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Vom Haus zur Landschaft

Jana Salat Malina Grubhofer/CIPRA International

Zeugnis mit Auszeichnung für die Architektur der Volksschule in Brand/A © Caroline Begle/CIPRA International

Ein Gebäude dient der Produktion, ist eine Behausung, bietet Waren ein Dach, steht als Wahrzeichen in der Landschaft. Hat nachhaltiges Sanieren und Bauen in den Alpen andere Funktionen als ausserhalb? Was hat sich getan in den letzten Jahren? Jury-Präsident Köbi Gantenbein zieht Bilanz zum Architekturwettbewerb «Constructive Alps».

Wird nachhaltig gebaut, wird der Klimawandel verlangsamt. Doch wie sollen Menschen von Slowenien bis Frankreich eine gemeinsame  Nachhaltigkeits-Sprache reden? Wie ihr Messgerät für Nachhaltigkeit  konstruieren? Der Jury des Architekturwettbewerbs  «Constructive Alps» schien die Energie eine ebenso sinnvolle wie scheinbar einfach zu vergleichende Zahl: KWh/(m2a),  also Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Wer über die  Einreichungen der vier Ausgaben über sieben Jahre schaut, der  sieht, dass die Anzahl der Häuser, deren Architekten und Ingenieurinnen tiefe Werte erreichen, zunimmt, und dass immer mehr Häuser gebaut werden, deren Haustechnik sie zu Kraftwerken macht; sie  produzieren mehr Energie als sie für ihren Betrieb verbrauchen. Diese Zahlen waren der Jury – sie blieb über alle vier Austragungen dieselbe – ein nötiges, sinnvolles und wichtiges Geländer. Und  verbunden mit weicheren Kriterien wie baukünstlerischer Güte, sozialem Nutzen und wirtschaftlicher Relevanz lassen sich Häuser mit exzellenten Energiezahlen gut unterscheiden.
Doch Kriterien, mit denen Nachhaltigkeit sinnvoll übersetzt werden kann, gelten für das Bauen überall, und es ist ja auch nötig, dass überall nachhaltig gebaut wird, soll der Klimawandel verlangsamt, ja  aufgehalten werden. Es stellt sich also die Frage: Was ist denn beim  Bauen und Sanieren innerhalb der Alpen anders als ausserhalb?

Alpenraum ist Lebensraum 
Erstens betrachtete die Jury aufmerksam Einreichungen, die zur Zuversicht des ländlichen Raums etwas beitragen. Sie konnte denn  auch in jedem Jahrgang das Kapitel «Renaissance des Dorfes» würdigen: gut geratene, öffentliche Bauten für Schule, Kindergarten,  Musikfreude und Sportsgeist. Diese Sorgfalt fürs Dorf, für den kleinräumigen Lebensraum, selbstbewusst und gut geraten umgesetzt  in Architektur, nimmt zu. Der ländliche Raum in den Alpen ist  der typische, schöne und gut zu pflegende Raum. 
Zweitens widmete die Jury ihr Augenmerk dem Bauen im Fremdenverkehr,  dieser wichtigen Wirtschaft der Alpen. Die Tränen der Architektur auch bei durchaus guten Energiekennzahlen werden  in dieser Branche nach wie vor fleissig geweint. Doch ausserordentlich engagierte Hoteliers zeigen mit guten Energiekennzahlen und schönen Häusern, wie sie ihr Geschäft erfolgreich führen. Bemerkenswert  ist in diesem Kapiteln, wie regelmässig der Schweizer  Alpen-Club SAC in den alpenweit herausragenden Bauten zum Tourismus Lob und Ehre erhält, von den Hütten «Monte Rosa», über  «Moiry», «Terri», «Clariden» bis zur «Cabane Rambert». Das ist kein  Zufall, dahinter steckt ein Konzept einer Institution, die ihr Erbe weiter  entwickeln will – es ist vorbildlich. Damit verbunden ist auch die  Grosszügigkeit der Jury, denn für den Bau und Betrieb der Hütten  ist der wenig klimafreundliche Helikopterflug unabdingbar.

Schönheit und Lebensgüte
Schliesslich eine Beobachtung: 2010, im ersten Jahr, kamen ein  gutes Dutzend Beiträge aus Vorarlberg in die zweite Runde – die Jury hat in jeder ersten Runde mehrere hundert Dokumentationen studiert und in der zweiten gut 30 Bauten vor Ort besucht, mit Bauherrschaften,  Architektinnen, Bewohnern zu reden. 2017 sind es  immer noch fünf Beiträge zwischen Bregenzerwald und Rheintal – darunter das Schulhaus von Brand auf dem ersten Platz. Das  heisst erstens: Vorarlberg ist das Zentrum nachhaltigen, schönen  Sanierens und Bauens. Zweitens: Die Streuung der guten Projekte wird breiter. Sie reicht von Rinka in Slowenien, dessen Haus für den  Fremdenverkehr 2013 einen Preis erhielt, bis zum Kulturhaus von  Cles in den italienischen Alpen, das 2107 ausgezeichnet wurde. Und immer gut vertreten sind die Architekten und Bauherrinnen aus dem Schweizer Kanton Graubünden.
Viermal hat «Constructive Alps» den Schönheitswettbewerb für gute, weil nachhaltige Häuser in den Alpen aufgeführt und mit einer Wanderausstellung zwischen Slowenien und Frankreich viel Öffentlichkeitsarbeit  gemacht für klimataugliche, gute Architektur. Die Bilanz verlangt Demut: Architektur hat gegen grosse, klimarelevante Probleme der Alpen wenig zu bestellen. Dem wachsenden Transitverkehr ist  gute Architektur ebenso gleichgültig wie sie gegen den dramatischen Rückgang der Biodiversität in den Alpen wenig ausrichten kann.
Die Bilanz stiftet dennoch Zuversicht: Selbstbewusste, erwachende  Landwirtschaft in den Alpen, vernünftiger, weil sorgsam eingerichteter Fremdenverkehr, sinnvoll und verlässlich eingerichtete öffentliche Dienstleistungen und Infrastrukturen – von der Mobilität bis  zur Kultur- und Lebensmittelversorgung – sind entscheidend für die Schönheit und Lebensgüte der ländlichen Räume in den Alpen.  Gute Architektur trägt dazu nachhaltige Bauten bei – schöne,  brauchbare und eigensinnige. 

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