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«Unser Dorf hat Zukunft»

(c) CIPRA International

Viele ländliche Gemeinden in den Alpen sind vom Niedergang gezeichnet. Jobs werden rarer, Junge wandern ab, die Bausubstanz verfällt. Bürgerinnen und Bürger der Schweizer Ortschaft Valendas gründeten einen Verein, um ihrem Dorf neue Impulse zu geben.

Eine junge Frau verlässt mit Einkäufen unter dem Arm den kleinen Dorfladen mit Tankstelle. Eine Familie sitzt auf den Holzplanken des Dorfbrunnens und studiert eine Touristenbroschüre. Das weiss getünchte «Gasthaus am Brunnen» füllt sich mittags mit hungrigen Handwerkern und Gästen. Ein ganz normaler Sommertag im 300-Seelen-Dorf Valendas in Graubünden, Schweiz. Doch in vielen Gemeinden in den Alpen sind solche Alltagsszenen nicht mehr selbstverständlich. Auch in Valendas nicht, wie ein Blick zurück zeigt.

Verlassener Dorfplatz, leere Strassen, geschlossene Fensterläden: Vor 40 Jahren porträtierte das Schweizer Fernsehen Valendas als untergehendes Dorf. 2006 doppelte der Kanton Graubünden nach, indem er den Ort zusammen mit vierzehn weiteren Gebieten als «potenzialarm» bezeichnete. Rückläufige Beschäftigung, Abwanderung, Abbau der Grundversorgung und ungünstige Finanzzahlen zeichneten mittel- bis langfristig ein düsteres Bild. Die negative Berichterstattung weckte den Widerstand von Einheimischen, darunter Walter Marchion. Statt zu resignieren wollten sich die Valendaser das Überleben ihres Heimatorts nicht absprechen lassen. «Unser Dorf hat Zukunft», verkündete Marchion damals wie heute. Gemeinsam mit Regula Ragettli lud der Agronom zur Bürgerversammlung in die Mehrzweckhalle ein, um die Zukunft von Valendas anzupacken. Die Resonanz war enorm.

Impulse entstehen lokal

Mit einer Umfrage ermittelten sie die Entwicklungsmöglichkeiten. Die Lage an der Rheinschlucht, das intakte Dorfbild – eine Mischung aus alten Bauernhöfen und Herrschaftshäusern – stellten sich als besondere Merkmale heraus. Um die Kräfte zu bündeln, gründete Walter Marchion 2004 zusammen mit dreizehn weiteren Betroffenen den Verein «Valendas Impuls». Sie setzen sich zum Ziel, dem Dorf wieder Leben einzuhauchen und es als Arbeits- und Wohnort attraktiv zu machen. Der Plan war das Ortsbild zu erhalten, historische Bauten nutzbar zu machen und Infrastruktur wie Dorfladen, Restaurant oder Schulzentrum zu sichern.

Eine grosse Herausforderung des Projekts war die Anfangsfinanzierung. Zum Beispiel erwies sich ein breit angelegter Spendenaufruf als wenig erfolgreich. Eine Eigenleistung zu stellen sei besonders wichtig, um weitere Geldgeber zu finden, betont Walter Marchion. Die Vereinsmitglieder steckten viel freiwillige Arbeit in das Projekt, umgerechnet sechs Personenjahre Arbeit; dieser Einsatz überzeugte. Der Verein konnte die Gemeinde für ihr Vorhaben gewinnen. Spenden von Privatpersonen kamen hinzu, die durch das persönliche Netzwerk der Vereinsmitglieder erreicht wurden. Um die alten Gebäude kaufen und renovieren zu können, riefen sie als Trägerschaft eine Stiftung ins Leben.

Nachhaltige Dorfentwicklung

«Am Anfang muss man möglichst bald Ergebnisse zeigen können, das ist wichtig für die Motivation.» Eines der ersten Projekte des Vereins war die Restauration des über 600 Jahre alten Backhauses, «Pfisteri» genannt. Der Aufwand war überschaubar und erste Fortschritte konnten schnell begutachtet werden. Im Beisein der Bevölkerung wurde die Backstube 2007 feierlich eingeweiht. So entstand ein Bezug auch für Anwohnerinnen und Anwohner, die nicht Mitglied im Verein sind. Rund um die «Pfisteri» duftet es seither einmal im Monat nach frisch gebackenen Brot. Das Ziel sei, so Marchion, Impulse zu geben und andere zu animieren, selbst Projekte auf die Beine zu stellen.

Das Herz- und Meisterstück war die Instandsetzung des geschichtsträchtigen «Engihuus». Es steht direkt am Dorfplatz mit Nixen-Brunnen, dem grössten Holzbrunnen Europas. Das Gebäude diente als Wohnhaus, Stall, Gaststätte, Ladenlokal, Bäckerei und zuletzt als Posthalterstation des letzten Pferdepöstlers der Schweiz. Der älteste Teil des Gebäudes ist über 500 Jahre alt. Nach der Renovation befindet sich heute ein Restaurant mit Hotel und Saal darin. Das Lokal trägt wesentlich dazu bei, dass der Dorfplatz wieder ein Ort der Begegnung in Valendas ist. Auf Initiative des Vereins finden dort zahlreiche kulturelle Veranstaltungen statt. Das Gasthaus wurde 2015 zusammen mit dem benachbarten «Türalihus» im alpenweiten Architekturpreis für nachhaltiges Sanieren und Bauen «Constructive Alps» ausgezeichnet.

Über viele Jahrzehnte waren Wohn- und Arbeitsorte untrennbar miteinander verknüpft. Durch die Segmentierung der Wirtschaft, die Digitalisierung und die zunehmende Mobilität hat sich diese Verbindung gelockert. Valendas besitzt einen Bahnhof und die nächste grössere Stadt Chur ist relativ gut erreichbar. Damit bietet sich Valendas die Chance, sich als attraktiven Wohnort im Einzugsgebiet von Chur zu etablieren. Wie die Arbeitsmöglichkeiten gestärkt werden können, ist eine nächste Herausforderung, die der Verein anpacken möchte. «Wir wollen ein möglichst organisches Wachstum, um eine lebendige und authentische Gemeinde zu sein.»

www.valendasimpuls.ch (de)