Die Reise des Wassers: Von alpinen Quellen zu gemeinsamer Verantwortung

Woher kommt das Wasser in den Alpen? Wohin fliesst es? Und wem gehört es überhaupt? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das erste Webinar im Rahmen des CIPRA-Projekts «H2Opportunities». Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis beleuchteten die «Die Reise des Wassers» und zeigten, wie eng natürliche Prozesse, Wasserverwendung und politische Entscheidungen miteinander verflochten sind. Dabei wurde deutlich, wie sehr der Druck auf die Wasserressourcen wächst.

Die Alpen sind für die Wasserversorgung in Europa grundlegend. 14 Millionen Menschen leben im Alpenraum, und rund 170 Millionen in ganz Europa sind vom «Wasserschloss Alpen» abhängig. «Das zeigt, wie Wasser die verschiedenen Regionen miteinander verbindet», erklärt Sofie Terzer von CIPRA International im ersten Input des Webinars. «Schnee und Gletscher fungieren als natürliche Speicher, doch wir haben den sogenannten ‘Peak Water’ bereits überschritten.» Dies bedeute einen Rückgang des Gletscherbeitrags zum Abfluss. Damit wächst die Unsicherheit, auch weil wir uns nicht mehr auf vergangene Erfahrungen verlassen können. Was uns erwartet: häufigere Extremereignisse, veränderte Abflussmuster und zunehmende Nutzungskonflikte.

Massentourismus für einen guten Zweck nutzen

Polona Pengal und Leja Bernard vom REVIVO Institut in Slowenien stellten den Močivec-Staudamm im Nationalpark Triglav vor: dieser wurde 1948 aus 70 Kubikmeter Beton, Stahl und Holz errichtet. «Das Bizarre daran ist – er wurde zur Energiegewinnung gebaut, aber nie verwendet», so Bernard. Seine Entfernung hätte nur geringe ökologische Effekte, besitzt jedoch grosse symbolische Bedeutung: «Wenn wir es hier schaffen, einen Damm zu entfernen, schaffen wir es überall», erklärt Polona Pengal. Für den Abtransport des Materials planen die Verantwortlichen Wandernde einzubeziehen, um das Material gemeinschaftlich abzutransportieren, anstatt 300 Helikopterflüge dafür einzusetzen.

Erfolgreiche Flussbewirtschaftung durch Zusammenarbeit über regionale Grenzen hinweg

Stefano Terzi (EURAC Research) zeigte in seinem Input, wie die Klimakrise den Fluss Etsch-Adige prägt. Schmelzende Gletscher verlieren etwa ihre Pufferfunktion in Trockenperioden. Gleichzeitig konkurrieren unterschiedliche Nutzungen – insbesondere Wasserkraft, intensive Landwirtschaft und Tourismus – um knappe Wasserressourcen. Zahlreiche Projekte, selbst innerhalb der EURAC, arbeiteten parallel an Wasserthemen und befragten dieselben Akteur:innen, dies führte zu Verwirrung und einer gewissen Müdigkeit der Stakeholder. So wurde die «Adige Water Fair» ins Leben gerufen: die Veranstaltung förderte den Austausch, adressierte Datenlücken und stärkte das Bewusstsein, dass «das, was flussaufwärts geschieht, Auswirkungen flussabwärts hat», so Terzi. Die über 130 Teilnehmenden erarbeiteten zudem gemeinsam einen «Plan of Intent» als Grundlage zur Priorisierung zentraler Massnahmen.

Gemeinden übernehmen Verantwortung für das Wasser – mit fachlicher und spielerischer Unterstützung

Aus praktischer Sicht präsentierte Lucrétia Letourneur (Banque des Territoires) das Programm «Aquagir», welches Finanzierung, Beratung und praxisnahe Instrumente verbindet. Mit über 4 Milliarden Euro und Hunderten geförderten Projekten unterstützt es Kommunen dabei, Herausforderungen beim Wassermanagement in konkrete Massnahmen zu übersetzen. Zentrale Elemente sind Toolkits für Gemeinden: etwa das «Water Challenges Toolkit» zu zentralen Wasserfragen, ein Kit zur Aufklärung verbreiteter Irrtümer, sowie Instrumente zu rechtlichen Verantwortlichkeiten, zu Kosten und Finanzierung und zur frühzeitigen Erkennung und Bewältigung von Nutzungskonflikten. «Die Toolkits bieten lokale Akteur:innen eine gute Informationsbasis und begleiten sie im Prozess, Wissen über die Ressource Wasser aufzubauen», so Letourneur.

Demokratische Instrumente, die Flüssen eine Stimme geben

Abschliessend stellten Julika Jarosch und Annabelle de Gaillande (CIPRA Frankreich) das «Parlament des Flusses Isère» vor – einen Bottom-up-Ansatz, der Bürger:innen, NGOs und Institutionen zusammenbringt und auf einen Vorstoss von France Nature Environnement (FNE) zurückgeht. «Das Flussparlament will dem Fluss Isère eine rechtliche Stimme geben», so Jarosch. Das Projekt greift das Konzept der Rechte der Natur auf – ein Paradigmenwechsel, bei dem Natur eigene Rechte besitzt und nicht nur als Ressource betrachtet wird. Ziel ist es, den Schutz zu stärken, indem Natur ins Zentrum politischer Entscheidungen rückt. Getragen wird der Ansatz von vier Kommissionen (Governance, Rechte, Wissenschaft und Kunst), die gemeinsam ein neues Narrativ entwickeln und sich für den Fluss einsetzen.

Wasser: nicht nur eine Ressource, sondern eine soziale, politische und rechtliche Angelegenheit

Insgesamt wurde deutlich: Wasserpolitik braucht mehr Vernetzung, Beteiligung und langfristige Perspektiven. Wie Stefano Terzi betonte, geht es darum, «das Gefühl zu stärken, zu einer gemeinsamen Gemeinschaft innerhalb von Einzugsgebieten zu gehören – von der Quelle bis zur Mündung». Die Reise des Wassers wird damit zur gemeinsamen Verantwortung über Grenzen hinweg.

Am 5. November 2026 (14:00–16:00 Uhr) findet das zweite Webinar statt, das sich dem Spannungsfeld «Zu viel Wasser, zu wenig Wasser» widmet und die Herausforderungen von Hochwasser und Wasserknappheit im Alpenraum vertieft.

Das Projekt H2Opportunities wird vom deutschen Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) finanziert.

Präsentationen zum Download (in englischer Sprache)

Sofie Terzer, CIPRA International: Alpine Water

Polona Pengal und Leja Bernard, REVIVO Institute: Močivec Dam

Stefano Terzi, EURAC Research: Challenges and developments on water management in the Adige River Basin

Lucrétia Letourneur, Banque des Territoires: Presentation of the awareness kits from the Aquagir collection

Julika Jarosch und Annabelle de Gaillande, CIPRA Frankreich: Voices flowing through water - The Isère river’s Parliament

Finanzierung