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«Ideal wäre, sie überhaupt nicht zu füttern»

Klébert Silvestre greift bei seinen Bienenstöcken so wenig wie möglich ein. (c) Caroline Begle

Wer mit Bienen arbeite, lerne ständig dazu, sagt der Imker Klébert Silvestre. Er führt in den französischen Alpen mit der Zucht von Schwarzbienen eine alte Familientradition fort – trotz vieler Herausforderungen.

Herr Silvestre, Sie haben 150 Bienenstöcke. Was fasziniert Sie an der Imkerei?

Vor allem die Freude an der Arbeit mit der Natur. Darüber hinaus verbindet die Bienenzucht intellektuelle und physische Arbeit. Körperlich, weil ich die Bienenstöcke anheben und tragen muss. Aber ich muss auch aufpassen, was ich tue, weil ich mit lebendigen Insekten arbeite. Ich überlege, was zu tun ist, beobachte das Wetter und die Blütezeit. Ich lebe im Rhythmus der Natur, wenn ich mit Bienen arbeite.

Was ist denn das intellektuell Herausfordernde an der Arbeit mit Bienen?

Man muss lernen, wie ein Bienenstock funktioniert. Je nach Jahreszeit und Zustand des Bienenstocks muss ich entscheiden, ob ich eingreife oder nicht – und was genau ich machen will. Es ist auch notwendig, die Krankheiten der Bienen zu kennen, die Entwicklung der Königinnen und der Schwärme. Es gibt viel zu lernen. Wir Menschen arbeiten seit Jahrhunderten mit Bienen und wissen viele Dinge – aber noch nicht alles. Wir machen immer noch Entdeckungen über die Bienenzucht, sie ändert sich ständig. Dieselben Dinge funktionieren von einem Jahr auf das andere nicht mehr, also müssen wir verstehen, warum.

Sie interessieren sich besonders für die Schwarzbiene. Warum?

Weil es eine lokale Honigbienenart ist, die schon meine Grosseltern gezüchtet haben. Wenn wir sie auch für unsere Kinder erhalten könnten, wäre das gut, weil es eine Biene ist, die sich an unsere Umweltbedingungen angepasst hat, die im Vergleich zu anderen Arten naturnäher und robuster ist. Das steht für mich im Einklang mit nachhaltiger Entwicklung. Die Schwarzbienen sind an unsere Bergregion angepasst. Sie sind in der Lage, im Winter sechs Monate unter dem Schnee zu verbringen – im Gegensatz zu anderen Honigbienenarten, die damit Schwierigkeiten haben würden. In unserer Region hört die Königin Ende September auf, Eier zu legen und beginnt gegen Ende Februar wieder. Fünf Monate lang gibt es keine Blumen und kein Eierlegen. Die Tiere müssen also im Bienenstock bleiben, möglichst wenig Honig verbrauchen, keine zu grossen Völker haben und vor allem im Frühjahr erst nach der Schneeschmelze wieder aktiv werden.

Gibt es sie auch in anderen Regionen?

Die Dunkle Europäische Biene «Apis Mellifera Mellifera» kam ursprünglich in ganz Westeuropa vor. Sie existiert auch in anderen Regionen und Ländern und hat sich dort lokal angepasst. Es gibt zum Beispiel die Schwarzbiene von der Insel Ouessant im Nordwesten Frankreichs. Es ist dieselbe Art, aber doch völlig anders als die Schwarzbiene in Bergregionen. Sie hat sich an die Bretagne und das regnerische Wetter dort angepasst. Aber sie kann beispielsweise nicht mit einem langen Winter umgehen, wie es ihn in Gebirgsregionen gibt.

Sie sagen, die Schwarzbiene ist in Ihrer Region bedroht. Wodurch?

Der Mensch hat fremde Honigbienenarten aus anderen Ländern wie Italien oder Griechenland importiert. Da die Paarung von Bienen während des Flugs stattfindet, werden unsere «schwarzen Damen» immer wieder von diesen fremden Bienenarten befruchtet. Dadurch geht ihre genetische Anpassung an die Umweltbedingungen vor Ort verloren. Eine der Ursachen ist die Kommerzialisierung der Imkerei, die andere, produktivere Honigbienen fördert. Sie versprechen mehr Honig und einfacher handzuhabende Bienenvölker. Deshalb verlieren wir unsere Schwarzbienen. Denken wir zum Beispiel an den Klimawandel: Schwarzbienen haben zwei Eiszeiten überlebt. Es ist also naheliegend, dass sie sich leichter anpassen können als andere Honigbienen. Wenn der Mensch sie lässt, werden sie das auch weiterhin tun. Unsere Eingriffe durchbrechen diesen Anpassungszyklus. Wenn wir sie zum Beispiel füttern, bevorzugen wir damit bestimmte Bienenarten. Schwarzbienen werden auch gefüttert, aber weniger als einige andere Arten. Ideal wäre, sie überhaupt nicht zu füttern. Wir arbeiten daran, sie so naturnah und anpassungsfähig wie möglich zu erhalten.

Wir lesen und hören ständig über das Bienensterben und den Insektenschwund. Was hat das mit uns Menschen zu tun?

Ich kann da nicht so gut mitreden, denn ich lebe in den Bergen in einer Höhe von 1'500 Metern,  wo  wir  weniger  Probleme  mit  Pestiziden  und  Insektiziden  haben.  Wir  haben  auch   Umweltverschmutzung   und   einen   Verlust an Biodiversität in den Bergen, aber in einem kleineren Umfang als in der Ebene.  Dort  kenne  ich  Kollegen  mit  wirklich  grossen  Problemen.  Ihre  Bienen  sterben  wegen Pestiziden, Insektiziden und wegen dem Verlust der biologischen Vielfalt, weil es immer  mehr  Anbauflächen  gibt  –  vor  allem  Monokulturen  –  und  immer  mehr  Strassen  und Parkplätze.

Sie sind Vizepräsident des europäischen Verbands der Schutz und Forschungsstationen für Schwarzbienen (Fedcan). Was ist das Ziel dieses Vereins?

Ziel   unseres   2016   gegründeten   Vereins   ist  es,  alle  Schutz  und  Forschungsstationen  zu  vernetzen,  die  sich  in  Frankreich  mit Schwarzbienen beschäftigen, und teils auch Stationen in der Schweiz und in Belgien. Wir wollen auch Schutzgebiete für die Schwarzbienen schaffen. In Frankreich gibt es  aber  noch  keine  rechtliche  Grundlage  dafür.  Fedcan  setzt  sich  dafür  ein,  dass  Flächen  von  etwa  zehn  Quadratkilometern  geschützt   werden   können.   Unsere   Gemeinde  hat  zum  Beispiel  eine  Fläche  von  22’000 Hektar. Sollte das rechtlich möglich werden,  könnte  man  sie  zum  Rückzugsgebiet  für  die  Schwarzbiene  erklären.  Es  geht auch darum, Erfahrungen untereinander auszutauschen, Kernzonen und Pufferzonen zu definieren. Und darum, Fragen zu beantworten:  Wie  viel  Fläche  braucht  es?  Und  wie  viele  Bienenstöcke?  Wir  arbeiten  mit  Wissenschaftlern  des  nationalen  Zentrums   für   wissenschaftliche   Forschung   «Centre  national  de  la  recherche  scientifique»  in  Paris  zusammen.  Ihm  zufolge  muss  es  in  solch  einem  Rückzugsgebiet  zumindest  150  bis  200  Bienenstöcke  geben.  Wir  machen  dann  genetische  Analysen und prüfen, ob es in dieser Population genetische Vielfalt gibt oder nicht.

Als Imker engagieren Sie sich für eine nachhaltige Imkerei. Was können wir darunter verstehen?

Wenn  wir  von  einer  nachhaltigen  Bienenzucht  sprechen,  dann  meinen  wir  Bienenstöcke,  die  mit  so  wenig  menschlichen  Eingriffen  wie  nötig  und  so  naturnah  wie  möglich  leben.  Im  Prinzip  bieten  wir  ein  Dach,  einen  Platz  für  die  Bienen.  Im  Gegenzug  lassen  wir  sie  in  Ruhe  und  stören  sie nicht jede Minute. Zur Brutzeit im Hochsommer hat es in so einem Bienenstock 35 Grad  Celsius,  rund  um  die  Uhr.  Wenn  wir  eingreifen,  kühlt  die  Brut  aus.  Nachhaltige  Bienenhaltung  bedeutet  auch,  weniger  zu  ernten  und  den  Bienen  genügend  Honig  zu lassen, damit sie den Winter überleben. Das ist schwierig, weil es auch wirtschaftlichen Druck und Wettbewerb zwischen den Imkern gibt. Wenn ich älteren Imkern sage, dass ich den Bienen Honig übriglasse anstatt  sie  mit  Zucker  zu  füttern,  antworten  sie:  «Aber  das  Kilo  Honig  kostet  15  Euro  und  das  Kilo  Zucker  1  Euro.»  Also  klar  ist  das schwierig zu verstehen für sie.

Wie behandeln Sie erkrankte Bienenvölker?

Wir haben ein Problem mit der Varroamilbe. Wenn wir die Bienen ihre Arbeit tun lassen, sterben viele von ihnen in den ersten Jahren. Aber dann werden sie Widerstandsfähigkeit entwickeln. Das Ziel ist es also, sie dazu  zu  bringen,  selbstständig zurecht zukommen.  Wir  setzen  ein  Minimum  an  Behandlung ein. Ich bin zum Beispiel ein BioImker, deshalb verwende ich seit über zehn Jahren  keine  Chemikalien  mehr  in  meinen  Bienenstöcken.

Ist nachhaltige Bienenhaltung alpenweit denkbar?

Ja,  natürlich!  Das  kann  überall  praktiziert  werden  und  wir  fördern  es  auch.  Deshalb  führen wir Schulungen durch, in denen wir versuchen, den Imkern zu erklären, warum und wie man es macht.

Welchen Beitrag kann die Bienenzucht zum Schutz der Bienenvielfalt im Allgemeinen leisten?

Das  ist  eine  schwierige  Frage.  Wie  bei  der  Überweidung  kann  es  auch  zu  viele  Bienenstöcke  an  einem  Ort  geben.  Das  schadet dem Wildbienenbestand, zum Beispiel den Hummeln. Das Ziel ist also nicht, überall  Bienenstöcke  aufzustellen.  Damit  es Wildbienen geben kann, müssen genügend  Plätze  von  Bienenstöcken  freigehalten  werden.  An  einem  Ort  sollte  also  nur  eine  bestimmte  Anzahl  an  Bienenstöcken  stehen,  aber  nicht  zu  viele.  Das  vermeidet  Überbevölkerung.


Quelle und weitere Informationen: www.cipra.org/szenealpen

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