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Im Fluss bleiben

Obere Iller © BEW

Das Projekt recharge.green hatte zum Ziel, zu nachhaltig genutzten Landschaften beizutragen, in denen Ökosysteme weiterhin funktionieren und Leistungen für Menschen erbringen, und in denen gleichzeitig die Energieerzeugung optimiert wird. Die Bayerischen Elektrizitätswerke (BEW) sowie CIPRA Deutschland waren jeweils Projektpartner. Die BEW plante im Rahmen von recharge.green, an der bestehenden Wasserkraftanlage Altusried an der oberen Iller zwischen Memmingen und Kempten das fischökologische Potenzial zu verbessern. Die CIPRA war im Projekt für die internationale Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Zeitgleich mit Projektstart in 2012 gab es in Bayern eine heftige politische Auseinandersetzung zwischen Naturschutzverbänden, Politik und Energieanbietern. Der Grund: die Nutzung von Wasserkraft im Zeichen der Energiewende und unter den Rahmenbedingungen der europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Die Naturschutzverbände sahen große Mängel in der Umsetzung der Richtlinie und wehr(t)en sich gegen neue Wasserkraftanlagen. Denn von den deutschlandweit 7‘700 vorhandenen Anlagen liegen alleine 4‘250 in Bayern. 92 % des dort gewonnen Stroms werden allerdings von nur rund 250 vorwiegend großen Anlagen geliefert. Das heißt, 4‘000 Kleinanlagen bringen nur 8 % des gesamten Stroms. Die ökologischen Auswirkungen dieser Kleinanlagen sind hingegen in der Summe gewaltig. Ein weiterer Ausbau der Wasserkraft in Bayern macht daher nach Ansicht vieler Fachleute keinen Sinn, da die großen Flüsse wie Isar, Lech oder Iller bereits hinreichend genutzt werden und neue Kleinanlagen den Gewässerzustand weiter verschlechtern würden.

Von Seiten der Mitgliedsorganisationen von CIPRA Deutschland gab es daher im Vorfeld zu recharge.green viele kritische Stimmen, die befürchteten, dass die BEW das Projekt einseitig für die eigene Öffentlichkeitsarbeit nutzen könnte. CIPRA Deutschland als Umweltdachverband würde dann ungewollt zu einem grünen Feigenblatt verkommen.

Vor diesem Hintergrund führten CIPRA Deutschland und die BEW zunächst ein Sondierungsgespräch. Schnell war klar, dass die CIPRA vorwiegend die naturschutzfachlichen Interessen (Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie, keine neuen Kleinkraftwerke) vertritt und die BEW neben gewünschten naturschutzfachlichen Verbesserungen aber auch den wirtschaftlichen Betrieb bestehender Kraftwerke sicherstellen will. Doch für beide Seiten war es ein Anliegen, dem anderen Partner zuzuhören, was eine wichtige Basis für alle weiteren Gespräche war Folgende Fragen wurden erörtert:

  • Wird die BEW im Projekt für Maßnahmen gefördert, die sie eigentlich im Rahmen ihrer gesetzlichen Verpflichtungen leisten müsste?
  • Wird es eine ausreichende Beteiligung der Naturschutzverbände am von der BEW geplanten Projekt Altusried an der Iller geben?
  • Gibt es von Seiten der Naturschutzverbände ein wirkliches Interesse, bei dem Projekt mit der BEW zu kooperieren – oder soll der landesweite, politische Konflikt im Rahmen der recharge.green-Aktivitäten an der Iller weitergeführt werden?  

CIPRA und BEW vereinbarten eine transparente Kommunikation. So informierte und diskutierte BEW mit CIPRA Deutschland die Ausschreibung des Projektes sowie die Auswahl der Projektmitarbeiter. Natürlich gab es dabei immer wieder Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen. Nicht alles konnte zur Zufriedenheit beider Partner gelöst werden. Wichtig war, dass bei den Renaturierungsmaßnahmen auch Fachleute aus dem Fischereibereich intensiv einbezogen wurden. So wurden Ergebnisse erzielt, die beim Modellprojekt in Altusried mittelfristig zu einer Verbesserung der allgemeinen Umweltsituation führen werden.

Die Grundprobleme der bayernweiten Nutzung von Gewässern, die weiterhin bestehende Forderung der Politik nach neuen Kleinanlagen und die schleppende Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie konnten auf Projektebene natürlich nicht allgemein thematisiert, geschweige denn beseitigt werden. Doch wurde durch die Zusammenarbeit von BEW und CIPRA in recharge.green insgesamt das gegenseitige Vertrauen gestärkt, eine Gesprächsbasis gefunden und die Diskussion ist im Fluss geblieben.

Was kann aus dem Projekt gelernt werden?

  • Kooperation braucht eine hinreichende Kommunikation
  • Kooperation braucht Zeit und Geduld
  • Kooperation braucht Ehrlichkeit und damit ein stabiles Vertrauen

Autor: Stefan Witty, Geschäftsführer von CIPRA Deutschland & Gerhard Haimerl, Leiter Wasserbau-Technik bei der BEW