Transitverkehr am Limit
Kostenfairness herstellen, Fahrten reduzieren, auf die Schiene verlagern: An der CIPRA Jahresfachtagung 2026 Mitte Oktober in Bozen/I diskutierten rund 200 Teilnehmende über Wege, den steigenden Verkehr in den Alpen zu begrenzen.
Jedes Jahr fahren allein auf der Brennerautobahn rund 2.5 Millionen Lastwagen und 9 Millionen Autos über die Alpen, Tendenz steigend. «Der Verkehr ist zur Last geworden für Menschen und Natur», sagte Elisabeth Ladinser, Präsidentin von CIPRA Südtirol/ Dachverband für Natur- und Umweltschutz, bei der Eröffnung der CIPRA Jahresfachtagung in Bozen/I. Gemeinsame Lösungen seien gefragt, um Mobilität nachhaltiger zu gestalten. Auch Bozens Bürgermeister Claudio Corrarati betonte die Notwendigkeit nachhaltiger Lösungen und unbequemer politischer Entscheidungen.
Die Schweiz gilt als Vorbild bei der Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene. Mit der Alpeninitiative verankerte die Bevölkerung dieses Ziel in der Verfassung, hinzu kommt die strecken- und gewichtsabhängige Maut für Lastwagen. Dennoch nimmt der Lastwagenverkehr wieder zu. «Es fehlt der politische Wille bestehende Instrumente konsequent umzusetzen», erklärt Nara Valsangiacomo, Präsidentin von Pro Alps, bei ihrem Vortrag.
Verlagern oder vermeiden?
Einig waren sich die Podiumsgäste, dass mehr Gütertransport auf die Schiene gehört. Kontrovers blieb die Frage, ob es grundsätzlich weniger Verkehr braucht. Südtirols Mobilitätslandesrat Daniel Alfreider betonte die zentrale Rolle des Brennerbasistunnels. Voraussetzung dafür sei jedoch der Ausbau der Bahnstrecken zwischen München/D und Verona/I. Auch der Tiroler Landesrat René Zumtobel warnte: Ohne die nötigen Zulaufstrecken drohe der Tunnel zu einem «Herz ohne Arterie» zu werden. Zudem forderte er mehr Kostenfairness sowie eine gerechtere Verteilung des Transitverkehrs auf die Alpenübergänge: «Wenn drei von zehn Lastwagen einen Umweg von 120 Kilometern in Kauf nehmen, dann stimmt etwas im System nicht.»
«Es braucht einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaft», forderte Elisabeth Ladinser. Der Verkehr gehöre zu den grössten Verursachern von Treibhausgasen, gleichzeitig sei der letzte Sommer in den Alpen so heiss gewesen wie nie zu vor. Die Klimakrise erfordere mehr Kreislaufwirtschaft und einen bewussteren Umgang mit Warenströmen und Konsum. Gemeinsam mit Karl Mühlsteiger, Bürgermeister von Gries am Brenner, plädierte sie für eine Verringerung des Transitverkehrs. Mühlsteiger brachte die Perspektive der betroffenen Gemeinden auf den Punkt: «Die Gesundheit der Menschen hat einen höheren Stellenwert als der freie Warenverkehr.»
Mobilität zwischen Politik und Praxis
Wie das Fehlen einer nationalen Mobilitätsstrategie den Alpenraum belastet, zeigte Anna Donati, Präsidentin von «Roma Servizi per la Mobilità» in ihrem Vortrag. Martin Vallazza, Direktor des Ressorts Infrastrukturen und Mobilität der Autonomen Provinz Bozen, präsentierte Südtirols Fahrplan für den Verkehr. Dazu gehören unter anderem eine Gästekarte, Investitionen in die Schieneninfrastruktur sowie die Elektrifizierung der Vinschger Bahn. In sechs verschiedenen Masterklassen diskutierten die Teilnehmenden über sozialgerechte Mobilität, alltagstaugliche Radwege und klimafreundliche Strassenräume. Exkursionen zum Brennerbasistunnel und zur Rittner Bahn boten am Folgetag praktische Einblicke.
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