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Alpen als Sportgerät oder Landschaft als Kapital? - Situation, Trends und Lösungsansätze im Wintersport

Liegt Skifahren in den Alpen auch in Zukunft noch im Trend? Was für einen Aufwand können sich die Bergbahnen leisten, um die sich rasch verändernden Rahmenbedingungen zu bewältigen? Welche negativen Folgen ergeben sich daraus für Natur und Landschaft? Welche Handlungsspielräume bestehen heute und in Zukunft für Alpenschutzorganisationen und Wintertourismusorte?
Kostendruck und stagnierende Nachfrage
Red. Skistationen in den Alpen sind einem zunehmenden Konkurrenzdruck ausgesetzt. Die über lange Jahre vertrauten Wachstumskurven der Bergbahnen und der Hotellerie zeigen nicht mehr so steil nach oben und beginnen zu stagnieren. Während viele Bergbahnen ihre Transportkapazitäten weiter erhöhen, steigt die Zahl der SkifahrerInnen kaum mehr an. Gründe hierfür liegen zum Beispiel in der demographischen Entwicklung in den meisten Alpenländern und - damit zusammenhängend - in den veränderten Freizeitgewohnheiten der Bevölkerung. Insbesondere die jüngeren Zielgruppen bevorzugen heute andere, schneeunabhängige Aktivitäten. Diese sind oft billiger als das teure Vergnügen auf der Piste und finden nicht unbedingt in den Bergen statt. Die steigenden Kosten entstehen aber auch durch den Bau und Betrieb von immer raffinierteren Anlagen. In der Folge leiden zahlreiche Bergbahnen unter finanziellen Problemen.

Eine logische Konsequenz des steigenden Kostendrucks ist der Trend zu einer Konzentration der Investionen. Dies führt einerseits zur Aufgabe von Bahnen und Liften, andererseits zu immer mehr Zusammenschlüssen von Bergbahnunternehmen. Der bekannteste Bergbahnen-"Multi" in den Alpen ist die in Frankreich und in den westlichen Schweizer Alpen aktive Compagnie des Alpes (CDA) mit einem Jahresumsatz von rund 300 Mio. Euro.

Eine weitere bedenkliche Entwicklung ist die Zunahme des Tagestourismus. Da die Strassen stark ausgebaut wurden, betrifft ein grosser Teil des Verkehrswachstums den motorisierten Individualverkehr. Diese Entwicklung bescherte insbesondere den zentrumsnäheren Skigebieten wirtschaftliche Erfolge. Die Dörfer entlang der An- und Abfahrtswege leiden aber unter der hohen Verkehrsbelastung. Eine weitere Verliererin dieser Entwicklung ist die Hotellerie, deren Stammgäste in vielen Winterstationen durch den hektischeren Tagestourismus verdrängt werden.

In dieser Situation werden Aus- und Neubauten weniger die Zahl der WintersportlerInnen erhöhen als vielmehr die Konkurrenz verschärfen und die Destinationen noch stärker in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen. Trotzdem wird in den Alpen massiv zusätzliche Wintersportinfrastruktur projektiert. Gegenwärtig sind alpenweit über 100 Projekte im Gespräch. Sie lassen sich in die folgenden Kategorien einteilen:

o Pläne zur Erschliessung von hochgelegenen Berggipfeln und Gletschergebieten mit hoher Schneesicherheit,
o Pläne zur Erweiterung kleinerer Skigebiete in bisher unerschlossene Geländekammern hinein,
o Pläne zur Verbindung von einzelnen Skigebieten zu ganzen Skiregionen durch Erschliessung von Zwischentälern,
o Pläne zum Bau von neuen Bahnen und Liften in bisher unerschlossenen Regionen.

Immer höher, immer verrückter
Die veränderten Rahmenbedingungen und neuen Trends im Skitourismus haben negative Folgen für die alpine Natur und Landschaft.

Zunehmender Erschliessungsdruck:
Durch Ausdehnung in bisher vom Massentourismus unberührte Gebiete wird versucht, die Schneesicherheit zu erhöhen und zusammenhängende Skigebiete zu schaffen. Trotz dem Bekenntnis zur nachhaltigen Entwicklung ist in den meisten Alpenländern für solche Projekte weiterhin finanzielle Unterstützung durch den Staat vorgesehen.

Vormarsch des künstlichen Winters:
Angesichts der immensen Investitionen in Skistationen kann kein Risiko bezüglich der Schneelage eingegangen werden. Der Einsatz von künstlicher Beschneiung nimmt rasant zu (vgl. S. 7). Eine neuere Entwicklung ist die Abdeckung von Gletscherflächen mit reflektierenden Plastikfolien, um das Abschmelzen zu verhindern (vgl. S. 8).

Immer verrücktere Pistentrends:
Die Erlebnisgesellschaft macht auch vor den SkifahrerInnen nicht Halt. Eine Vielzahl von Events im Hochgebirge sind die Folge. Um auch in frequenzschwachen Zeiten zu ihren Umsätzen zu kommen, organisieren die Skistationen Grossanlässe. Beliebt sind Rockkonzerte, Kino-Openairs und Trendsport-Veranstaltungen, welche Tausende von Zuschauern anlocken.

Erhöhter Flächenbedarf:
Seit den neunziger Jahren hat die Skiindustrie erfolgreich neue Trends gesetzt. Als wichtigste neue Aktivitäten haben sich das Snowboarden und das Carving durchgesetzt. Die spezifischen Bedürfnisse der neuen Nutzergruppen führen zur Schaffung von breiteren Pisten. Zudem muss der Untergrund für gute Carving-Pisten mit dem Bagger planiert werden. Die bei den SnowboarderInnen beliebten Abfahrten ausserhalb der Pisten schaffen Probleme für Wildtiere und Jungwald.

Klimafolgen - bald Winter ohne Schnee?
Seit Jahren hängt der drohende Klimawandel als Damokles-Schwert über der Zukunft des Skitourismus. Die Aufrüstung in den künstlichen Winter war eine direkte Folge dieser Bedrohung. Unterdessen beschäftigen sich aber auch Winterstationen vermehrt mit der Klimathematik und suchen nach konstruktiven Auswegen. Eine grössere Zahl von Stationen setzt sich mit den lokalen Folgen des Klimawandels auseinander. Einige Pionierorte haben damit begonnen, ihren Beitrag gegen die Ursachen des Klimawandels zu leisten.

Instrumentalisierung der Berge
Im Zuge dieser Entwicklung scheinen die Alpen immer mehr zum Sportgerät und zur Eventkulisse zu verkommen. Ökologische Belange bleiben angesichts der Instrumentalisierung der Berge auf der Strecke. Unberührte Natur und traditionelle Kulturlandschaften, wichtiges Kapital alpiner Tourismusorte, werden durch den Bau von Infrastrukturen beeinträchtigt. Bauarbeiten verursachen lange sichtbar bleibende Narben in Boden und Vegetation und die Infrastruktur beeinflusst das Landschaftsbild.

Alpenschutz und Tourismusorte sind gefordert
Trotz all dieser Probleme darf nicht vergessen werden, dass die Skigebiete und die Bergbahnen heute zu den ökonomischen Leitbranchen im Alpenraum gehören und dies wohl auch in Zukunft so sein wird. In intensiv genutzten Tourismusgebieten sollte somit wenn möglich von Alpenschutzorganisationen und Skiorten gemeinsam nach zukunftsfähigen Lösungen für Landschaft und Tourismus gesucht werden.

Vor diesem Hintergrund bestehen für die Alpenschutzorganisationen verschiedene Handlungsspielräume und Lösungsansätze:

Zusammenarbeit mit Skistationen:
Beispiele erfolgreicher Kooperation zwischen Alpenschutzorganisationen und Skistationen/Bergbahnen gibt es. So wurde in Tirol/A ein neues Seilbahnprogramm erarbeitet (vgl. S. 15) und im Wallis/CH von Gemeinden, Umweltorganisationen und Bergbahngesellschaften gemeinsam die Erweiterung eines Skigebiets geplant. Die Alpenkonvention hat die Initiative für ein alpenweites Skigebiets-Audit ergriffen.
Gesetzliche Regulierungen einfordern:
Die Einforderung und insbesondere die Umsetzung von gesetzlichen Regelungen zum Alpenschutz bildet ein Gegengewicht zur aktuellen Tendenz des Abbaus von umweltpolitischen Errungenschaften.

Rechtliche Mittel ausschöpfen:
Die Einhaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen muss überwacht werden. In den Ländern und Regionen, in denen rechtliche Mittel wie Beschwerden und Klagen bestehen, sollen diese effizient ausgeschöpft werden, damit die rechtlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden. In der Schweiz gilt es insbesondere, das Beschwerderecht der Umweltverbände zu verteidigen.

Widerstand, Öffentlichkeitsarbeit und Aktionen:
Das letzte Mittel der Nichtregierungsorganisationen bildet der Widerstand, verbunden mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen vor Ort. Gerade gegen Skigebietserweiterungen gab es in den vergangenen Jahren eine Reihe von phantasiereichen Kundgebungen.

Trotz vielerlei Sachzwängen bestehen für die Tourismusorte genügend Handlungsalternativen für einen nachhaltigen Tourismus. In Frankreich zum Beispiel treibt nicht einmal ein Drittel aller Wintergäste Skisport. Statt Neu- und Ausbauten sind deshalb andere Wege vorstellbar und sinnvoll. In Zeiten rückläufiger Skifahrerzahlen und zunehmender Klimaerwärmung werden im Alpenraum langfristig diejenigen Tourismusorte Bestand haben und ihren Handlungsspielraum wahren können, die Natur und Landschaft als ihr wichtigstes Kapital begreifen und Alternativen zum einseitigen Skitourismus anbieten.


Dienstleistungsabkommens General Agreement on Trade in Services (GATS) und Nachhaltigkeit im Wintertourismus
Gemäss dem GATS-Abkommen, über das seit 2000 verhandelt wird, müssen alle WTO-Mitgliedsländer ihren Dienstleistungmarkt international öffnen und inländische Massnahmen so anpassen, dass sie den Marktzugang nicht mehr als notwendig beschränken. Ausländische Anbieter werden den inländischen gleichgestellt.
Mit den GATS-Verpflichtungen im Tourismus öffnen die Mitglieder den Markt für ausländische Investoren. Vom Tourismus lebende Berggemeinden stehen unter hohem Druck, für ihre Bergbahnen Geldgeber zu finden. Hier springen immer häufiger ausländische Unternehmen ein. Ihr erstes Ziel ist Rentabilität, Natur- und Landschaftsschutz sowie die Selbstbestimmung der Gemeinden haben geringen Stellenwert. Die Tourismusorte riskieren, in eine Abhängigkeit von internationalen Unternehmen zu geraten. Vorschriften zur Erhaltung von Naturlandschaften können als Handelsbeschränkung gesehen und damit übergangen, bestehende Regelungen aufgeweicht werden. Unter GATS-Bestimmungen dürfte dies in Zukunft zunehmend geschehen: Werden einem internationalen Investor Konzessionen gemacht, müssen diese dann auch anderen Interessenten gewährt werden.
Publikation der Erklärung von Bern zu "GATS, Tourismus und Umwelt":
Bestellung über www.evb.ch/p25011384.html (de/fr).