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Flucht-Perspektiven

Omar Khir Alanam (c) Richard Griletz

Wie die Alpen einen Menschen verändern, der dorthin geflüchtet ist – und wie er sie verändert. Gedanken von Omar Khir Alanam.

«Was sind die Alpen?» fragte ich meinen Mitbewohner im Flüchtlingsheim.

Er antwortete: «Berge!»

«Was sind die Alpen?» fragte ich mich.

«Sie sind wie ein Gefängnis, weit weg von allen Menschen», antwortete ich mir leise.

Ich bin nicht zugewandert, ich wurde hingebracht. «Was sind die Alpen?» fragte ich mich, während ich auf dem Berg stand und am gegenüberliegenden Hügel das einzige Haus weit und breit betrachtete. Früher, als ich noch in Syrien war, dachte ich, so einen weiten Blick und so viele verschiedene Grüntöne gäbe es nur als Fotomontage für den Bildschirmhintergrund.

Ich drehte meinen Kopf und beobachtete die Umgebung über den Wolken. Als Kind hatte ich gedacht, dass über den Wolken Gott wohnt. Nun dachte ich: «Ich bin kein Gott, ich bin bloss ein Flüchtling.»

Wer bin ich? Flüchtling?!

Mit dieser Frage beginnt eine Veränderung, die die Alpen mit mir gemacht haben. Weil diese Welt in Bewegung ist, leben wir ständig in der Veränderung. Ein Schmetterling in Indien trägt durch seinen Flügelschlag zu einem Sturm in Amerika bei. Sollen wir die Veränderung also fürchten oder willkommen heissen? Ist die Migration in den Alpen eine Veränderung oder eine Entwicklung? In jeder Begegnung mit dem Fremden oder dem Vertrauten, gibt es eine Veränderung.

Es ist eine Existenz… und vielleicht doch nicht ganz. Doch das ist eine Existenz. Was ist die Existenz? Existiere ich hier? Was ist grösser? Die Existenz der Alpen oder meine Existenz als Flüchtling? Ich weiss es nicht.

Nach sechzehn Tagen wurde ich wieder an einen anderen Ort gebracht, weg von den Alpen. Die Veränderung hat dort in den Alpen, in mir stattgefunden. Und auch in meinem Immunsystem. Dort in den Alpen habe ich Kälte kennengelernt. Ich hätte sie mir in dieser Gewalt in Syrien nie vorstellen können. Die Veränderung, die für mich und mein Immunsystem eine Entwicklung war.

Drei Jahre später stand ich mitten in den Alpen in einem Saal und las aus meinem Buch vor. Die Veranstaltung, der Walser Herbst, hatte eine Idee. Sie sollte Menschen, die dort in den Alpen aufgewachsen waren, wieder nach Hause holen – wenn auch nur für einen Abend oder wenige Tage. Nicht nur die Alpen haben mich verändert, sondern ich auch sie.

Was sind die Alpen?

Doch, ich kenne die Alpen. Damals haben die Alpen mich verändert, denn Heidi und Peter wanderten mir zu. Sie waren meine erste Begegnung mit einer fremden Kultur. Auch wenn ich damals noch nicht wusste, dass es solche Orte in der Wirklichkeit gibt.

Ich war ein Kind und ich bin keines mehr, oder doch? Auch das ist keine Veränderung, sondern eine Entwicklung.

 

Omar Khir Alanam, Slam-Poet aus Damaskus, Syrien

Omar Khir Alanam schaffte es bei den österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaften 2017 auf den dritten Platz. 2018 erschien sein erstes Buch «Danke! Wie Österreich meine Heimat wurde». Er schreibt Lyrik und Prosa, absolviert eine Ausbildung zum Sozialbetreuer und hält Schulworkshops. Omar wurde 1991 in Ost-Ghouta, Syrien, geboren und studierte Betriebswirtschaftslehre in Syrien. 2012 floh er vor dem Bürgerkrieg und lebt seit 2014 in Graz/A. www.omarkhiralanam.com


Quelle und weitere Informationen: www.cipra.org/szenealpen

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