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Was uns Bienen voraushaben

(c) Maria Roth-Ott

Perfekte Arbeitsteilung, Flexibilität und Kooperation: Von Bienenvölkern können wir einiges lernen. Sie von uns jedoch nicht viel, findet der Landwirt und Buchautor Martin Ott.

Honigbienen und Menschen haben vieles gemeinsam. Beide haben sich einen grossen Spielraum von Fähigkeiten angeeignet, die sie klug einsetzen. Sie lernen während ihres Lebens unterschiedlichste Dinge, werden flexibler und erlangen Autonomie. Ein Mensch, der 70 Jahre lebt, kann Klavier spielen, singen, Autos und Atomkraftwerke bauen, Bücher schreiben, Geldscheine drucken und Weltkriege führen. Eine Honigbiene, die drei Wochen lebt, ist in dieser Zeit Putzfrau, Amme, Wachsproduzentin, Heizerin, Tänzerin, Pflegerin, Windmacherin, Kämpferin, Wasserträgerin, Späherin, Schwärmerin, Sammlerin und vieles mehr. Gemeinsam ist beiden auch die Staatenbildung. Sie kooperieren und leben in Gemeinschaften. Die Biene kooperiert immer mit dem Ziel, gemeinsam noch präziser und flexibler auf die Anforderungen ihrer Umwelt reagieren zu können. Doch der Mensch tut das Gegenteil. Er nutzt seine Flexibilität, um sich mit unbändiger Kraft aus allen Naturzusammenhängen hinauszukatapultieren.
So stehen sich diese beiden heute gegenüber. Auf der einen Seite der Menschenstaat, von der Natur ausgespuckt und soeben ernsthaft daran, seine eigene Existenz auf diesem Planeten zu gefährden. Auf der anderen Seite das Bienenvolk als pflegliche und fraglose Förderin ihrer Umgebung. Pflanzen haben Farben und Blütenformen dank der Bienen entwickelt, viele können sich nur ihretwegen fortpflanzen. Doch welches Wesen ist auf den Menschen angewiesen? Ich kenne keines. Dennoch haben die Menschen – gerade auch im europäischen Alpenraum – über Jahrtausende hinweg in enger Kooperation mit Tieren, Pflanzen und Landschaft gelebt. Menschliche Kulturtechniken haben neue Lebensräume geschaffen und die Schönheit der Natur gefördert, wie es auch die Bienen tun.
Zusammenleben wie die altruistischen Bienen, verzichtend auf jeglichen Egoismus. Frischen Nektar sammeln und diesen in beinahe ewig haltbaren Honig verwandeln. Das ist keine Option für den Menschen. Zu stark pflegen wir unser Selbstwertgefühl und definieren unsere eigene Existenz dadurch. Die enge Kooperation mit der Natur müssen wir Menschen aus freien Stücken suchen. Unsere ganze Kreativität, Flexibilität und unser Schöpfergeist reichen nicht aus, um in eine so reich entwickelte, achtsame Resonanz mit der Umgebung zu treten, wie das die Biene kann. Doch wir sollten damit beginnen, und zwar jetzt. Sonst ist auch das Wichtigste, was wir Menschen haben, dahin: Unsere Freiheit, selbst zu entscheiden.


Martin Ottbezeichnet sich als Co-Schulleiter, Demeter-Bauer, Sozialtherapeut und Liedermacher. Er leitet die biodynamische Landwirtschaftsschule in Rheinau/CH. Der einstige Primarlehrer und Zürcher Kantonsrat sorgte bereits mit dem philosophischen Buch «Kühe verstehen» für Aufsehen. Gemeinsam mit dem Bienenforscher Martin Dettli hat er auch «Bienen verstehen» veröffentlicht. Es zieht Parallelen zwischen Menschen und Bienen und stellt gängige Praktiken der Imkerei in Frage: Bienen verstehen – Der Weg durchs Nadelöhr; Martin Ott, Martin Dettli, Philipp Rohner (2015);Schweiz: FONA Verlag AG.