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Standpunkt: Spielt nicht mit unserer Zukunft!

Luisa Deubzer im November 2018 beim Eusalp-Forum in Innsbruck/A. © DieFotografen

Die Klimakrise ist Realität. Und sie ist nicht das einzige Umweltproblem, das drängt. Luisa Deubzer vom CIPRA-Jugendbeirat fordert ein gesellschaftliches Umdenken. Beim Eusalp-Forum in Innsbruck/A hielt die 24-Jährige Ende November 2018 eine flammende Rede vor PolitikerInnen und Jugendlichen.

Sommer 2018. Ich stehe über dem einst so riesigen Oberen Grindelwaldgletscher in der Schweiz. Tränen laufen über mein Gesicht.

Seit meiner Geburt ist der Gletscher um mehrere Kilometer geschrumpft. Er hält mir die sehr realen Folgen jeder unserer politischen und privaten Entscheidungen vor Augen – und ihre Unumkehrbarkeit.

Jede Entscheidung, die heute getroffen wird, vergrössert oder verkleinert zwangsläufig den Handlungsspielraum für die folgenden Generationen. Das gilt für den Klimawandel genauso wie für den Artenschutz und die Erhaltung natürlicher Lebensräume.

Jedes bisschen CO2, das die heutige Generation der EntscheiderInnen nicht jetzt sofort einspart, wird die Konsequenzen für meine Generation um ein Vielfaches verschlimmern. Jedes neue Bauprojekt, dem heute auf Kosten eines Naturschutzgebiets zugestimmt wird, schränkt unsere Freiheit ein, einmal eine andere, ökologischere Zukunft in den Alpen zu leben.

Ich bin davon überzeugt, dass die wichtigsten dieser Entscheidungen mit Nachhaltigkeit zu tun haben.

Nicht, dass ökonomische Entscheidungen keine Rolle spielten, ganz im Gegenteil. Aber egal wie gut oder schlecht diese sind: Sie werden uns wenig nützen, wenn wir gleichzeitig unsere Lebensgrundlage – eine intakte Umwelt – dafür zerstört haben. Umweltzerstörung und Klimawandel verschärfen jedes andere Problem noch weiter. Deshalb sollten wir ernsthaft an einer nachhaltigen Transformation unserer Gesellschaft arbeiten.

Die Dilemmata, vor denen wir stehen, wenn es um Nachhaltigkeit geht, zeigen uns: Es funktioniert nicht, wenn wir unsere Gesellschaft in bestimmten Bereichen einfach «ein bisschen nachhaltiger» machen, während wir weiterhin an nicht nachhaltigen Glaubenssätzen und Grundprinzipien festhalten, wie unendlichem Wachstum oder dem Vorrang der Wirtschaft vor Gesellschaft und Umwelt.

Zum Beispiel können wir zwar dem Klimawandel begegnen, indem wir auf erneuerbare Energien umstellen. Aber wenn wir nicht gleichzeitig unsere energieintensive Lebensweise grundlegend neu denken, wird dies Ressourcenprobleme und Umweltzerstörung nur verschlimmern.

Was wir brauchen, ist ein neuer Gesellschaftsmodus, der mit einer veränderten Wirtschaftsform einhergeht.

Wenn wir unseren Kindern nicht eines Tages erklären wollen, wie wir einfach zugeschaut und nichts oder zu wenig getan haben, obwohl wir genau wussten, was passieren wird, dann müssen wir unsere Gesellschaft grundlegend ändern. Jetzt. Die Alpenregionen können hierbei eine Pionier-Rolle einnehmen, indem sie Raum für das Testen alternativer Formen des Wirtschaftens und Zusammenlebens schaffen.

Denn der Wandel hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft könnte gleichzeitig eine Antwort auf die Krise sein, in der sich viele alpine Täler durch Abwanderung und Überalterung befinden. Statt in neuen Technologien und Wirtschaftswachstum liegt die Lösung in beiden Fällen möglicherweise im Fördern sozialer Intelligenz, gutem Zusammenleben und im Stärken lokaler Strukturen.

Wir müssen die Umweltkrise, in der wir uns befinden, als Chance begreifen. Eine Chance für Kooperation, eine Chance neue Wege auszuprobieren und uns als Gesellschaft weiterzuentwickeln. Für die Gletscher kommt dieses Umdenken zu spät. Aber wir können sicherstellen, dass durch unsere heutigen Entscheidungen nicht noch weitere Dinge unwiderruflich verschwinden.

 

Quellen und weiterführende Informationen:

www.ipcc.ch/sr15/chapter/chapter-3/ (en), www.ipcc.ch/sr15/chapter/2-0/ (en), http://science.sciencemag.org/content/358/6370/1610 (en), https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1543691/ (en) www.cipra.org/de/dossiers/2
Jackson, T. (2009). Prosperity without growth: Economics for a finite planet. Routledge.
Forster, S. (2017). Innerhofer, E., & Pechlaner, H. (Eds.), Schrumpfung und Rückbau: Berggebietsentwicklung in der Schweiz und im Kanton Graubünden – Abschied von der Wachstumsidee. München: oekom Verlag.