Wie viel Tourismus ist genug? – CIPRA Forum 2026
Am 11. Juni diskutierten am CIPRA Forum 2026 in Bern 46 Vertreterinnen und Vertreter aus Umweltorganisationen, Wissenschaft, Verwaltung, Destinationen und Beratung über die Zukunft des alpinen Tourismus. Im Zentrum stand die Frage, wie sich die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus im Alpenraum mit den ökologischen und sozialen Grenzen vereinbaren lässt.
Ungebremstes Tourismuswachstum bis zur Belastungsgrenze?
Der Tourismus gehört zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen des Alpenraums. Gleichzeitig steht er vor grundlegenden Herausforderungen. Der Tourismus verursacht, insbesondere durch die An- und Abreise, hohe Treibhausgasemissionen. Überdies verändert der Klimawandel die natürlichen Voraussetzungen vieler Destinationen und stellt traditionelle Geschäftsmodelle zunehmend infrage. Der zunehmende Verlust der Biodiversität, der steigende Flächenverbrauch, neue Infrastrukturen und die Belastung sensibler Landschaften verschärfen den Druck. Mit dem ungebremsten Tourismuswachstum der letzten Jahre treten in einzelnen Regionen treten ausserdem die Folgen des Overtourismus immer deutlicher zutage.
Vor diesem Hintergrund ist die laufende Überarbeitung der Tourismusstrategie des Bundes von grosser Bedeutung. Die neue Strategie definiert die Leitlinien der Tourismuspolitik bis 2035 fest und bestimmt Ausrichtung wichtiger Förderinstrumente wie Innotour.
Das CIPRA Forum war ein Beitrag zu der Debatte der zukünftigen Ausrichtung der Tourismuspolitik in der Schweiz und bot eine Plattform für den Austausch zwischen den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren.
Neue Tourismusstrategie des Bundes
Den Auftakt zum Forum machte Mireille Corger-Lattion vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO. Sie gewährte einen Einblick in die Eckpunkte der neuen Tourismusstrategie. Diese ist bis 2035 angelegt und nimmt mit dem Klimaschutz und der gesellschaftlichen Akzeptanz des Tourismus Themen auf, die in der bisherigen Strategie keine Rolle spielten. Ziel des Bundes ist ein wettbewerbsfähiger Tourismussektor, der sich als Vorreiter eines nachhaltigen Tourismus positionieren soll.
Overtourismus messbar machen
Overtourismus beginnt dort, wo die wahrgenommene Lebensqualität der lokalen Bevölkerung, der Gäste oder die Umwelt übermässig beeinträchtigt wird. Mauro Luis Gotsch von der Fachhochschule Graubünden widmete sich der Frage, wie Overtourismus erkannt und gemessen werden kann. Er zeigte auf, dass touristische Belastungen nicht allein anhand von Logiernächten oder Besucherzahlen beurteilt werden können. Die negative Wahrnehmung von Tourismus ist stark subjektiv und fällt je nach Person und Region unterschiedlich aus. Darum müssen die Auswirkungen auf Lebensqualität, Natur und Landschaft mit geeigneten Indikatoren, Befragungen und Erhebungen sichtbar gemacht werden.
Regenerativer Tourismus als Perspektive
Sarah Balet von der HES-SO Valais-Wallis stellte den neuen Ansatz des regenerativen Tourismus vor. Dieser geht über das Konzept des Nachhaltigen Tourismus hinaus. Im Zentrum steht die Frage, wie Tourismus nicht nur Schäden minimieren, sondern aktiv zur Stärkung von Ökosystemen, lokalen Gemeinschaften und regionalen Wertschöpfungsketten beitragen kann. Der Ansatz fordert einen grundlegenden Perspektivenwechsel im Umgang mit natürlichen Ressourcen durch den Tourismus.
Verantwortung der Destinationen
Mit Claudio Föhn von Arosa Tourismus und Bruno Fläcklin von Toggenburg Tourismus kamen auch Vertreter von Destination Management Organisationen (DMO) zu Wort.
Claudio Föhn zeigte auf, dass Landschaft, Biodiversität und Natur die Basis der touristischen Attraktivität einer Destination wie zum Beispiel Arosa ist. Er betonte, die Wichtigkeit der intrinsischen Motivation der Bevöklerung und der Destinationen sich für den Schutz von Landschaft und Biodiversität einzusetzen. Auch wenn Destinationen nur über begrenzten Einfluss auf politische und planerische Rahmenbedingungen verfügen, können sie dennoch Narrative definierten, sprechen Zielgruppen an und vermitteln sowohl gegenüber der lokalen Bevölkerung als auch gegenüber Gästen eine Haltung zu Themen wie zum Beispiel der Biodiversität.
Bruno Fläcklin stellte den Ansatz des Resonanztourismus von Toggenburg Tourismus vor. Toggenburg Tourismus versteht sich als Verstärkerin lokaler Initiativen und Netzwerke und nicht mehr als klassische Vermarkterin touristischer Angebote. Ziel ist es, dass Gäste die "Orte verstehen und nicht nur besuchen", den Austausch mit der lokalen Bevölkerung ermöglichen und Erinnerungen schaffen.
Fünf Workshops zu Visionen und Lösungsansätzen
Im zweiten Teil der Veranstaltung arbeiteten die Teilnehmenden in fünf Workshops an Visionen und Lösungsansätzen für einen zukunftstauglichen Bergtourismus.
Zwei Gruppen widmeten sich Zukunftsfragen. Die von Jon Andrea Florin und Dominik Siegrist geleitete Gruppe diskutierte, wie der Tourismus Netto-Null bis 2050 erreichen kann. Die zweite Gruppe unter der Leitung von Mauro Luis Gotsch befasste sich mit der Frage, wie sich touristisches Wachstum innerhalb ökologischer und sozialer Grenzen steuern lässt.
Drei weitere Gruppen untersuchten spezifische Ansätze und Instrumente.
Julia Isler vom Schweizer Alpen-Club SAC stellte die Initiative der Bergsteigerdörfer vor. Diskutiert wurde, welchen Beitrag solche Initiativen und Qualitätsansätze zur Erreichung von Klima-, Landschafts- und Biodiversitätszielen leisten können.
Weitere Gruppen beschäftigten sich mit dem regenerativen Tourismus unter der Leitung von Sarah Balet und mit der Rolle und den Grenzen der DMO und von touristischem Marketing bei der Transformation des Tourismussektors, geleitet von Claudio Föhn und Bruno Fläcklin.
Viele Herausforderungen und keine einfache Antworten
Die Diskussionen machten deutlich, dass der Tourismus vor grossen Herausforderungen steht.
Als Querschnittsbranche bewegt er sich in einem Spannungsfeld zwischen der derzeit erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung, der steigenden touristischen Nachfrage und dem damit verbundenen Ausbau von Angeboten auf der einen Seite sowie ökologischen Belastungsgrenzen, Klimazielen und dem Schutz von Landschaft und Biodiversität auf der anderen.
Die geplante Aufnahme der Themen Bekämpfung des Klimawandel und Overtourismus in die neue Tourismusstrategie des Bundes ist ein wichtiger Schritt. Gleichzeitig reichen die bisherigen Ansätze der heutigen Strategie nicht aus, um die Herausforderungen zu bewältigen und die Klimaziele bis 2050 zu erreichen.
Entsprechend zurückhaltend fiel bei den Teilnehmenden die Reaktion auf die Abschlussfrage aus, ob der Tourismussektor mit den heutigen Instrumenten einen ausreichenden Beitrag zur Erreichung dieser Ziele leisten wird.
Als wichtige Erfolgsfaktoren wurden in den Workshops die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteurinnen und Akteure, das Zusammenspiel verschiedener Initiativen sowie die Entwicklung gemeinsamer regionaler Zielbilder genannt. Es braucht sowohl politische und regulatorische Rahmenbedingungen auf nationaler Ebene als auch Projekte und Innovationen vor Ort. Je nach Region, Ausgangslage und touristischem Profil sind unterschiedliche Ansätze nötig.
Claudio Föhn sagte in seinem in seinem Referat: «Der Tourismus vermarktet etwas, das er nicht selbst geschaffen hat.» Umso wichtiger ist es, den natürlichen Grundlagen des Tourismus Sorge zu tragen.
Delegiertenversammlung mit Präsidiumswechsel
Am Vormittag des CIPRA Forums fand die Delegiertenversammlung von CIPRA Schweiz statt. Dabei durfte CIPRA Schweiz den Präsidenten von CIPRA International, Uwe Roth, in Bern begrüssen.
Nach zehn Jahren grossem Engagement wurde Präsident Patrik Schönenberger verabschiedet. Zu seinem Nachfolger wählten die Delegierten Kaspar Schuler. Er leitete bis Ende 2025 die Geschäfte von CIPRA International und bringt langjährige Erfahrung in der alpinen Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik mit.