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Zu Gast und zu Hause

Ein gutes Leben: In Städten wie Annecy/F verschwimmen die Grenzen zwischen Einheimischen und Gästen. © Antoine Berger

Ein gutes Leben: In Städten wie Annecy/F verschwimmen die Grenzen zwischen Einheimischen und Gästen. © Antoine Berger

Die Menschen in den Alpen haben sich längst an fremde Gesichter gewöhnt. Die Unterscheidung zwischen Einheimischen und Gästen ist müssig. Es braucht neue Allianzen, um die Daseinsvorsorge und den sozialen Zusammenhalt zu gewährleisten.

Die neuere Geschichte der Alpen ist eng mit der Geschichte des Tourismus’ als Ganzes verbunden. Seit der «Grand Tour», die den englischen Adel auf Erkundung von Landschaften und Sehenswürdigkeiten durch Europa und damit auch durch die Alpen führte, sind diese zu einer Topdestination des Besichtigungstourismus’ geworden. Und sie sind es bis heute geblieben. Die BewohnerInnen der Alpen hatten also genügend Zeit, sich an die Anwesenheit von AusländerInnen, Natur- und LandschaftsliebhaberInnen und BesucherInnen zu gewöhnen, deren Werte und Gepflogenheiten sich mitunter stark von ihren eigenen unterschieden. Aber wie ist es zwei Jahrhunderte später um die Unterscheidung zwischen TouristInnen und Einheimischen in den Alpen bestellt? Und wie steht es um die Beziehungen zwischen diesen Bevölkerungsgruppen? Das ist eine schwierige Frage, weil das Phänomen Tourismus und seine sozialen Auswirkungen sehr vielschichtig sind.

Mittlerweile gibt es so viele verschiedene Arten, TouristIn in den Alpen zu sein, dass eine einfache und einheitliche Betrachtungsweise dieser Aktivität schon lange nicht mehr möglich ist. Anders als damals bei den ersten Reisenden handelt es sich bei den heutigen TouristInnen um sehr unterschiedliche Personengruppen – Wanderfreundinnen und Gelegenheitskletterer, versierte Skifahrerinnen und Anfänger, Stamm- und Tagesgäste vom anderen Ende der Welt –, deren Beziehung zu den Alpen oft sehr unterschiedlich ist. Dazu kommen die BewohnerInnen der umliegenden Städte, die ab und zu für einen Tag in die Berge fahren. Und dann gibt es noch diese neuen saisonalen BewohnerInnen, mitunter ältere Leute, die je nach Jahreszeit an unterschiedlichen Orten wohnen. Die Vielfalt der TouristInnen und AusflüglerInnen ist inzwischen so gross, dass es heute weder anhand von sozio-ökonomischen Merkmalen noch aufgrund der Motive und des Engagements möglich ist, ein typisches Profil zu erstellen.

Klein-London in den Alpen

Aber nicht nur die TouristInnen, sondern auch die BewohnerInnen selbst unterscheiden sich voneinander. Die alpine Bevölkerung ist seit jeher vielschichtig und in unterschiedlichem Mass betroffen von der Anwesenheit von Urlaubsgästen und der Verfügbarkeit von damit verbundenen Ressourcen. Es ist jedoch offenkundig, dass ein wachsender Teil der AlpenbewohnerInnen inzwischen vom Tourismusimage bzw. von der Tourismuswirtschaft in den Alpen abhängig ist. In einigen Tälern und Ortschaften ist der Tourismus bei weitem der wichtigste Wirtschaftszweig. In vielen Alpengemeinden haben sich neue BewohnerInnen niedergelassen, obwohl sie weiterhin in den grossen Ballungsräumen am Alpenrand arbeiten – in München, Wien, Mailand, Turin, Genf, Lausanne oder noch weiter weg. So sind zum Beispiel Hunderte von EngländerInnen nach Verbier in der Schweiz und Chamonix in Frankreich gezogen, bleiben durch Telearbeit oder wöchentliches Pendeln aber weiterhin «LondonerInnen». Bei diesen neuen BewohnerInnen handelt es sich zwar nicht um TouristInnen im klassischen Wortsinn, aber sie haben die Alpen als Wohnort gewählt, um vom touristischen Umfeld zu profitieren.

Die traditionelle Unterscheidung zwischen Gästen und Einheimischen, die in der öffentlichen Debatte häufig in den Vordergrund gerückt wird, funktioniert nicht mehr. Die soziale und kulturelle Herausforderung, vor der die AlpenbewohnerInnen heute stehen, lautet deshalb: Können sie dem Auseinanderbrechen der traditionellen sozialen Strukturen und der extremen Individualisierung von Werten und Gepflogenheiten standhalten? Was kann der Tourismus beitragen – oder eben nicht? Können sie – ob einheimisch, zugezogen oder durchreisend – neue, starke Gemeinschaften und Allianzen bilden, vor allem wenn es um Ziele wie Landschaftsschutz, Vereinsleben und Sicherstellung der Daseinsvorsorge geht? Heute ist das alles in den Alpen noch gewährleistet. Aber die Zukunft der lokalen Gesellschaften in den Alpen hängt massgeblich von der Fähigkeit aller Seiten ab, neue soziale Bindungen zwischen allen AnwohnerInnen – Einheimischen und Zugezogenen, Kurz- und Langzeitgästen – zu knüpfen und zu pflegen und sich gemeinsam für ihre Umwelt einzusetzen.

Bernard Debarbieux, Universität Genf / CH

Von der Destination zum Lebensraum

Wie ein Markenbildungsprozess gegen innen wirkt, damit setzt sich Südtirol auseinander. Früher war die Marke primär auf den Tourismus und die Landwirtschaft ausgerichtet. Im aktuellen Markenbildungsprozesses steht die Vision, Südtirol als Lebensraum zu stärken, im Vordergrund. Die Verantwortlichen der «Dachmarke Südtirol» wollen eine «kontrastreiche Symbiose aus alpin und mediterran, Spontaneität und Verlässlichkeit, Natur und Kultur» leben und den Gästen bieten. Dies in der Überzeugung, dass das Angebot für Gäste und Kunden nur dann glaubwürdig ist, wenn es im Gleichschritt ist mit dem, was auch die einheimische Bevölkerung lebt und liebt, wie Thomas Aichner, Kommunikationschef der IDM Südtirol, ausführt. «Der Strategieprozess hat sicherlich einen Beitrag zum Zusammenhalt in Südtirol geleistet.»
Andreas Riedl, Geschäftsführer von CIPRA Südtirol, begrüsst die Bemühungen weg von einer rein touristischen Aufwertung der Destination hin zu einer ganzheitlicheren Betrachtung des Lebensraums. «Allerdings», so Riedl, «prallen hier Anspruch und Realität im ‹begehrtesten Lebensraum Europas› teils noch hart aufeinander, wie die Beispiele zum Pestizideinsatz in der intensiven Obstwirtschaft oder die negativen Begleiterscheinungen des zunehmenden Tourismusdrucks auf diesen Raum zeigen.»

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