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Olympische Winterspiele Turin 2006

Sprungschanze bei Turin. © Francesco Pastorelli, CIPRA Italien.

Die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin fanden im ehemaligen Fiat-Präsidenten Gianni Agnelli einen grossen Unterstützer. Er nutzte seinen internationalen Einfluss, um das Internationale Olympische Komitee (IOC) für die Stadt im Piemont zu gewinnen. Man darf nicht vergessen, dass Fiat seit jeher die Politik in Turin und im Piemont mitbestimmt. Und so sassen auch im Organisationskomitee TOROC und in der Agentur Turin 2006 Vertrauensleute von Fiat. Während es sich beim TOROC um eine privatrechtliche Stiftung handelte, die nicht den Regeln und Kontrollen für öffentliche Aufträge unterlag, war die Agentur Turin 2006 als staatliche Körperschaft gegründet worden mit dem Zweck, die für die Spiele notwendigen Anlagen und Infrastrukturen mit öffentlichen Mitteln zu realisieren.

3,5 Milliarden Euro – anstatt der veranschlagten 500 Millionen

Für die Olympischen Winterspiele in Turin wurden Mittel in Höhe von rund zwei Milliarden Euro bereitgestellt: 1,4 Milliarden vom italienischen Staat, 200 Millionen von der Gemeinde Turin, 300 Millionen von Privaten und 159 Millionen von anderen Körperschaften. Die Einnahmen aus Fernsehrechten, von Sponsoren, durch Eintrittskarten u.a. lagen knapp unter einer Milliarde Euro. Die Organisationskosten stiegen auf ca. 1,5 Milliarden Euro, während der Bau der Sportstätten über zwei Milliarden Euro kostete. Um das Defizit auszugleichen, mussten weitere öffentliche Mittel aufgebracht werden. Im 1998 eingereichten Bewerbungsdossier war man noch von geschätzten Kosten in Höhe von ca. 500 Millionen Euro ausgegangen.

Werbung für die Stadt, Ruinen für die Täler

Für die ganze Welt handelte es sich um die «Spiele von Turin». Doch in der Stadt Turin fanden nur einige Indoor-Wettbewerbe statt. Die meisten Wettkämpfe wurden in Bergorten in den Tälern Susa und Chisone ausgetragen. Für die Stadt Turin war es also eine Gelegenheit, Marketing für sich zu betreiben. Anders verlief es für die Bergorte, die nach den Spielen mit der Hinterlassenschaft der grossen und teuren Anlagen, wie zum Beispiel der Bobbahn und den Skisprungschanzen, zu kämpfen hatten. Diese Anlagen, die 60 bzw. 35 Millionen Euro kosteten, wurden nach 2006 so gut wie nicht mehr genutzt, weil die Betriebskosten zu hoch sind – 2,2 Millionen Euro pro Jahr für die Bobbahn und 1,5 Millionen Euro für die Skisprungschanzen – und weil diese Sportarten in Italien nur von wenigen Athleten ausgeübt werden.
Das IOC handelte verantwortungslos, als es die Nutzung der bestehenden Anlagen in Albertville – Austragungsort der Spiele von 1992 – unweit der Turiner Wettkampfstätten nicht erlaubte. Der Vorschlag von Umweltorganisationen, provisorische Anlagen zu errichten, die nach den Spielen wieder hätten abgebaut werden können und die somit kostengünstiger und umweltfreundlicher gewesen wären, wurde von den italienischen Organisatoren abgelehnt.
Siehe auch «Die Ruinen von Turin 2006», SzeneAlpen Nr. 94, Seite 16
http://www.cipra.org/de/alpmedia/news-de/4210

Getäuschte Bevölkerung

Die öffentliche Meinung wurde stark beeinflusst durch die Massenmedien, die in Italien vorwiegend von der Politik- und Wirtschaftslobby kontrolliert werden. Diese hoben nur die positiven Aspekte hervor Vermutlich hätte sich, im Gegensatz zu anderen Orten, bei einem Bürgerentscheid eine Mehrheit der Bevölkerung für die Spiele ausgesprochen. Die Bergorte als kleine Gemeinden mit wenig Einfluss auf die strategischen Entscheidungen, die in Rom und Turin getroffen wurden, passten sich an in der Hoffnung, ein Stück vom Geldkuchen abzubekommen.
Gegen die Spiele erhoben nur das Komitee «No Olimpiadi» und Umweltorganisationen ihre Stimme. Deren “Gegen alles”-Strategie, die sie nach der Vergabe der Spiele an Turin, fortsetzten, trug nichts zur Verbesserung von umweltbelastenden und überteuerten Projekten bei, sondern erwies sich im Nachhinein als unwirksam und erfolglos.

Die traurige Realität nach den Spielen

Die Olympischen Spiele hätten eine Neuausrichtung des Tourismus in den Turiner Bergen ermöglichen sollen. Neue Hotelbetten sollten entstehen in einem Gebiet, in dem Zweitwohnsitze überwiegen, der Qualitätstourismus sollte gefördert und die Saison verlängert werden. Doch nichts von all dem geschah. Die olympischen Dörfer wurden in Zweitwohnsitze umgewandelt und der Tourismus boomt nur zum Jahresende. An den Wochenenden sorgen Skifahrer für lange Staus auf den Strassen, aber im Rest des Jahres ist wenig los, genau wie vorher.
Vermutlich konnte die Stadt Turin aufgrund ihrer Grösse die Grossveranstaltung besser verkraften als die Bergorte. Das Oval, das für die Eisschnelllaufwettbewerbe gebaut wurde und rund 70 Millionen Euro kostete, wurde zur Messehalle umgestaltet und im Palaolimpico (Kostenpunkt: 85 Millionen Euro) finden Konzerte und Veranstaltungen statt. Das Mediencenter und das olympische Dorf auf dem ehemaligen Gelände der Mercati Generali, in dem die Athleten untergebracht waren, sind dagegen heute eine Art Ghetto, das illegal von Asylbewerbern und Flüchtlingen besetzt und dem völligen Verfall preisgegeben wird

Über den Autor:
Francesco Pastorelli ist Geschäftsführer von CIPRA Italien. In dieser Funktion hat er die Spiele 2006 in Turin von der Kandidatur bis zum heutigen Tag verfolgt und sich vor allem mit den Folgen für die Bergorte beschäftigt.

Kontakt: francesco.pastorelli@cipra.org