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Verbreitung der Sprachminderheiten in den Alpen

Sprachen wie Okzitanisch, Ladinisch oder Friulanisch bereichern den alpinen Wortschatz. Zu- und Abwanderung bedrohen diese Vielfalt, setzen aber auch neue Akzente.

Nirgendwo im westlichen Europa ist das Sprachenmosaik bunter als in den Talschaften des Alpenbogens. «Klein-Europa» wird zum Beispiel das Kanaltal im äussersten Nordosten Italiens genannt, wo die drei grossen europäischen Sprachfamilien – Germanen, Slawen und Romanen – auf engem Raum zusammentreffen und wo eine teils viersprachige Bevölkerung lebt. Neben der jeweiligen staatstragenden Mehrheit gibt es in den Alpenländern viele historische Sprachminderheiten mit einer Sprecherzahl von insgesamt über einer halben Million (Abbildung 1). Hinzu kommen «allochthone», also ortsfremde Gemeinschaften, wie Gastarbeiter oder Flüchtlinge, die weniger als drei Generationen anwesend sind und denen daher im Unterschied zu den ethno-linguistischen Gruppen kein Minderheitenschutz – zumindest in den Alpenländern – zusteht.

Grösser und prägnanter wäre dieses Minderheitenmosaik, würde man auch Einschätzungen von Gemeinden berücksichtigen: Überall dort, wo Sprachen ineinanderfliessen, wie zum Beispiel in den Dolomiten oder im okzitanisch-piemontesischen Kontaktraum, können sich Gemeinden zu der einen oder anderen Gemeinschaft bekennen, so etwa in Italien 1999 nach der Einführung des Gesetzes 482. Aber auch kleinere Gruppen, bei denen objektive und subjektive Merkmale wie Sprache und Selbsteinschätzung nicht übereinstimmen, erlauben oftmals keine genaue Zuordnung zu einer bestimmten Sprache. Solch «diffuse Ethnizitäten» sind etwa die Sprachinseldeutschen im Süden der Alpen oder die Slowenen im italienischen Resiatal.

Sprachen schwinden trotz Schutz

Sieht man von den autonomen Territorien Südtirol und Aostatal ab, so sind alle Minderheitengebiete durch demografische Vorgänge und Angleichung bedroht. Heute sind die Sprachminderheiten in den Alpen durch kulturelle Sonderregelungen der einzelnen Staaten geschützt, zum Beispiel im Bereich Schule oder Medien. Eine Ausnahme bildet Frankreich, das als «Erfinder» der Gleichheit (Egalité) keinem Individuum und keiner Gruppe Zusatzrechte einräumt. Ausführungsgesetze, um die Angleichung aufzuhalten, kamen jedoch in den meisten Gebieten zu spät.

Die periphere Lage von Minderheiten verbindet sich zumeist mit wirtschaftlicher Benachteiligung. Somit sind gerade diese Gegenden klassische Abwanderungsgebiete. Die neue Zuwanderung in die Alpen, die so genannte «Amenity Migration», verstärkt einerseits die Angleichungsprozesse, andererseits begünstigt das kulturelle Engagement dieser «New Highlander» den Erhalt von Minderheiten.

Sprachvielfalt dank Migration

Obwohl es ausserhalb Südtirols und des Aostatals immer weniger Menschen gibt, die einer sprachlichen Minderheit angehören, braucht man sich um die «Multikulturalität» der Alpen keine Sorgen zu machen: Das ethno-linguistische Mosaik in den Alpen wird durch die Flüchtlings- und Süd-Nordmigration bunt bleiben.

 

Ernst Steinicke, Universität Innsbruck/A

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