Von der Via Alpina erzählen

Völlig entkräftet spricht eine junge Frau in die Kamera. Sie ist soeben einem schweren Gewitter am Berg entkommen. Dann Schnitt: Dieselbe Frau jauchzt, diesmal mit Freudentränen in den Augen. Diese mitreissenden Szenen stammen aus einem Dokumentarfilm der Französin Zoé Lemaitre. Als eine von sechs Personen sprach sie im CIPRA-Podcast über den einzigen Weitwanderweg, der alle acht Alpenländer durchquert.

Unterwegs auf der Via Alpina: Filmemacherin Zoé Lemaitre liess sich vom Weitwanderweg inspirieren. © Zoé Lemaitre

«Ich wollte ihre Stärke zeigen»

Die Via Alpina ist mehr als nur ein 2'100 Kilometer langer Wanderweg – sie ist ein Symbol für die Verbundenheit der Alpenregionen. Seit ihrer Gründung vor 25 Jahren inspirierte sie unzählige Menschen, die Alpenlandschaft auf nachhaltige Weise zu erleben. Mit der wachsenden Beliebtheit des Weitwanderns stehen auch Fragen zu Naturschutz, Infrastruktur und Regionalentwicklung im Raum. Hier setzte die mehrsprachige Podcast-Reihe «Stimmen entlang der Via Alpina» an: Ziel war es, die Via Alpina als grenzüberschreitendes Kultur- und Naturerlebnis stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Zoé Lemaitre durchwanderte bereits 2023 für ein Filmprojekt die Via Alpina und interviewte unterwegs Frauen, deren Lebensmittelpunkt die Berge sind: Eine Hüttenwartin, eine Bergführerin, eine Freeriderin, eine Schäferin, eine Kletterlehrerin und eine Bergretterin. Lemaitres Film «Via Alpina – auf den Spuren von Pionierinnen» schärft das Bewusstsein für Frauen in Bergberufen: «Ich wollte ihre Stärke zeigen und ihnen eine Stimme geben». Zum Abschluss des Jubiläumsjahres und anlässlich des Internationalen Tages der Berge am 11. Dezember 2025 zeigte die CIPRA den Film in Schaan/LI und lud anschliessend zum Podiumsgespräch. Die rege Teilnahme an der Veranstaltung zeigte: Das gemeinsame Interesse am Weitwandern bringt Menschen zueinander, die sich im Alltag vielleicht nicht begegnen würden.

Stimmen 

 «Es ist ein Wanderweg, der alle Länder des Alpenbogens durchquert, mit all seiner kulturellen und sprachlichen Vielfalt. Das ist wirklich die Stärke des Lebens in den Alpen.»

Zoé Lemaitre, Filmemacherin und Weitwandernde

«Es gab damals keinen Weg von Wien oder von Triest nach Nizza oder nach Monaco, weil die Alpenkonvention ja erst ein Jahr vorher unterzeichnet wurde. Also dieses alpenweite Denken war neu.»

Dominik Siegrist durchwanderte 1992 erstmals die Alpen.

«Beim Weitwandern komme ich zur Ruhe , es ist kein Lärm in meinem Kopf […] Du denkst nur noch ans Essen und ans Schlafen und zwischendurch läufst du.»

Ellen Boucké, Via Alpina Freiwillige aus Belgien.

Wandern: politischer Akt und Lebensgrundlage


Dominik Siegrist unternahm bereits 1992 eine viermonatige politische Weitwanderung, als es die Via Alpina noch gar nicht gab. Der Geograf und Landschaftsplaner aus der Schweiz erzählt im Podcast, wie ihn eine grosse Tagung über die Transitlawine dazu inspirierte: «Meine Kollegen und ich, wir  waren begeistert und haben dann gesagt: Wir wandern von Wien nach Nizza und dokumentieren diesen politischen Widerstand, diese Initiativen für eine nachhaltige Entwicklung des Alpenraums.» 


In den italienischen Alpen betreibt Katia Tomatis seit 2013 die an der Via Alpina gelegene Malinvern-Hütte im Stura-Tal. Die ehemalige Profi-Skibergsteigerin entschied sich bewusst für das Leben in den Bergen und kombiniert dort Sport mit Arbeit und Familie. «Es ist wunderbar, mitzuerleben, wie zwischen Fremden auf der Hütte neue Freundschaften entstehen.» Weitere «Stimmen entlang der Via Alpina» stammen von Matevž Pretner, der einen Biobauernhof mit Unterkünften im slowenischen Triglav Nationalpark betreibt, sowie von Sascha Dubach aus der Schweiz. Er wanderte die Via Alpina im Jahr 2025 ebenso wie Ellen Boucké aus Belgien – sie schnürte ihre Bergschuhe für eine Alpendurchquerung bereits zum vierten Mal.

Tag der Berge am 11. Dezember: Filmvorführung und Diskussionen rund um die Via Alpina. © CIPRA

Ein Weg der Inspiration


Der CIPRA-Podcast zeigt: die Via Alpina ist weit mehr ist als eine rote Linie auf der Wanderkarte. Sie ist ein Weg für politisches Engagement, für eine nachhaltige Entwicklung des Alpenraums, eine sportliche Herausforderung oder ein intensives Naturerlebnis fernab vom Lärm des Alltags. Wieder andere erleben sie als künstlerische Inspirationsquelle oder ganz pragmatisch als Arbeitsplatz und Lebensgrundlage. Diese unterschiedlichen Perspektiven machen die Via Alpina lebendig. Persönliche Geschichten, Erlebnisse und Stimmen wecken Interesse und bleiben länger im Gedächtnis als reine Fakten. Mit dem Podcast stärkt die CIPRA das alpenweite Verständnis über Sprachgrenzen hinweg und zeigt, dass Engagement für die Alpen als Natur- und Lebensraum dort beginnt, wo Menschen einander zuhören.

Autor: Michael Gams, CIPRA International


Weitere Informationen 

Podcast-Episoden zum Nachhören: www.cipra.org/de/stimmen-entlang-der-via-alpina