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«Blumen sind die Tankstellen der Bienen»

(c) Danilo Bevk

Das Vorkommen von Wildbienen erlaubt Rückschlüsse auf die Artenvielfalt in einer Gemeinde, meint der Biologe Timo Kopf. Ein Gespräch übers Bienenzählen und den Kampf gegen das Insektensterben.

Herr Kopf, was ist ein Bienenmonitoring?

Dabei begehe ich Flächen regelmässig mit einem Fangnetz und sammle die Bienen, die ich dort finde. Und ich notiere, welche Wildbienenarten ich erkenne. Das sollte man alle drei Wochen wiederholen, weil sich die Zusammensetzung der Bienenarten im Jahresverlauf verändert.

Die rote Liste der bedrohten Bienenarten wird immer länger. In einer von Ihnen untersuchten österreichischen Gemeinde jedoch nicht. Warum?

Die Gemeinde hat Humusdecken von Rasenflächen entfernt und mit nährstoffarmen Schotter-Sand-Mischungen gefüllt. Darauf wurden dann Blühmischungen mit heimischen Wildblumen ausgebracht. Ich habe fünf dieser Flächen untersucht und 2014 bereits 94 Arten gefunden. Das habe ich drei Jahre später wiederholt. Da ist die Artenzahl noch gestiegen, es waren 114. Eine Bestätigung der dort geleisteten Arbeit.

Warum sind Wildbienen ein Indikator für die Artenvielfalt?

In Österreich sind von ungefähr 54’000 Tierarten der Grossteil Insekten. Fast alle Insekten sind Fluginsekten, es gibt also nahezu 40’000 Arten, die fliegen können. Zumindest die Hälfte von denen benötigt Nektar als Treibstoff. Blumen sind ihre Tankstellen, damit sie fliegen können. Bienen sammeln zusätzlich Pollen, die sie ihren Larven verfüttern. Viele Wildbienenarten können aber nicht wie die Honigbiene das ganze Angebot nutzen, das gerade da ist. Sie sind darauf angewiesen, dass von ihrer jeweiligen Futterpflanze eine ausreichende Menge vorhanden ist. Sonst verschwinden diese Bienenarten wieder. Der Weltbiodiversitätsrat warnt vor einem massenhaften Insektensterben.

Wie dramatisch ist die Lage alpenweit?

Das intensiv genutzte und mit Chemikalien verseuchte Kulturland erleidet einen massiven Rückgang von Arten und Individuen. Die Wälder sind Fichtenmonokulturen. Es gibt kaum mehr natürliche Mischwälder mit Lichtungen und Totholz. Wiesen sind Grasäcker ohne Blumen. Wenn die Landschaft vereinheitlicht wird, bleiben nur noch wenige Arten. In den Alpen rückt mit der Klimaerwärmung vieles nach oben, endemische Arten werden wohl auch verschwinden. Zudem ist der Eintrag von Stickstoff aus der Luft ganz massiv – durch Verkehr, Abgase und Ähnliches. All die Umweltgifte, die wir verwenden, kommen bereits im Hochgebirge an. Man weiss noch nicht, wie die Insektenpopulationen darauf reagieren.

Was können Gemeinden für die Bienen tun?

Öffentliche Flächen sind Vorbilder für Privatgärten. Wegränder sollten unversiegelt bleiben und seltener gemäht werden. Die werden zum Teil so oft gemäht, dass dort nie irgendwas aufblüht. Wichtig wären auch Sand- und Steinhaufen. Die machen zwar beim Mähen ein bisschen Schwierigkeiten, sind aber extrem wichtig als Nistplätze oder Unterschlupf. Jede Gemeinde sollte ihre «Hotspots» ausfindig machen und schützen. Dorthin kommen Bienen aus einer grossen Umgebung und legen ihre Nester an. Wichtig ist auch die Aufklärung der Bevölkerung. Jede Gemeinde bräuchte eine für Naturschutz verantwortliche Person, die dafür geradesteht, wenn etwas zerstört wird.


Timo  Kopf  ist  freiberuflicher  Biologe  und  externer  Lehrbeauftragter an der Universität Innsbruck/A. Er berät  Gemeinden,  hält  Vorträge  und  Exkursionen  zu  Bienenschutz  und  wirkt  im  Projekt  BeeAware! als Experte mit.

 

Quelle und weitere Informationen: www.cipra.org/szenealpen