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Ein Bergdorf erfindet sich neu

© Johannes Gautier

Ein wissenschaftliches Zentrum mitten in der Natur; ein Realweltlabor, in dem die Transformation zur Nachhaltigkeit gelebt wird. Mit dieser Vision machte sich Nachhaltigkeitswissenschaftler Tobias Luthe mit seinem Team auf die Suche nach einem geeigneten Standort für ein solches Institut. In Ostana wurden sie fündig.

So wie in vielen Alpentälern wurde auch im Valle Po in Italien die  Abwanderung zum Problem: Die Menschen gingen für Studium  und Arbeit in die Städte, Dorfläden und Betriebe schlossen, zurück  blieben vor allem die Älteren. Um 1985 lebten faktisch nur noch  fünf Menschen in Ostana, einem der Bergdörfer im piemontesischen  Quelltal des Flusses Po, zu Füssen des 3’842 Meter hohen  Berges Monte Viso. Doch Krisen bieten auch Chancen, sie sind  der Nährboden für soziale Innovationen und Veränderung. Bürgermeister  Giacomo Lombardo versteht es als Teil seiner Aufgabe, die  Gemeinschaft am Leben zu erhalten: «Wir haben eine moralische  Verpflichtung, neue Vorschläge zu prüfen, die über traditionelle Modelle  hinausgehen.»  Die Gemeindeverwaltung setzt alles daran, soziale und wirtschaftliche  Rahmenbedingungen zu schaffen, um den Menschen in Ostana  eine Zukunft zu bieten, die auf den drei Säulen Natur, Tradition  und Wissen der Menschen basiert. Inzwischen wurden viele der  einst verfallenen Steinhäuser mit viel Gefühl für das Ortsbild renoviert. Es gibt wieder eine Post, einen Gemeindesaal, eine Unterkunft  mit Restaurant und ein Kulturzentrum. Die Eröffnung eines mit Geothermie beheizten Wellness-Centers steht kurz bevor. Heute  leben wieder rund 50 Menschen im Dorf und es entstehen weitere  Initiativen durch «New Highlanders», die mit unternehmerischem  Potenzial zurück in die Berge ziehen.

Das Alte mit dem Neuen verbinden
Dieses Engagement ist auch Tobias Luthe nicht entgangen. Der Professor  für Nachhaltigkeitswissenschaft der Hochschule für Technik  und Wirtschaft in Chur und Dozent für Systemisches Design an der  ETH Zürich, Schweiz, hat eine Vision: Er möchte ein Realweltlabor  für Nachhaltigkeits-Transformation und systemisches Design  schaffen; einen Ort, an dem Wissenschaft auf Umwelt trifft, wo  Nachhaltigkeit gelebt wird und wo soziale Innovationen wachsen können. Für den Forscher war ausschlaggebend, dass die Transformation  in Ostana bereits im Gange war. Seine Vision passte gut  in dieses Umfeld. Es gab genug Raum – geografisch und für neue  Ideen. Mit seinem Ansinnen fand das Team bei Bürgermeister und  Bevölkerung Anklang. Durch den Kauf eines verlassenen Gehöfts  wurde 2015 der Grundstein für das MonViso Institut gelegt.
Die lokalen Traditionen respektieren und gleichzeitig neue Technologien  und Lebensstile einbringen, dies sind laut Luthe zentrale  Herausforderungen. Einerseits das Institut als wissenschaftlich anerkanntes Zentrum etablieren, andererseits die Menschen vor Ort  für das Projekt begeistern. «Diese Interaktion ist der schwierigs te und gleichzeitig spannendste Prozess.» Inzwischen wurde das  Gehöft erschlossen, die Renovierung eines ersten Gebäudes nach  den Plänen des energie- und wasserautarken Passivhauses genehmigt  und eine Arena als Interaktionsort erschaffen. Später soll der  Campus bis zu 20 Forschende beherbergen.

Von Ökosystemen lernen
Wie funktioniert das System Garten? Welche Pflanzen gibt es? Aus  welcher Richtung kommt der Wind? Wo gibt es Schatten, wo Sonne?  Solche Fragen beschäftigen Anna Rodewald. Die Textilingenieurin  aus Deutschland betreibt am Institut einen Versuchsgarten nach  den Prinzipien der Permakultur. Erfolg und Ertrag basieren auf nachhaltigen  und dauerhaften Kreisläufen. Ein Zentner Kartoffeln, eine  blühende Blumenwiese, Industriehanf, ein Spielfeld für Kinder – Permakultur  ist im gärtnerischen Kontext entstanden, die ganzheitliche  Denkweise lässt sich aber auch auf soziale Organisationen übertragen. «Von der Natur kann man viel lernen.»
Ein weiteres Projekt des MonViso Instituts verbindet Studium  mit der Praxis. Masterstudierende der Universität Lugano in der  Südschweiz untersuchten, was die Lebensqualität in Bergdörfern  ausmacht. Unter dem Stichwort «Alpiner Urbanismus» versuchen  die Forschenden des Instituts, eine neue Mischung aus urbanen  Elementen wie sozialer Interaktion, Service, Konnektivität und Erreichbarkeit  oder alpiner Lebensform zu finden. Mitgründerin Melanie Rottmann lebt dieses neue Unternehmertum in den Bergen  vor – sie setzt auf dem Gelände ein als Labyrinth erlebbares lokales Hanfsystem um, u. a. für die Isolation einiger der alten Gebäude,  aber auch zur Bodenverbesserung, Fasergewinnung, für Kosmetik  und zur Ernährung.  Weitere Projekte sind in Planung, das Grobziel ist formuliert, aber es  gibt noch genug Spielraum für neue Ansätze. Giacomo Lombardo  ist überzeugt: «Um solche Prozesse anzustossen, brauche es vor  allem Ideen und Menschen, die sie voranbringen.» 

www.comune.ostana.cn.it (it, en)
www.monviso-institute.org (en)