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Bergsteigerdorf statt Olympiadorf

(c) Fritz Rasp

Weshalb Ramsau bei Berchtesgaden zum ersten Bergsteigerdorf Deutschlands wurde und warum es dabei um mehr als ein Tourismuslabel geht.

«Wir sind Olympiasieger in erfolglosen Olympiabewerbungen», sagt der Ramsauer Tourismusdirektor Fritz Rasp und lacht. Nach mehreren vergeblichen Olympiabewerbungen mit unterschiedlichen Partnern habe er sich dazu entschlossen, keinen sportlichen Grossevents mehr hinterherzulaufen. «Ich habe gesehen, dass wir einen ganz anderen Schatz beherbergen, nämlich dieses Ortsgefüge, verbunden mit der Berglandschaft und der Natur.»

2013 hörte Rasp davon, dass der Deutsche Alpenverein die Idee der österreichischen Bergsteigerdörfer übernehmen wollte. Er trug seine Idee im Gemeinderat vor und organisierte eine BürgerInnenversammlung – mit Erfolg: 2015 erhielt Ramsau das Bergsteigerdorf-Siegel. «Das ist nicht nur ein touristisches Label für uns. Wir wollen unsere Gemeindepolitik nach der Bergsteigerdorf-Philosophie ausrichten.» Die Ramsauerinnen und Ramsauer siedelten alte Nutztierrassen wie das Alpine Steinschaf oder das Schwarze Alpenschwein wieder an, ein Hotel bezieht sein gesamtes Lammfleisch von lokalen Bauern und Veranstaltungen wie das «Alpine Philosophicum» von Jens Badura laden zum kritischen Nachdenken ein. Der Kulturphilosoph betreibt hier seit 2016 sein berg_kulturbüro. Tourismusdirektor Rasp schätzt ihn als Ideengeber, «der uns animiert, an das Grosse und Ganze zu denken».

Jens Badura regt zum Nachdenken an, beispielsweise über Gründe und Folgen des «Overmountaineering», also den überbordenden Bergsport, der auch in der Ramsau spürbar wird. Diese Entwicklung hänge aber nicht mit dem Auftreten als Bergsteigerdorf zusammen, meint er. «Ich finde es problematisch, wenn man diesen Kurzschluss macht.» Viel wichtigere Faktoren für die touristische Attraktivität von Ramsau seien der Nationalpark Berchtesgaden und der Watzmann, ein weithin bekannter Berg. Die Entscheidung, sich als Bergsteigerdorf zu bewerben, versteht Badura als Selbstverpflichtung zur Umsetzung der Alpenkonvention auf lokaler Ebene. Daraus folge eine bestimmte Art des Umgangs mit touristischer Attraktivität. «Und zwar eines Umgangs, der sagt: Wir wollen das, was wir haben und was uns attraktiv macht, nicht um jeden Preis in Geld umsetzen, sondern vor allem auch für uns erhalten.»

 

Quellen und Links:

www.berchtesgaden.de/ramsau (de), www.bergsteigerdoerfer.org/53-0-Bergsteigerdorf-Ramsau.html (de) bergkulturbuero.wordpress.com/ (de) /www.bergsteigerdoerfer.org/6-0-Die-Philosphie-der-Bergsteigerdoerfer.html (de)

Steckbrief

Was: Bergsteigerdorf

Wer: Gemeinde, Tourismusverein

Wo: Ramsau bei Berchtesgaden

Wann: Seit 2015, erstes Bergsteigerdorf Deutschlands

Wie: Die Bergsteigerdörfer setzen sich für die Umsetzung der Protokolle der Alpenkonvention ein, eines völkerrechtlichen Vertrags zur nachhaltigen Entwicklung und zum Schutz der Alpen. Sie sind vorbildhaft im nachhaltigen Alpintourismus und halten sich mit technischen Erschliessungen der Berge zurück. Sie setzen auf kleine Betriebsgrössen der Beherberungsbetriebe, neue Bauwerke müssen zum ortstypischen Erscheinungsbild passen. Sie streben nachhaltige Bergland- und Waldwirtschaft an, bemühen sich um den Natur- und Landschaftsschutz, fördern den öffentlichen Personenverkehr im Tourismus und tauschen ihre Erfahrungen untereinander aus.

Übertragbarkeit: Hoch – vor allem für Bergdörfer, deren größte Potentiale in ihrer Ursprünglichkeit, ihrer Tradition und Kultur liegen. Es gibt mittlerweile bereits 28 Bergsteigerdörfer in Deutschland, Österreich, Italien und Slowenien. (Stand: Mai 2019)