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Standpunkt: Vom Transit überrollt

Andreas Riedl, Geschäftsführer von CIPRA Südtirol © CIPRA Südtirol

Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Herzinfarkte – die Belastung für die Menschen entlang von Transitrouten wie dem Brenner ist enorm. Die Politk wägt Massnahmen ab, beschliesst, relativiert wieder. Doch jeder weitere Aufschub gefährdet die Bevölkerung, betont Andreas Riedl, Geschäftsführer von CIPRA Südtirol.

Lawinen sind gefährlich. Das wissen besonders die BewohnerInnen im Alpenraum. Eine Realität, die sich ins kollektive Gedächtnis eingeprägt hat. Den wenigsten ist allerdings bewusst, dass nicht nur Schneelawinen Leib und Leben gefährden können, sondern auch jene aus Blech. Besonders deutlich wird dies entlang der Brennerachse. Eine Transitlawine überrollt das Land und vergiftet mit ihren Emissionen die AnwohnerInnen entlang der Autobahn. Zehntausende leben und arbeiten in einem Gebiet, in dem die Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) ständig überschritten werden. Doch der politische Wille, dies zu ändern, ist schwach.

Bis dato verwies die Politik lokal und national auf das Dogma des freien Warenverkehrs – trotz klarer und verbindlicher Vorgaben aus Brüssel zur Einhaltung von Grenzwerten. Lieber pilgert man in Sachen Wolf und Bär nach Rom und Brüssel und lässt sich anschliessend zu Hause auch für Nicht-Erreichtes feiern. Dabei ist die Luftverschmutzung durch den (Transit-)Verkehr eindeutig die grössere Gefahr als ein paar Raubtiere.

In der Europäischen Union sterben pro Jahr 75’000 Menschen vorzeitig, weil sie zu hohen NO2-Emissionen ausgesetzt sind. Zu diesem Schluss kommt der Luftqualitätsplan der EU. Umgelegt auf Südtirol bedeuten diese Zahlen rund 70 vorzeitige Todesfälle, in etwa doppelt so viele wie durch Verkehrsunfälle. Immerhin: Letzthin kündigte die Politik dies- und jenseits des Brenners Massnahmen zur Eindämmung des Verkehrs an. Besonderes Augenmerk wurde dabei auf den Umwegverkehr gelegt, der einzig aufgrund von finanziellen Anreizen auf günstigen Transitrouten über die Alpen besteht. Allerdings müssen die Massnahmen konkreter und vor allem schneller umgesetzt werden, denn jeder weitere Aufschub bedeutet, weiterhin gesundheitliche Belastungen auf die Bevölkerung abzuwälzen, um die finanziellen Anreize für Transport-Lobbys aufrechtzuerhalten. Kostenwahrheit wäre ein erster Schritt, Gesundheitskosten inklusive.

Zu lange schon wurden die gravierenden negativen Begleiterscheinungen des zunehmenden Transitverkehrs über den Brenner kleingeredet oder ignoriert. Der Transitverkehr ist keine gottgegebene Realität, die wir fatalistisch hinnehmen müssen. Dringend nötige Massnahmen dürfen nicht länger aufgeschoben und angedachte Schritte zur Reduzierung der Belastung nicht wieder relativiert werden. Das hat auch die EU-Kommission erkannt: Letzte Woche lud sie neun VerkehrsministerInnen nach Brüssel ein, darunter einige Alpenstaaten, und drohte mit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof, sollten die betroffenen Staaten nicht aufzeigen, wie sie die Luftverschmutzung angehen. Gefragt sind wirksame Schritte in Richtung einer neuen und nachhaltigeren Mobilitätskultur, wie sie die CIPRA in ihrem Positionspapier «Genügsamkeit im Verkehr» fordert.

 

Quellen und weitere Informationen:

https://ec.europa.eu/germany/news/20180119-luft_dewww.cipra.org/de/positionen/genuegsamkeit-im-verkehr-auf-dem-weg-zu-einer-neuen-nachhaltigen-mobilitaetskultur