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Standpunkt: Die Alpengemeinschaft darf die Flüchtlinge nicht vergessen!

Francesco Pastorelli, Geschäftsführer CIPRA Italien

Während die Eusalp die Alpenregionen zusammenzubringen will, sterben MigrantInnen an den Grenzen zwischen Alpenstaaten. Francesco Pastorelli, Direktor von CIPRA Italien, fragt: Was ist aus dem gastfreundlichen, solidarischen und toleranten Europa geworden?

Eine junge Nigerianerin starb in einem Turiner Krankenhaus, nachdem sie ihr Kind zur Welt gebracht hatte. Die französischen Polizisten, die sie aufgegriffen hatten, als sie zusammen mit anderen MigrantInnen nachts im Schnee den Colle della Scala (franz. Col de l’Échelle) zwischen Italien und Frankreich überqueren wollte, brachten sie nach Italien zurück und liessen sie einfach alleine in der Kälte am Bahnhof von Bardonecchia/I.

Einem französischen Bergführer drohen bis zu fünf Jahre Haft, weil er am Grenzübergang Monginevro einer Migrantin half, die im achten Monat schwanger war. In Bardonecchia stürmten Polizisten eine Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Zwischenfälle dieser Art häufen sich an den Grenzen in den Alpen.

Während die Alpenregionen mit der Europäischen Strategie für die Alpen (Eusalp) an geeinten Alpen arbeiten, schotten sich die Nationalstaaten ab. Wo ist der solidarische Geist der Europäischen Union geblieben? Können wir uns im Rahmen der Alpenkonvention weiter mit Umwelt, Landschaft, Verkehr und Tourismus beschäftigen, während im kalten Schnee der alpinen Grenzübergänge Menschen ihr Leben riskieren, nachdem sie unter grossen Gefahren die Wüste oder das Meer überquert haben? Lösungen für das Einwanderungsproblem sind schwierig zu finden, und es ist hier auch nicht der richtige Ort, über die Verteilung der Flüchtlinge, über ihre Aufnahme oder Abweisung zu entscheiden. Aber wir dürfen nicht hinnehmen, dass Menschen auf der Flucht vor Krieg und Hunger in den Alpen im reichen Europa auf Mauern und Stacheldraht stossen, dass ihnen in der Not nicht geholfen wird und dass denjenigen, die helfen wollen, Anklage und Gefängnis drohen. Gleichzeitig dürfen auch die kleinen Gemeinden an den Grenzen nicht mit dem Problem allein gelassen werden.

Zum Glück gibt es verschiedene Menschenrechtsorganisationen und lokale Initiativen, die sich für Flüchtlinge einsetzen; wie in Briançon in Frankreich oder in Bardonecchia. Kleine Berggemeinden helfen so gut sie können, etwa Ostana, das mit nur 80 EinwohnerInnen sechs Flüchtlinge aus Pakistan aufgenommen hat.

In den Alpen tätige Organisationen wie die CIPRA oder das Gemeindenetzwerk «Allianz in den Alpen» sind sich der Bedeutung einer gut integrierten, pluralistischen und multikulturellen Gesellschaft in den Alpen bewusst und setzen sich dafür ein. Allerdings dürfen wir uns nicht darauf beschränken, Projekte der internationalen Zusammenarbeit zu sozialen Themen auf den Weg zu bringen. Wir müssen jenen internationalen Institutionen die Augen öffnen, die den dramatischen Ereignissen an den Grenzen bisher passiv oder gleichgültig gegenüberstehen und deutlich machen, dass Offenheits- und Willkommensbekundungen in Wirklichkeit oft von Angst und Verschlossenheit konterkariert werden.

Die Geschichte der AlpenbewohnerInnen ist von Migration geprägt. Ganze Generationen von BergbewohnerInnen haben einst in der Not ihre Heimat verlassen und ihr Glück im Flachland, in Industriestädten, in anderen Ländern und Kontinenten gesucht. Viele sind reich an Erfahrungen, Kompetenzen, Kontakten und finanziellen Mitteln zurückgekehrt und haben so zur Entwicklung in ihrer Heimat beigetragen. Aus ihren Geschichten können wir für die heutigen Herausforderungen lernen.