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Berge verbinden – gemeinsame Arbeit auf der Pölcher Alm

Bilder: Luisa Deubzer

„Demeter entspricht einfach am meisten meinen Werten und Vorstellungen davon, wie wir arbeiten sollten. Könnte gut sein, dass ich anders mehr Gewinn erzielen könnte, aber für mich ist das eine Frage der Werte“, erzählt uns Marinus, der Landwirt auf dessen Almfläche wir heute mitanpacken, beim Mittagessen auf die Frage, warum er – bzw. sein Opa, damals auf Marinus Drängen hin – seinen Betrieb auf Demeter umstellte . Marinus hat vor acht Jahren, mit 18, den Hof in Samerberg vom Opa übernommen. Mitgearbeitet hat er da eigentlich schon immer. Ein Teil der Kühe kommt im Sommer auf die Alm, die Marinus zusammen mit zwei weiteren Besitzern gehört.

Sehr idyllisch gelegen ist sie, die Pölcher Alm, in Mitten des Wandergebiets über Samerberg. Man könnte meinen, seine Kühe im Sommer auf die Alm zu stellen erleichtere den Bauern die Arbeit. Schließlich können die Kühe sich dort den ganzen Tag selbst Futter suchen. So ist es natürlich in der Realität nicht. Eine Alm weiter in Stand zu halten, verursacht viel Extraarbeit. So müssen zum Beispiel regelmäßig Bäume, die sonst die Almfläche zurück erobern würden, geschnitten, Latschen geschwendet und Steine aufgelesen werden. Marinus zeigt auf ein altes, gezeichnetes Bild an der Wand. Man sieht deutlich, dass vor über 100 Jahren die Bäume noch einen sehr viel kleineren Teil des Gebietes einnahmen.

Zwischenzeitlich war die Pflege der Alm stark vernachlässigt worden und wird erst seit fünf Jahren wieder aktiv betrieben. Seitdem versucht man die Größe der freien Fläche zumindest beständig zu halten. Einen wichtigen Teil dieser Arbeit leisten die Kühe selbst. Hierzu gibt es auch ein Beweidungskonzept, welches regelt, wann die Kühe welchen Teil der Alm beweiden sollen. Zum Beispiel sollten die Kühe so früh wie möglich aufgetrieben werden, damit sie auch Weideunkräuter, wie Brombeeren und Brenesseln essen, die dann noch zarter und schmackhafter sind als später im Jahr. Aber trotzdem muss der Mensch eben noch nachhelfen, um die Fläche freizuhalten. Nach der Arbeit am Vormittag, ist uns das mittlerweile ohnehin klar, doch, was Marinus erzählt, bestätigt dieses Bild noch einmal: Eine Alm zu bewirtschaften ist sau viel Arbeit.

Wir erfahren auch, dass man mit dem Kauf von „Bergbauernmilch“, die es im Supermarkt gibt, keineswegs zwangsläufig die Almwirtschaft unterstützt. Ob ein Betrieb noch als Bergbauernhof zählt oder nicht, ist teilweise recht willkürlich entlang von Gemeindegrenzen festgelegt und schließt viele Betriebe mit ein, die im Flachland produzieren - unter den gleichen Bedingungen wie ihr Nachbar auf der anderen Seite der Gemeindegrenze, dessen Milch jedoch keine „Bergbauernmilch“ ist.

Langsam wendet sich unser Gespräch beim Mittagessen von den spezifischen Fragen rund um Alm- und Landwirtschaft zu anderen Themen. Angeregt wird darüber diskutiert, wie es mit der Ungleichheit in Deutschland weitergeht und was unsere gesellschaftliche Vorstellung von Fortschritt ist.

Ich schaue mich am Tisch um und staune etwas. Was für eine unwahrscheinliche Zusammenstellung von Menschen, die hier beim Essen sitzt, zusammengeführt durch die Arbeit auf der Alm. Das gemeinsame Anpacken am Vormittag hat „das Eis“ bereits besser gebrochen, als es jeder Small-Talk geschafft hätte. Wir haben alle recht unterschiedliche Perspektiven und Hintergründe, und doch in vielen Dingen erstaunlich ähnliche Ansichten.

Neben mir sitzt Moni, die extra für uns ein vorzügliches Mittagessen gekocht hat. Sie arbeitet einen Teil des Sommers auf der Alm und ich sehe, wie sehr ihr die Kühe am Herzen liegen. Einige Studierende sind auch dabei, wie Sarah, die sich in Augsburg für die Plastikfrei-Bewegung einsetzt, oder Marc, der in Innsbruck Umweltmanagement in Bergregionen studiert. Er unterhält sich mit Jafer, aus Eritrea, der seit zwei Jahren in der Nähe von Rosenheim lebt und dessen Deutsch schon fast besser ist, als mein eigenes. Dort, wo er herkommt, gibt es zwar auch Berge, aber diese sind sehr viel karger als hier, mit dem saftigen Gras und dem dichten Wald überall. Dimitri, ein sechzehnjähriger junger Mann aus dem Kongo, hört etwas stiller zu. Später, beim Arbeiten, als wir herausfinden, dass wir beide französisch sprechen, sprudelt er aber auf einmal vor Geschichten über und ich erfahre, dass er später einmal Rechtsanwalt werden möchte. Wegen der Gerechtigkeit und weil es zu wenige gute Anwälte gibt. Für ihn ist es heute das erste Mal, dass er tatsächlich in den Bergen ist. Davor hat er sie immer nur von unten gesehen. Während er sich am Anfang des Tages noch sehr zögerlich am Hang bewegt, ist er am Ende schon sichtlich vertrauter mit der neuen Umgebung und genießt die neue Perspektive.

Neben Marinus sitzen Jonathan und Tobias, zwei Schüler aus der Rosenheimer Walddorfschule, die gerade bei ihm auf dem Hof Praktikum machen und offensichtlich ziemlich Spaß an der Arbeit haben, und Tobi, der eigentlich Handwerker ist, aber seinem Spetzl Marinus gerne öfter mal zur Hand geht. Vor der Tür erklärt Wast, der 67 Jahre alte Wegewart der Sektion Rosenheim, Lilli, Uwe und Nicolas die Gipfel der Umgebung. Er kennt „sein“ Gebiet hier wie seine Westentasche und teilt sein Wissen gerne mit uns.

Während wir am Nachmittag weiter Äste zusammenräumen und sie zu Haufen an die Bäume schichten – ein wertvoller Lebensraum beispielsweise für Kreuzottern –, wird fröhlich geredet und man tauscht sich weiter aus. So arbeiten wir vor uns hin und genießen das gemeinsame Anpacken in dieser tollen Kulisse.

Als wir am späten Nachmittag fertig sind, sind wir zwar geschafft, aber zufrieden.

Jetzt wartet noch der idyllische Abstieg über die Feichteck Alm auf uns. Zum Glück haben wir mit Wegewart Wast ja einen echten Ortskundigen dabei, der uns den richtigen Weg herunterführt und uns dabei noch eine Menge über das Gebiet erzählt.

Mein persönliches Fazit: Dieser Tag hat mir mal wieder gezeigt, warum ich mich für die Zukunft der Alpen einsetze und diese mitgestalten will. Ein Tag draußen in den Bergen. Ein Tag, der mir die Gelegenheit gab, neue Menschen und andere Perspektiven kennenzulernen und mich ein bisschen nützlich zu machen.