Standpunkt | E-Alpinismus: Inklusion oder Bedrohung für die Alpen?
Exoskelette, E-Tourenski und andere Innovationen stellen den Alpenschutz vor neue Herausforderungen, die weit über das Prinzip «by fair means» hinausgehen. Wer darf wie auf den Berg – und wer entscheidet darüber? Die Lösung liegt weder in einem generellen Verbot noch in einem blossen Appell an die Vernunft, meint Christine Busch, Geschäftsführerin von CIPRA Deutschland.
Unter anderem Der Seilbahn-Ausbau und unsere veränderten Lebensweisen haben in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass die Besucherzahlen in den Alpen stark gestiegen sind. Das E-Mountainbike hat die Berge bereits erobert. Heute gilt man eher mit dem Bio-Bike als Exot und wird schon mal anerkennend beklatscht, wenn man sich schwitzend mit reiner Muskelkraft steile Anstiege hinaufquält. Nun ist eine neue Generation technischer Aufstiegshilfen am Vormarsch. Neben der Anzahl der Menschen im alpinen Naturräumen nimmt damit auch die räumliche und zeitliche Ausdehnung der Belastung zu. Nicht alle ökologischen Folgen sind direkt sichtbar wie Erosion oder Trittschäden. Das Verschwinden von Arten geht leise und kaum merklich und ist dennoch eine besorgniserregende Entwicklung, denn es geht hier um schützenswerte Ökosysteme, die Teil unserer Lebensgrundlage sind.
Welche Naturräume sollen grundsätzlich zugänglich sein – und welche nicht? Wo dient technische Unterstützung der sozialen Teilhabe? Wo führt sie zum Überschreiten ökologischer Belastungsgrenzen? Darf eine Gesellschaft unter diesem Gesichtspunkt festlegen, wer «berechtigt» ist, einen Berg mit technischer Hilfe zu erklimmen – oder muss sie das sogar tun? Wird jemand, der mit einem Exoskelett seine persönliche Reichweite vergrössert oder seine Fitness aufmöbelt genauso behandelt wie jemand, der aufgrund einer körperlichen Einschränkung auf technische Unterstützung angewiesen ist? Das sind nicht nur ökologische, sondern auch ethische, vielleicht sogar philosophische Fragen.
CIPRA Deutschland und seine Mitgliedsverbände versuchen, die relevanten Aspekte zusammenzuführen. Wir lehnen technische Entwicklungen nicht grundsätzlich ab, sondern wollen ihre Auswirkungen verstehen und daraus einen verantwortungsvollen Umgang ableiten. Wenn die Nutzung motorisierter Hilfsmittel zu mehr Menschen in sensiblen Räumen und damit zu mehr Störungen sowie einem höheren Nutzungsdruck führt, reicht ein Appell an die Vernunft nicht aus. Vielleicht müssen wir akzeptieren, dass Inklusion nicht bedeutet, jeden Ort für alle jederzeit erreichbar zu machen.