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Die Alpen - ein Sprachlabor

31.03.2004
Die Schutzwürdigkeit der Biodiversität ist unbestritten. Das gilt ebenso für die kulturelle und die sprachliche Vielfalt. Die beiden Diversitäten haben ein entscheidendes Element gemeinsam: die Dynamik. Das Verschwinden einer Art oder einer Sprache gibt noch keinen verlässlichen Hinweis auf die Funktionsfähigkeit des Systems.
Die Entwicklung der Verwendung der Alpensprachen verdient vermehrte Aufmerksamkeit, damit dieses Erbe im Dienste der Menschen erhalten und weiter entwickelt wird. Der Maulesel blieb bis zum Ende des zweiten Weltkriegs der unentbehrliche Begleiter der Bergbauern. Als seine Verwendung nicht mehr nützlich war, verschwand er praktisch. In diesem Sinne sagt der Soziolinguist Louis-Jean Calvet von den Sprachen, dass sie nur eine Existenzberechtigung haben, wenn sie den Menschen dienen und nicht umgekehrt.
Heute sind zahlreiche Sprachen dabei zu verschwinden, weil die letzten Sprecher sterben, weil die Eltern kein Interesse mehr zeigen, sie ihren Kindern weiterzugeben, oder weil sie sich verändern. Eines von fünf rätoromanischen Idiomen wird von weniger als tausend Personen gesprochen. Es stellt sich hier die Frage einer institutionellen Unterstützung, um eine Sprache zu erhalten. In den Alpen wie in Europa ist es prinzipiell nötig, die Sprecher einer Minderheitensprache zu unterstützen, solange diese davon Gebrauch machen. Dies ist eine der Grundlagen der Menschenrechtskonvention. Die Entscheidung eine Sprache zu fördern, ist eine Wahl der Gesellschaft, die ihren Preis hat. Das Verhältnis zwischen dem erforderlichen Aufwand, um eine Sprache zu erhalten und der Chance, dass diese Sprache ihre eigene Dynamik entwickeln kann, wird bei dieser Entscheidung eine Rolle spielen.

Die Vielsprachigkeit managen
Die Alpenkonvention sieht Deutsch, Französisch, Italienisch und Slowenisch als ihre offiziellen Konventionssprachen an, was eine vollständige Übersetzung aller Dokumente und aller offiziellen Sitzungen mit sich bringt. Auch beim Europäischen Parlament besteht diese Notwendigkeit, aber mit einer viel grösseren Anzahl Sprachen. Das Generalsekretariat des Parlaments beschäftigt fast 3500 Beamte, von denen ein Drittel mit Übersetzungsaufgaben in die 12 Amtssprachen der EU beschäftigt ist. Mit der Erweiterung auf 25 Länder und 19 Amtssprachen ergeben sich 342 mögliche Übersetzungs-Kombinationen. Es wird daher nötig sein, weniger, aber eventuell wechselnde Verhandlungssprachen zu wählen.

Die Zweisprachigkeit als Chance für die Alpen
Die Zweisprachigkeit wird durch ein Kräfteverhältnis reguliert. Die Sprecher der regionalen Sprachen, wie Ladinisch oder Rätoromanisch, sind "automatisch" mindestens zweisprachig. Im Kanton Graubünden spricht ein Fünftel der Rätoromanen fünf Sprachen. Umgekehrt ist dies selten: Als zweite Sprache lernt man in der Regel eine Sprache, die die gleiche oder eine größere Ausbreitung hat, nicht eine Minderheitensprache.
Die große Herausforderung besteht darin, dass die Sprecher einer weit verbreiteten Sprache zumindest eine andere Sprache als ihre Muttersprache oder Englisch lernen. Um den Austausch und das Verständnis für andere Kulturräume zu verbessern, ist eine gemeinsame Aktion in den Alpen für das Erlernen einer anderen "alpinen" Hauptsprache die Grundlage einer Alpenpolitik für nachhaltige Entwicklung. Dies ist nicht nur eine Chance auf kultureller, sondern sicher auch auf wirtschaftlicher Ebene für die Alpen (siehe Kasten) und könnte eine Art Modell für Europa darstellen. Diese Fragen müssen im zukünftigen Protokoll "Bevölkerung und Kultur" behandelt werden.

Quelle: CIPRA Info 71, www.cipra.org/de/alpmedia/publikationen/882