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Landschaft ist nicht erneuerbar

01.12.2020
In Landschaften sind Beziehungen, Erinnerungen und Visionen eingeschrieben. Das aktuelle Positionspaper der CIPRA verdeutlicht, warum wir Landschaft über den geografischen Begriff hinaus verstehen und Verantwortung für sie übernehmen müssen.
Bild Legende:
Eine Frage des Blickwinkels: Wer darf welche Landschaft nutzen – und zu welchem Preis? (c) Frank Schultze/Zeitenspiegel

«Die Landschaft ist ein Konstrukt. Und mit diesem schrecklichen Wort soll nichts anderes gesagt sein, als dass die Landschaft nicht in den Erscheinungen der Umwelt zu suchen ist, sondern in den Köpfen der Betrachter.» Dieses Zitat stammt von Lucius Burckhardt, einem Schweizer Soziologen und Begründer der Promenadologie – einer Methode, die darauf abzielt, unsere Umweltwahrnehmung zu erweitern. Sie entstand in den 1980er Jahren als Reaktion auf eine Stadtplanung aus dem Elfenbeinturm, die abseits der Wahrnehmung und tatsächlichen Ansprüche und Bedürfnisse der BewohnerInnen geschieht. Burckhard, der in Kassel/D die Spazierganswissenschaft begründete, wollte das Bewusstsein für Raum und Landschaft schärfen. Es geht bei der Promenadologie um die unmittelbare Wahrnehmung am Ort des Geschehens, um das Aufnehmen der Atmosphäre und die Möglichkeiten, den jeweiligen Ort lebenswert zu gestalten.

Spiegel der Gesellschaft

Landschaften sind dynamisch und wandelbar, insbesondere im Alpenraum, einem der am dichtesten besiedelten Berggebiete weltweit und einem der berühmtesten und meistbesuchten. Sie sind ein Spiegel gesellschaftlicher Prozesse. Abschmelzende Gletscher, aufgegebene Alpwirtschaften, überwucherte Wiesen, sich ausbreitende Siedlungsräume, Infrastrukturen für Freizeitaktivitäten, Monokulturen in den Talböden, über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaften: All dies sind soziale Prozesse, die sich in die Landschaft einschreiben. In der Landschaft zeigen sich auch die vorherrschenden Tendenzen und Einstellungen ihrer BewohnerInnen, BesucherInnen und MachthaberInnen.

Die CIPRA bezieht dazu Stellung in ihrem Positionspapier «Landschaft ist nicht erneuerbar» und ergänzt damit bestehende Landschaftsdiskurse im Alpenraum (siehe Kasten). Inspirieren liess sie sich durch die Promenadologie und die Europäische Landschaftskonvention, die 2020 ihr 20-Jahre-Jubiläum feiert.

Landwirtschaft hat Schlüsselrolle

Was bedeuten die aktuellen gesellschaftlichen Prozesse für die alpinen Landschaften und deren BewohnerInnen? Was bedeuten sie für die Sicherung von Lebensraum und Ökosystemleistungen? Was bedeuten sie für die Artenvielfalt?

Kulturlandschaften etwa wurde über Jahrhunderte geprägt durch Bergbäuerinnen und Bergbauern, die den Boden extensiv bewirtschafteten. Sie nutzten jedes verfügbare Stück Land. Heute indes wird die Landwirtschaft im Talboden intensiviert, während abgelegene oder schwer zu bewirtschaftete Flächen in Hanglagen aufgegeben werden. Dies führt zu einem Verlust der Vielfalt der Landschaften und Lebensräume und somit der Tier- und Pflanzenarten. Wirtschaftlich können Kleinbetriebe in Bergregionen kaum mit Grossbetrieben im Talgebiet mithalten. Nur wer qualitativ hochwertige Produkte anbietet, kann sich eine Nische sichern.

Es braucht ein finanzielles und regulatorisches Anreizsystem, um Kulturlandschaften mit ihren ökologischen und sozio-ökonomischen Funktionen zu erhalten. Zum Beispiel muss die Diversifizierung von Kulturpflanzen wirtschaftlich rentabel werden und kleinräumige Qualitätsproduktionen müssen wirksamer unterstützt werden. Um den Fokus mehr auf die Qualität der Produktion und weniger auf die Quantität zu legen, braucht es Änderungen in der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU.

Die Berglandwirtschaft braucht Innovations- und Resilienzstrategien: Eine neue und innovative Generation von LandwirtInnen muss unterstützt und befähigt werden, Qualitätsprodukte herzustellen und neue Vermarktungsstrategien zu entwickeln. Eng damit verbunden ist die Verfügbarkeit von Land: Fragmentierte und ungenutzte landwirtschaftliche Flächen müssen wieder in den Anbauzyklus zurückgeführt werden. Zu diesem Zweck müssen veraltete Eigentumsrechte neu organisiert und durch neue Formen der kooperativen Unternehmensführung ersetzt werden.

Diskussion um Werte

Ein anderes Beispiel sind Landschaften, die arg durch unser Freizeitverhalten beansprucht werden. Es geht darum, ein Gleichgewicht zu finden zwischen dem Angebot an Outdoor- und Freizeitaktivitäten und der Lebensqualität der AnwohnerInnen, ohne die Natur zu übernutzen. Wer darf diese Landschaften nutzen und zu welchem Preis? Muss dafür Eintritt bezahlt werden wie für Schwimmbäder oder Museen? Sollen gewisse Landschaften von der Nutzung völlig ausgeschlossen werden, ist das überhaupt zielführend und umsetzbar?

Solche Fragen müssen sich Gemeinschaften stellen – jene, die in Freizeitlandschaften zu Hause, und jene, die Freizeitlandschaften besuchen. Die Diskussionen darüber sind Ausdruck unserer kulturellen Grundwerte.

 

Quelle und weitere Informationen: www.cipra.org/szenealpen

Gemeingut Landschaft

Das Positionspapier «Landschaft ist nicht erneuerbar» wurde in einem breiten partizipativen Prozess erarbeitet mit CIPRA-VertreterInnen, jungen Erwachsenen und ExpertInnen aus den Alpenländern. In seiner Struktur reflektiert das Positionspapier das heterogene Mosaik der (alpinen) Landschaften. Es zeigt die Erfordernisse auf, die Elemente dieses Landschaftsmosaiks zu erhalten und zu verbinden.

Zuerst werden zwei Ansätze im Umgang mit Landschaft vorgestellt: «Landschaft als Commons» und »Landschaft verhandeln». Es folgen fünf für die Alpen charakteristische Mosaikteile oder Landschaftstypen: landwirtschaftlich genutzte Landschaft, durch Energieproduktion geprägte Landschaften, Freizeitlandschaften, ungenutzte oder aktiv nicht mehr genutzte Landschaften sowie Stadt- und Agglomerationslandschaften.

Die CIPRA hat das Thema Landschaft 2019 und 2020 auch zum Schwerpunkt ihrer Arbeit gemacht und zahlreiche weitere Aktivitäten umgesetzt.

www.cipra.org/landschaft