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Saisonstart ohne Schnee

So wie im italienischen Prato Nevoso mussten Skifahrer Anfang Januar 2016 vielerorts in den Alpen ihre Schwünge auf schmalen Kunstschneebändern inmitten brauner Landschaft ziehen. (c) pratonevoso.com

Für viele Skigebiete in den Alpen war der diesjährige Saisonstart mit milden Temperaturen und Schneemangel ein Desaster. Eine Rundumschau und die Lehren daraus.

Zum Leidwesen vieler zog die weisse Pracht erst kurz nach dem Ende der weihnachtlichen Skiferien in die Alpen ein. Der verspätete Winteranfang bescherte den Bergbahnen laut unterschiedlichen Quellen Umsatzeinbussen bis zu über 50 Prozent, gehört doch das Feiertagsgeschäft für sie zu den lukrativsten des Jahres. Damit stellt der schlechte Saisonstart den Wintertourismus vor eine Reihe an Herausforderungen. Die verschiedenen Alpenregionen reagierten unterschiedlich auf den ausbleibenden Winter.

2015 war das mit Abstand wärmste Jahr seit Messbeginn. Wo die Temperaturen es überhaupt zuliessen, lief die Kunstschneeproduktion im Dezember auf Hochtouren, um wenigstens einen eingeschränkten Betrieb der Skianlagen zu ermöglichen. Welches Ausmass und welche Folgen die wachsende Beschneiung hat, zeigt die kürzlich veröffentlichte Studie «Der gekaufte Winter» der Gesellschaft für ökologische Forschung und des Bund Naturschutz in Bayern: Etwa 70‘000 Hektar werden im Alpenraum beschneit, dazu benötigt man 280 Milliarden Liter Wasser und etwa 1,4 Milliarden Kilowattstunden Energie – so viel wie der Jahresverbrauch von 350‘000 Haushalten.

Werden die Lehren daraus gezogen?

Auch seltsam anmutende Strategien kamen zum Zug: Der französische Skiort Sainte-Foy liess an zwei Tagen 100 Tonnen Kunstschnee mit dem Hubschrauber herbeifliegen. Die Gemeinde Saint-Martin-de-Belleville bat ihre Bevölkerung, während der stark von TouristInnen gebuchten Tage vor Silvester nicht skilaufen zu gehen. Die italienische Seilbahngesellschaft Federfuni hatte – vergeblich – darum angesucht, dass ihren Mitgliedern der «Naturkatastrophen-Status» mit entsprechenden Unterstützungsmöglichkeiten zuerkannt wird. Andernorts hingegen, etwa in der Schweiz, boomten Mountainbike- und Golfsport: Beim Golf-Club in Domat-Ems mussten die Gäste Schlange stehen. Auch der französische Skiort Villard-de-Lans konnte die BesucherInnen mit verschiedenen vom Schnee unabhängigen Aktivitäten locken.

Die Klimaprognosen lassen vermuten, dass der diesjährige schlechte Saisonstart sich immer häufiger wiederholen könnte. Damit ist absehbar, dass mehr und mehr Liftbetreiber Anlagen stilllegen müssen. Was mit solchen Ruinen geschieht, ist nicht überall geklärt. In Bayern diskutiert derzeit die Staatsregierung, wer die Kosten für den Rückbau trägt und wie die Renaturierung zu regeln ist. Nichtsdestotrotz florieren Ausbaupläne weiter, da Grundsatzfragen im laufenden Betrieb häufig nicht gestellt werden. «Auch für die sozialen und wirtschaftlichen Folgen für die Bevölkerung, etwa durch Entlassungen oder berufliche Neu-Orientierung, werden sich die Verantwortlichen Lösungen überlegen müssen» warnt Christian Baumgartner von CIPRA International. Damit neue Strategien für den Wintertourismus die nötige Akzeptanz finden und langfristig tragfähig sind, muss die Bevölkerung an der Diskussion beteiligt, das Angebot vielseitiger gestaltet und sichergestellt werden, dass die Wertschöpfung möglichst vor Ort bleibt – unter Rücksichtnahme auf die lokalen natürlichen Ressourcen.

 

Quellen und weitere Infos: http://www.bloomberg.com/news/features/2016-01-20/2015-was-the-hottest-year-on-record-by-a-stunning-margin (en), http://www.goef.de/kunstschnee, http://www.ledauphine.com/savoie/2015/12/27/100-tonnes-de-neige-par-helicoptere (fr), http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2015/12/23/97001-20151223FILWWW00284-les-3-vallees-les-locaux-pries-de-ne-pas-skier.php (fr), http://www.dovesciare.it/news/22/12/2015/federfuni-chiesto-lo-stato-di-calamita-naturale-per-la-mancanza-di-neve (it), http://bayernspd-landtag.de/presse/pressemitteilungen/?id=291672