Benutzerspezifische Werkzeuge

  Suchfilter  

Weiterführende Informationen

News

Standpunkt: Wer Infrastrukturen sät, erntet Mehrverkehr

Barbara Wülser ist Kommunikationsverantwortliche bei CIPRA International. © Martin Walser

Ende Februar 2016 stimmen die SchweizerInnen über den Bau eines zweiten Strassentunnels am Gotthard ab. Das 4-Milliarden-Franken-Projekt würde die Verlagerungspolitik der Schweiz torpedieren, ist Barbara Wülser, Kommunikationsverantwortliche bei CIPRA International, überzeugt.

Der Verkehr rollt dort, wo er am schnellsten und günstigsten zum Ziel kommt. Das ist die Logik der freien Marktwirtschaft, wie sie hüben und drüben hochgehalten wird, und auch im Landverkehrsabkommen zwischen der EU und der Schweiz verankert ist. Das Abkommen untersagt eine künstliche Begrenzung der Verkehrskapazität. Damit wären wir am ersten und wundesten Punkt der Vorlage angelangt, über die die Schweizer Stimmberechtigten am 28. Februar 2016 abstimmen: Das Vorhaben untergräbt die Verlagerungspolitik.

Die Schweiz will für vier Milliarden Franken einen zweiten Strassentunnel am Gotthard bauen, aber die beiden Tunnel nach der Sanierung des bestehenden Tunnels nur einspurig befahren lassen. Die Schweizer Stimmbevölkerung hat nämlich in die Verfassung geschrieben, dass der alpenquerende Güterverkehr innert zehn Jahren auf die Schiene verlagert werden muss. Das war anno 1994. Die Umsetzung des gesetzlich festgelegten Ziels von maximal 650‘000 alpenquerenden Lastwagen pro Jahr wurde immer wieder hinausgeschoben. Heute sind wir bei einer Million Lastwagen. Die Bundesregierung hat das Ziel mittlerweile abgeschrieben.

Ohne konsequente Strategie werden Schienenprojekte zu Kathedralen in der Wüste. Derzeit sind die Schienenkapazitäten in der Schweiz nur zu 60 Prozent ausgelastet. Ab Dezember 2016 rollen Güter- und Personenzüge durch den neu eröffneten, längsten Tunnel der Welt, ebenfalls am Gotthard. Kostenpunkt: zwölf Milliarden Franken. Damit stehen weitere 40 Prozent an Schienenkapazitäten zur Verfügung. Wie soll sich dieses Generationenprojekt rentieren, wenn es gleichzeitig mit einem Ausbau der Strassenkapazität konkurriert?

Der Verkehr muss vermieden und auf die Schiene, aber nicht in andere Regionen verlagert werden, wie es auch die CIPRA in ihrem Positionspapier fordert. Am Brenner, dem mit Abstand am meisten frequentierten Alpenübergang, hat die Zahl der schweren Güterfahrzeuge zwischen 1999 und 2013 um 25 Prozent zugenommen, und damit auch die Belastung der BewohnerInnen durch Lärm- und Luftverschmutzung. Fast zwei Millionen Lastkraftwagen kriechen jährlich über den Pass. Mit dem Bau einer zweiten Röhre würde der Gotthard zur kürzesten vierspurigen Strassenverbindung zwischen Nord- und Südeuropa und Verkehrsströme von anderswo anziehen. Die Kosten für den zweiten Strassentunnel am Gotthard sind um drei Milliarden Franken höher als bei einer massvollen Sanierung. Hinzu kommen Betriebs- und Unterhaltskosten in der Höhe von jährlich 25 bis 40 Millionen. Das Geld fehlt woanders, vor allem in den Agglomerationen.

Die Menschen am Brenner und an anderen Alpenübergängen würden sich sicher freuen über eine Entlastung durch eine zweite Gotthardröhre. Allerdings müssten sie bei einem Ja noch bis mindestens 2027, möglicherweise auch bis nach 2033 warten, bis der neue Tunnel fertig gebaut und der alte saniert ist. Wer erinnert sich dann noch, was anno 2016 versprochen wurde?

Quellen und weitere Informationen: www.cipra.org/en/positions/transport-sufficiency-towards-a-new-sustainable-mobility-culture (en), http://ai.zweite-roehre-nein.ch/, www.bav.admin.ch/landverkehrsabkommen/index.html, www.bav.admin.ch/verlagerung/01529/index.html