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Standpunkt: Füreinander brennen statt gegeneinander zündeln

Kaspar Schuler, Geschäftsführer von CIPRA International © Darko Todorovic

Klimakrise und Nationalismus seien die beiden grössten Bedrohungen unserer Zeit, meint Kaspar Schuler, seit Juni der neue Geschäftsführer von CIPRA International anlässlich des 30. Jubiläums von «Feuer in den Alpen».

Es begann vor genau 30 Jahren: Im entlegenen Bündner Hochtal Madris, hart an der Grenze zum italienischen Bergell, brannte ein Höhenfeuer als widerständischer Hilferuf. Zusammen mit einer Handvoll beherzter Einheimischer und Zugewanderter wehrte ich mich als Alphirt mit meiner Familie gegen ein Pumpspeicher-Stauseeprojekt, wie sie damals gleich im Dutzend quer über den Schweizer Alpenraum geplant waren. Auch der ungezügelte Ausbau der alpinen Transitautobahnen, die Abwertung der Berglandwirtschaft, das Aufkommen von Schneekanonen und immer mehr Skigebieten beschäftigten uns Umweltbewegte. Die Feuer waren das verbindende Element von Themen, Regionen und Menschen. Wir stellten uns vor, diese Lichterkette in einem nächtlichen Adlerflug von Wien bis Nizza zu erleben.

Die Verbreitung der Nachhaltigkeit als grundlegendes Entwicklungskonzept gibt den ungezählten VorkämpferInnen recht. Nicht zuletzt jenen, die seit den Fünfzigerjahren unermüdlich die Idee eines alpenweiten Schutzvertrages verfochten. 1995 wurde er Realität. Seitdem setzt die Alpenkonvention den politischen Rahmen für volkswirtschaftliche Entwicklung in Übereinstimmung mit ökologischer Achtsamkeit.

Doch die Arbeit ist nicht getan. Die Klimakrise beutelt den Alpenraum. Und ein altbekanntes Gift pocht in den Adern vieler AlpenbewohnerInnen: der Nationalismus.

Die Klimaveränderung zeigte diesen Sommer mit der gravierenden Trockenheit im deutschsprachigen Alpenraum ihre Zähne und führte manchenorts gar zu einem generellen Feuerverbot. Statt einem Feuer in den Alpen faszinierte folglich eine künstlerische Lichtakrobatik die TeilnehmerInnen der 30-jährigen Jubiläumsveranstaltung von Alpeninitiative, Mountain Wilderness und CIPRA.

Der Nationalismus feiert ein düsteres Revival, indem er billige Rezepte zur Lösung politischer Probleme verspricht, obwohl er nur eines erzeugt: Verlierer. Mein Sommerurlaub an der türkisblauen Soça in Slowenien erinnerte mich wieder daran. Einerseits faszinierten mich dort die Begegnungen mit der Herzlichkeit der Menschen in den Julischen Alpen über Sprach- und Landesgrenzen hinweg. Andererseits zeigen sich an den Berghängen und in den Dörfern die Narben der Isonzo-Front und wecken die grauenvolle Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Im Namen nationalistischer Ideale zerfleischten sich damals zwei Jahre lang gegenseitig die Soldaten der Slowenen, Österreicher, Ungarn, Deutschen und Italiener auf Bergkämmen und in den Tälern, ungefähr 200'000 kamen um.

Es liegt also wiederum an uns, den AlpenbewohnerInnen von heute, beiden Bedrohungen die Stirn zu bieten: Dem Nationalismus und der Klimakrise. Mit Taten der Innovation und Bescheidenheit, mit Offenheit und Menschlichkeit, gipfel- und grenzüberschreitend verbunden. Damit die Feuer nicht als Verheerung durch Kriege oder Waldbrände brennen, sondern füreinander, in unseren Herzen.