebiet einen relativ sicheren Ertrag lieferten und andererseits als Lebensmittel gut lagerfähig waren, um die Ernährung über lange Winter sicherstellten zu können. Nicht nur durch den Anbau von passenden Sorten, sondern auch durch die Vielfalt innerhalb einer Sorte wurde eine gewisse Ertragsicherheit erreicht. Das Heu für die Nutztiere wurde überwiegend auf Almwiesen gewonnen und meist im Winter mit Schlitten zu den Hofstellen transportiert. Diese Kulturarten aber auch viele Tierrassen sind heute weitestgehend verschwunden und durch eine intensive Viehwirtschaft abgelöst worden. Von einigen Kulturarten sind die an das Berggebiet angepassten Sorten nur mehr in Genbanken zu finden. Durch die fortschreitende Nutzungsaufgabe von abgelegenen, ertragsschwachen und nicht mit der Maschine zu bewirtschaftenden Flächen für die Weide und Mahd verschwinden viele wertvolle Lebensgemeinschaften. Ähnlich ist das Wissen über die Wildflora oft nur mehr in Büchern überliefert.

Wissen über die Nutzung der Wildflora geht verloren
Integraler Bestandteil bäuerlichen Wirtschaftens war das Sammeln. Als Lebensmittel - Wildobst, Wildgemüse -, als Heilmittel für Mensch und Tier, sowie als Futter, Einstreu und Dünger, wurden eine grosse Anzahl von Pflanzenarten genutzt, die nicht am Acker kultiviert wurden. Während früher das Sammeln oft nebenbei im Rahmen anderer Arbei wurden alleine oder in Kombinationen in zum Teil aufwendigen Rezepten zu Salben, Tinkturen, Bädern und Tees verarbeitet. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass dieses Wissen heute oft nur mehr in Büchern festgehalten ist, kaum mehr weitergegeben wird und auch durch die gesetzlichen veterinär- bzw. humanmedizinischen Rahmenbedingungen verdängt wurden. Heute reicht ein Telefonanruf und der Arzt ist da, oder das Medikament aus der Apotheke beim Kranken.
Renaissance erfahren hingegen zuletzt Wildkräuter in Tees, in alternativen Kochrezepten oder bei Heilanwendungen im Spa- und Wellnessbereich von Hotels. Während hier jedoch oft mit "den Alpen" geworben wird, stammen die Rohstoffe nicht selten aus landwirtschaftlichem Anbau oder aus Wildsammlung in Billiglohnländern.

Bauerngärten im Alpenraum gewinnen an Bedeutung
Anders als oft angenommen spielten bis vor kurzer Zeit Bauerngärten in den Alpen eine untergeordnete Rolle. Hier wurden zwar einige wichtige Heilkräuter und Gewürze angebaut, aber die grosse Vielfalt ist erst heute in den Gärten zu finden. Mit der Zunahme von Grünland um den Hof, der Abnahme der Ackerbzw. Hackfruchtflächen im Alpenraum ten erledigt wurde, etwa beim Hüten der Tiere, bei Fussmärschen zum Feld oder bei der Forstarbeit, ist mit der Abnahme der Vielfalt der genutzten Standorte und dem zunehmenden Nebenerwerb das Sammeln heute oft nur mehr für wenige eine erfüllende Tätigkeit.
Von besonderer Bedeutung war das Sammeln für Heilbehandlungen. Bis vor nicht allzu langer Zeit gab es in den meisten abgelegenen Tälern der Alpen keinen Humanmediziner und schon gar keinen Tierarzt, dafür aber kundige Hebammen, Viechdoktoren und Kräuterweiber. Die pflanzliche Vielfalt, aber auch Minerale sowie Bestandteile von Tieren sowie dem Rückgang der Sammelaktivitäten, nahm ihre Bedeutung zu. Viele Bäuerinnen integrieren heute in die Gärten das, was zuvor "draussen" zu finden war. So sind Bauerngärten heute oftmals ein Abbild jener Vielfalt an Kulturarten und Sorten sowie Wildpflanzen, die in den Agrar- und Forstökosystemen früher genutzt wurden. In diesen Gärten sind auch noch heute einige sehr seltene Kulturpflanzen und Sorten der Alpen zu finden, aber auch Pflanzenarten, die in den umgebenden Ökosystemen nicht mehr oder nur mehr auf sehr kleinen Flächen vorkommen.

Verzahnung biologischer und kultureller Diversität
Die Biodiversität war seit dem Eintreffen des Menschen in den Alpen immer in einen kulturellen Kontext eingebunden. War es früher zum Überleben notwendig viele verschiedene Tätigkeiten auzuüben, lohnen sich viele aufwändige Arbeiten für den Bewirtschafter heute nicht mehr. Der Wandel der Kultur (inkl. der Nutzungsformen und -ansprüche) geht einher mit dem Wandel der Nutzung von Biodiversität, sichtbar ablesbar am Landschaftsbild, am Esstisch und in den Regalen der Lebensmittelhändler. Mit dem Verschwinden von Kulturarten, deren Sorten, angepassten Tierarten und -rassen, sowie dem Rückgang der Nutzung von Wildarten, geht ein dramatischer Verlust des Wissens über z.B. Standorteigenschaften der Pflanzenarten, ihre Verarbeitung und Nutzung einher. In Familien und in Dörfern, wo die Jungen die Hoosboan (Ackerbohne), Grantn (Preiselbeere) oder die Goaschtraubn (Isländisch Moos) nicht mehr kennen, verstehen sie auch die für diese Arten spezifischen Fachausdrücke nicht mehr, können die Lieder und Legenden, in denen diese Arten vorkommen nicht mehr verstehen und aus diesen Arten die traditionellen Gerichte nicht mehr zubereiten.

Innovative Projekte
Um dem Verlust der kulturellen und biologischen Vielfalt der Alpen zu begegnen, sind in allen Alpenländern eine stetig zunehmende Anzahl an Initiativen tätig, die sich mit dem Anbau traditioneller Kulturarten und Sorten, der Erhaltung bedrohter Tierrassen, der Herstellung typischer handwerklicher Produkte, aber auch darauf aufbauend sich mit innovativen Produkten aus der Biodiversität der Alpen beschäftigen (siehe Beispiele auf den Internetseiten von z.B.: Pro Specie Rara; Save Foundation).
Auch VertreterInnen der biologischen Landwirtschaft haben eine sehr grosse Sensibilität gegenüber dem Thema und sind durch die Charakteristika der biologischen Wirtschaftsweise, sowie mit innovativen Projekten und Produkten im Alpenraum an einer nachhaltigen Nutzung der Agrarbiodiversität beteiligt. Zugleich versuchen WissenschaftlerInnen das bedrohte Wissen des Alpenraumes über die Nutzung der Biodiversität wissenschaftlich zu dokumentieren (siehe z.B. die Internetseite der AutorInnen). Das Bemühen ist und sollte hier nicht etwa die Konservierung der Vielfalt in Museen und Genbanken sein, sondern die weitere Ko-Evolution von genutzten Wildpflanzen, Kulturarten, Sorten, Rassen und Erfahrungswissen in der Interaktion zwischen Natur und Kultur in Erhaltungsprojekten zuzulassen und zu fördern.