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Von globalen Trends und lokalen Handlungsfeldern

Wer die Zusammenhänge erkennt, kann besser handeln. © Johannes Gautier

Die äusseren Einflüsse auf das Leben in den Alpen nehmen zu. Doch die Handlungsfähigkeit bleibt bestehen. Gemeinden sind ihrer Nähe zur Bevölkerung wegen prädestiniert, die nachhaltige Entwicklung voranzubringen.

Gut 14 Millionen Menschen leben in den Alpen. Etwa 120 Millionen Gäste kommen in der Sommer- und Wintersaison hinzu. So steht es im Alpenzustandsbericht 5 «Demografischer Wandel in den Alpen» der Alpenkonvention (2013). Das Lebensgefühl der Menschen wird wesentlich geprägt vom Ort, an dem sie leben. Den rund 6’200 Gemeinden im Alpenbogen kommt eine zentrale Rolle zu, wenn es um die Sicherung der Lebensqualität geht. Ein glückliches Leben bedeutet mehr als eine funktionierende Grundversorgung. Idealerweise sorgen Gemeinden auch für den passenden Rahmen, damit die Menschen ihre Talente einbringen und ihre Lebenswünsche verwirklichen können.

Je nach Land haben Gemeinden unterschiedliche Zuständigkeiten und Handlungsmöglichkeiten, abhängig vom jeweiligen politischen System. Entscheidend sind weitere Faktoren wie Grösse, geografische Lage oder Bevölkerungszusammensetzung. Entsprechend unterschiedlich sind die Herausforderungen.

Im Projekt alpMonitor hat die CIPRA gemeinsam mit Expertinnen und Experten fünf globale Trends ausgemacht, die wesentlich auf die Alpen wirken: Klimawandel, zunehmende Mobilität, Segmentierung der Wirtschaft, demografischer Wandel und Mediatisierung. Auf diese Trends haben Alpengemeinden wenig Einfluss. Doch sie haben deren Folgen vor Ort zu bewältigen.

Der Berg kommt

Die Temperaturen in den Alpen steigen etwa doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. Das hat verschiedene Ursachen. Zum einen ist die Erwärmung über Landmassen generell grösser. Problematisch sind zudem Rückkoppelungseffekte: Je geringer und kürzer die Schnee- und Eisbedeckung, desto mehr erwärmt sich das schnee- und eisfreie Land, und desto schneller schmelzen wiederum Schnee und Eis. Wenn Gletscher schmelzen und Permafrostböden  auftauen, gibt es mehr Fels- und Bergstürze sowie mehr heftige Niederschläge und Murgänge im Sommer. Gemeinden kämpfen an vorderster Front bei solchen Ereignissen.

Die Menschen erfahren über die Medien von diesen Zusammenhängen. In der Flut der Informationen setzt sich die sensationelle Meldung durch, die sich mit spektakulären Bildern illustrieren lässt. Somit haben seltene, aber extreme Ereignisse grössere Chancen in die Medien zu kommen als häufige. Randerscheinungen werden höher gewichtet als die Normalität. Zum Beispiel wird Umweltkatastrophen viel Platz eingeräumt, während schleichende Umweltentwicklungen wie der Klimawandel oder langfristige Lösungsstrategien wie nachhaltige Entwicklung nur schwerlich durchdringen.

Hier hohe Bodenpreise, dort entleerte Dörfer

Die Segmentierung der Wirtschaft bewirkt, dass die Wertschöpfungsketten und Arbeitswege immer länger werden, d. h. Produktionsstätten und Verbraucher liegen immer weiter auseinander. Hochqualifizierte VerbraucherInnen finden im Grossraum von Metropolen wie München oder Grenoble Arbeit in einem der spezialisierten Unternehmen, die sich in den letzten Jahren hier niedergelassen haben. Die Verstädterung am Alpenrand frisst viel Land und treibt die Bodenpreise in die Höhe. Manche dieser Regionen sind funktional enger verbunden mit ausseralpinen als mit inneralpinen Regionen. Traditionelle Sektoren wie Land- oder Forstwirtschaft und Fertigkeiten wie Handwerk verlieren an Bedeutung. Mit der Spezialisierung und Segmentierung der Wirtschaft geht der soziale Zusammenhalt verloren. Die multifunktionale Wirtschaftsweise erfordert eine Anpassung der Bildungsangebote. Hier wiederum sind oft die Gemeinden gefordert.

Mobil und flexibel

Die Bevölkerung in den Alpen wächst – aber nicht überall. Das Wachstum ist grösstenteils auf Zuwanderung zurückzuführen. Besonders beliebt sind städtische Gebiete und solche entlang von Hauptverkehrsachsen. In abgelegenen Tälern reicht die Zuwanderung nicht aus, um die Überalterung und den Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zu kompensieren. Wo mehr ältere Menschen leben, ist wegen der längeren Lebenserwartung auch der Frauenanteil höher. Die jungen Frauen, die früher in der Regel für die Kinder- und Altenbetreuung zuständig waren, arbeiten heute vermehrt auswärts. Für Gemeinden stellt sich die Frage, wie der steigende Pflegebedarf abgedeckt werden kann.

Ein relativ neues Phänomen ist die Wohlstandsmigration: Junge, gut situierte Städterinnen und Städter suchen neue Lebensformen und tragen so zu einer Wiederbelebung von abgelegenen Bergdörfern bei. Manche arbeiten dank neuer Technologien zu Hause und pendeln zwischen mehreren Wohnsitzen.

Die Verschiebung von Wohnsitzen und Arbeitsplätzen bringt Mehrverkehr in die Alpen. Der Anteil der Wege, die mit dem eigenen Auto bewältigt werden, ist in den Alpen grösser als ausserhalb, wegen der Topografie und wirtschaftlichen Situation. Haushalte in gering besiedelten Alpenregionen geben etwa ein Drittel mehr für Verkehr aus als in dicht besiedelten. Der Abwanderungsdruck nimmt zu.

Wie reagieren Gemeinden auf diese Trends? Wie bringen sie neues Leben in die Dörfer? Die Lösungsansätze sind so vielfältig wie die Ausgangslagen und die Menschen in den Alpen. Basis gesellschaftlicher Veränderungen sind gemeinsame Werte. Alpengemeinden, die auf Solidarität, Genügsamkeit und Partizipation setzen, haben gute Aussichten, ein gutes Leben zu ermöglichen und zu bewahren.

Barbara Wülser, CIPRA International

alpmonitor.cipra.org

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