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Wem gehören die (italienischen) Alpen?

Neue Gemeinschaften in den Alpen: Durch direkten Kontakt entsteht gegenseitiges Verständnis (c) pixaby

Entlegene Regionen bieten viele Möglichkeiten für einen Neuanfang. Viele Menschen mit Fluchterfahrungen bringen wieder Leben in die Dörfer. Doch wer sind diese Personen, die sich in Berggebieten ansiedeln?

In vielen italienischen Alpengemeinden stellen aus dem Ausland Zugewanderte einen grossen Anteil der Wohnbevölkerung. Viele von ihnen leben in kleinen Dörfern und tragen wesentlich dazu bei, dem demographischen Trend von Überalterung und schwindenden Einwohnerzahlen entgegen zu wirken.

Es handelt sich zumeist um Familien mit Kindern, bei denen Männer und Frauen in Wirtschaftszweigen arbeiten, die nicht zuletzt mit ihrer Hilfe in den Berggebieten überleben oder sogar wachsen und sich erneuern. Zu den wichtigsten Arbeitsbereichen zählen Tierhaltung und Weidewirtschaft, Wald- und Holzwirtschaft, Bauwesen und Pflegedienstleistungen, Instandhaltung von Bergbahnen und Verkehrsinfrastruktur, Handwerk und Handel. Mancher spricht von «ethnischen Berufen». Sicher ist, dass die Abwanderung der letzten Jahrzehnte im Alpenraum zu einem grossem Leerstand geführt hat und dieser heute wenigstens teilweise wieder gefüllt wird durch die Zugewanderten. Sie nutzen ihre Chance und beweisen Anpassungsfähigkeit, Kreativität und Unternehmergeist.

Solidarisch und innovativ

Natürlich gibt es auch Spannungen. Für die Alteingesessenen ist es nicht leicht zu akzeptieren, dass Menschen von weit herkommen, in die Häuser ziehen und die Tätigkeiten verrichten, die die einheimische Jugend aufgegeben hat ‒ Menschen, die eine andere Sprache sprechen und ihre kulturelle Herkunft pflegen. Aber diese Konflikte werden meistens von Angesicht zu Angesicht gelöst, wie es in Bergdörfern üblich ist. Die gemeinsamen Anstrengungen für eine Kulturlandschaft, welche die Menschen braucht, um zu überleben, schweissen zusammen. Und so wächst die materielle Solidarität der Menschen, wenn sie zum Beispiel gemeinsam Mauern in Stand setzen oder Felder bewirtschaften.  Dies hält die Berggemeinschaften seit jeher zusammen und in ist in den Städten selten geworden.

Die Präsenz dieser «Wirtschaftsmigrantinnen» in den Alpen trägt nicht nur dazu bei, vom Aussterben bedrohte Orte wieder zu beleben, sondern sie stärkt auch die Widerstandsfähigkeit der lokalen Gemeinschaften, die allzu oft zwischen extremen Gegensätzen hin- und hergerissen sind: einer musealen Folklore für die Touristen auf der einen Seite und einer Anpassung an den städtischen Lebensstil auf der anderen Seite. Heute gibt es im ganzen Alpenraum viele Beispiele von Zugewanderten, die ihrem Leben eine unerwartete Wendung gegeben haben und lokale Traditionen mit ihren «importierten» Bräuchen verbinden – sei es im täglichen Miteinander oder im Unterricht in kleinen Bergschulen, in der Weidewirtschaft oder in der Käseherstellung.

Flucht in die Berge

In den letzten Jahren hat die Zuwanderung in die Alpen weiter zugenommen. Es handelt sich um Menschen, die Asyl und internationalen Schutz suchen und die im Zuge der Verteilungspolitik der nationalen Regierungen oder im Rahmen von Aufnahmeprojekten der lokalen Gemeinschaften in die Berggebiete gekommen sind.

Eine neue Studie des unabhängigen Netzwerks «Foreign immigration in the Alps» (ForAlps) bestätigt den hohen Anteil an Flüchtlingen, der den Berggebieten zugewiesen wird und der, wie im Falle Italiens, bei bis zu 40 Prozent liegt. Ein Grund für diesen unfreiwilligen Zuzug sind die vielen leerstehenden und seit Jahren ungenutzten Gebäude in den Berggebieten ‒ Hotels, Kasernen, Ferienanlagen oder Sanatorien. Sie sind ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, als in den Alpen Einrichtungen für den Tourismus, die Produktion und die Erholung gebaut wurden.

Neues Leben für kleine Dörfer

Viele dieser Migranten werden leider monatelang in Berggemeinden untergebracht und von Organisationen versorgt, die mit dem «Flüchtlingsgeschäft» Geld verdienen wollen. Doch es gibt auch positive Beispiele: Mancherorts erwachen Dörfer durch die Ankunft der Flüchtlinge zu neuem Leben. In Zusammenarbeit mit Genossenschaften oder seriösen Vereinen und mit Unterstützung der ansässigen Bevölkerung werden Projekte für einen nachhaltigen Tourismus entwickelt, Nahversorgung aufgebaut, die Erhaltung und Sicherung des Gemeindegebietes gefördert oder alte Gebäude instandgesetzt.

Es zeigt sich also, dass freiwillig oder unfreiwillig Zugewanderte, die in kleiner Zahl aufgenommen werden und direkten Kontakt mit den Einheimischen haben, dazu beitragen können, dass in den Berggebieten völlig neue soziale Beziehungen entstehen. Zusammen lernen sie wieder, was es bedeutet, eine Gemeinschaft zu sein.  Aus der Mischung verschiedener Kulturen und unterschiedlicher Bedürfnisse heraus entstehen neue Wirtschaftsformen. Die Alpen brauchen diese Ressourcen – und nicht die Rückkehr von Grenzen.

 

Andrea Membretti, Europäische Akademie Eurac, Bozen/I

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