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Ein Plädoyer für die Wildbiene

Auch sie zählt zur Familie der Bienen: die hellgelbe Erdhummel. (c) Danilo Bevk

Die meisten Menschen denken zuerst an Honig, wenn die Rede von den Bienen ist. Doch die Welt der Bienen in den Alpenländern ist weit mehr als süsser Brotaufstrich.

Gäbe es bunte und duftende Almwiesen, Obstbäume voller süsser Früchte oder Gemüse wie Kürbis, Blumenkohl oder Radieschen ohne unsere fleissigen Bestäuber, allen voran die Bienen? Unsere Welt und unsere Ernährung wären weniger bunt und abwechslungsreich ohne sie. Bienen und andere bestäubende Insekten erhalten und fördern die Vielfalt von Wild- und Nutzpflanzen. Damit spielen sie eine Schlüsselrolle für die Biodiversität, sichern unsere Ernährung und generieren dabei grosse monetäre Werte. Die Wildbienen spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die Honigbienen. Die ersten Bienen lebten bereits vor rund 120 Millionen Jahren, also noch mit den Dinosauriern, in der Kreidezeit. Als die Blütenpflanzen eine erste grosse Entwicklung erfuhren, spezialisierte sich ein Zweig der damals lebenden Grabwespen auf Blütenpollen als Proteinquelle. Die Bestäubung durch Bienen und andere Insekten beförderte fortan die Entwicklung der Blütenpflanzen und umgekehrt. Die Wissenschaft nennt das eine Co-Evolution, eine Gruppe kann nicht ohne die andere.

Während der letzten Eiszeit war das Mittelmeergebiet das Refugium von Unterarten der Westlichen Honigbiene Apis mellifera. Von dort breiteten sie sich nach der Eiszeit wieder aus. Aus Südwesteuropa drang die Dunkle Honigbiene Apis mellifera mellifera über Spanien und Frankreich nördlich der Alpen bis Südskandinavien vor. Die Krainer Biene Apis mellifera carnica besiedelte von Südosten her Gebiete bis zum Alpenhauptkamm und die Italienische Biene Apis mellifera ligustica eroberte von Süden her die Regionen bis zum Alpensüdrand. Heute gibt es die Honigbienen bei uns nur noch als Nutztiere.

Nicht alle Bienen leben im Sozialstaat

Bis zu 50’000 Dunkle Honigbienen leben als Volk auf kleinem Raum in einem mehrjährigen Bienenstaat zusammen. Die Aufgaben sind perfekt verteilt, es wird gewacht, geputzt, gefüttert, gesammelt oder vermehrt. Die Bienenkönigin ist alleine gar nicht mehr lebensfähig. Was einerseits ein Paradebeispiel für soziale Organisation mit allen Effizienzvorteilen ist, kann andererseits durch Parasiten, Krankheit oder auch witterungsbedingt zum Totalausfall werden – für die Honigproduktion und für die Bestäubungsleistung.Ganz anders bei den heimischen Wildbienen: Eine Hummelkönigin besitzt alle Fähigkeiten, die sie braucht, um ihren einjährigen Staat ganz alleine zu gründen. Erst wenn ihre ersten Töchter zur Nahrungssuche ausfliegen, kann sie ihr restliches Leben innerhalb des Nestes verbringen. Auch andere Wildbienengattungen des Alpenraumes, wie manche Furchenbienen, kennen ein mehr der weniger ausgeprägtes Sozialleben. Die allermeisten der rund 700 Wildbienenarten des Alpenraums leben jedoch solitär als Einzelgängerinnen. Sie produzieren zwar allesamt keinen Honig, sind aber hochwirksame Bestäuber. In der heimischen Wildbienenfauna mit ihrer hauptsächlich solitären Lebensweise führen Krankheiten oder Parasiten zu weniger Ausfällen.

Von Generalisten und Spezialisten

Obwohl Honigbienen als Pollengeneralisten und viele Wildbienenarten als Spezialisten gelten, rangieren Wildbienen – abhängig von der Region, der Witterung oder der Blütenform – in ihren Leistungen neben oder sogar vor den Honigbienen. Diverse Pflanzengattungen werden fast ausschliesslich von Wildbienen bestäubt. So zum Beispiel bestimmte Schmetterlingsblütler wie die Luzerne: Während Honigbienen schnell lernen, die explosive Pollendarbietung der Luzerneblüte zu meiden, lassen sich Sägehornbienen, Luzerne-Blattschneiderbienen oder Hummeln nicht davon beeindrucken. Oligolektische Wildbienenarten sind auf bestimmte Blütenformen spezialisiert. Sie sammeln nur Pollen nah verwandter Pflanzenarten, einer bestimmten Pflanzenfamilie, einer oder mehrerer Gattungen, manchmal sogar nur einer einzigen Art. Die wechselseitige Abhängigkeit kann also sehr gross sein, denn nicht nur die Bienen sind auf «ihre» Pflanzen, sondern auch die Pflanzen auf «ihre» Bestäuber angewiesen.

Ohne Wildbienen geht es nicht

Rund ums Jahr sind Wildbienen auf Futtersuche unterwegs, auch dann, wenn Honigbienen noch nicht oder nicht mehr fliegen. Fällt beispielsweise die Obstbaumblüte in eine Schlechtwetterperiode, ist der Bestäubungs- und Ernteerfolg häufig primär von Wildbienen abhängig. Durch ihre Abhängigkeit von geeigneten Nahrungsquellen in Reichweite passender Nistmöglichkeiten reagieren Wildbienen sehr empfindlich auf Veränderungen. Das erklärt, warum immer mehr von ihnen die roten Listen füllen. Wir vernichten Lebensräume von Wildbienen durch Intensivierung der Landwirtschaft, Bodenverbrauch, unser Mobilitätsverhalten und Pestizideinsatz. Das muss nicht so bleiben. Politische Vorstösse wie Volksbegehren und Bürgerinitiativen formieren sich in mehreren Alpenländern zum Schutz der Bienen und für den Erhalt der Artenvielfalt. Wildbienen sind ein gutes Beispiel dafür, dass Biodiversität eine unserer wichtigsten Lebensgrundlagen ist. Für die Sicherung der Bestäubung von Wild- und Kulturpflanzen sind wir Menschen auf eine individuen- und artenreiche Bienenfauna angewiesen.


Quelle und weitere Informationen: www.cipra.org/szenealpen

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